Kolumne: Intern

Journalismus: Was sollen eigentlich die blöden Ressorts?

Joachim Braun
|
Eine Kolumne von Joachim Braun
| 22.04.2022 09:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Joachim Braun
Joachim Braun
Artikel teilen:

Im Internet ist vieles einfacher als in der Zeitung. Inhaltliche Ressorts spielen eigentlich keine Rolle, geografische sind aber offenbar ganz wichtig. Als ob es keine logischeren Lösungen gäbe.

Die journalistische Welt funktioniert nach dem Schachterl-Prinzip. Bewertet werden Themen danach, ob sie ins politische Ressort gehören, in die Wirtschaft, den Sport, die Kultur oder das Lokale. Als ob unsere Welt nach solchen Kriterien funktionieren würde. Als ob ein Thema XY nicht sowohl politisch als auch gesellschaftlich zu betrachten ist. Ich finde das ziemlich blöd.

In meiner früheren Redaktion bat ich mal einen Wirtschaftskollegen um eine Recherche über eine Supermarktkette, die in immer mehr Tankstellen Filialen eröffnet, was ja auch bedeutet, dass der Sonntags-Ladenschluss unterlaufen wird. Er schrieb einen umfassenden Artikel über das Investitionsvolumen für Supermarktkette und Tankstellenbetreiber. Mit einem Pastor sprach er nicht. Warum nicht? Er sei ja Wirtschaftsredakteur, sagte er. Ja, wenn die Welt so einfach wäre.

Zur Person

Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.

In unserer Mantelredaktion, zuständig für überregionale Nachrichten, haben wir die Teilung zwischen Wirtschaft und Politik überwunden. Manches was auf Panorama steht, könnte auch auf die Kultur. Und die Frage, ob eine Geschichte über die Meyer-Werft oder VW in Emden auf „Ostfriesland“ oder auf „Wirtschaft“ landet, sorgt jedes Mal für Diskussionen.

Unumstößlich sind lediglich die Lokalressorts: Wo Leer drüber steht, muss auch Leer drin sein. Und viele Leser überprüfen tatsächlich jeden Tag aufs Neue, ob die Zahl der Lokalseiten über ihre Heimatregion nicht geringer ist als die über eine andere. Da heißt es dann: „Über Leer steht ja nix mehr drin ...“ Ja, dieses Kirchturmdenken kann ich schon nachvollziehen, halte es aber in der heutigen Zeit, wo der Emder auch mal des Theaters wegen nach Oldenburg fährt, für überholt.

Mir wäre darum eine ganz andere Sortierung der journalistischen Inhalte am liebsten, nach Lebensbereichen. Also „Wohnen“ zum Beispiel und „Arbeiten“ oder „Mobilität“ und „Freizeit“. Ich traue mich aber nicht, ein solches Prinzip umzusetzen. Manche Revolutionen brauchen einfach Zeit. Was meinen Sie?

Kontakt: j.braun@zgo.de

Ähnliche Artikel