Osnabrück
Die Renaissance des Analogen
Hat der analoge Film ausgedient? Nicht nur Regisseure wie Quentin Tarantino halten dagegen. Auch in der Filmkunstszene tut sich etwas.
Vor 40 Jahren erreichte die digitale Transformation die Populärkultur. 1982 begann der Siegeszug der CD. Sie sollte die Singles und die Langspielplatten überflüssig machen. Und die Studiobosse noch reicher. Letzteres hat nur kurz geklappt. Aber der digitale Raum droht mehr denn je, alles zu verschlucken. Print. Film. Und sogar die bildende Kunst. Digitale Bilder, sogenannte „Kryptokunst“, erzielen bei Auktionen bereits Rekordpreise in unvorstellbaren Höhen. Alles wird flüchtig.
Aber es gibt auch eine Gegenbewegung. Schallplatten auf Vinyl erleben schon seit längerer Zeit eine ungeahnte Renaissance. Und auch beim Medium Film gibt es selbst unter den kommerziellen Filmemachern glühende Anhänger der analogen Technik. Regisseure wie Quentin Tarantino („Once Upon a Time in Hollywood“) oder Christopher Nolan („Tenet“) schwören nach wie vor auf analoge 35- und 70-mm-Formate. Die dann allerdings doch wieder digitalisiert werden müssen, da in den meisten Lichtspielhäusern keine analogen Projektoren mehr rattern.
Doch nicht nur bei professionellen Filmschaffenden erfreut sich die analoge Technik einer wieder wachsenden Beliebtheit. Auch in der Filmkunstszene ist ein Trend zu analogen Schmalfilmformaten erkennbar. Und auf manchen Festivals wie beim Osnabrücker European Media Art Festival (EMAF) gibt es sogar noch Projektoren, die solche Filme in ihrer ganzen analogen Pracht projizieren können.
Dabei gelangen nichtkommerzielle Filmemacher, die gerne analog arbeiten würden, allerdings schnell an scheinbar unüberwindbare Hürden. Die Filme wollen schließlich auch entwickelt werden. Hilfe zur Selbsthilfe gibt es zum Glück in Filmwerkstätten wie dem LaborBerlin e.V. mitten in Berlin-Wedding. Dort bietet die Einrichtung Künstlern auf rund 100 Quadratmetern Fläche die Möglichkeit, ihre zumeist im 16-mm-Format entstehenden Werke selber zu produzieren.
„Das erstreckt sich vom Animationstisch über Entwicklungsmaschinen über eine geräumige Dunkelkammer, in der man auch Workshops veranstalten kann“, und noch viel mehr, wie Bernd Lützeler von LaborBerlin betont. Gemeinsam mit Kerstin Schrödinger, Anja Dornieden und Juan David González Monroy erläutert er im Gespräch mit unserer Redaktion, welche Idee hinter dem Projekt steckt, wie es dazu gekommen ist.
Da gehe es vor allen Dingen erst einmal darum, „das Wissen rund um den analogen Film zu bewahren“, sagt Dornieden. Angefangen habe das Ganze mit einer kleinen Dunkelkammer und einem Lomo Tank. Dann kamen immer mehr, immer größere Maschinen hinzu, die das von Künstlern geführte Kollektiv vor immer komplexere Aufgaben stellten. „Wir sind ja Künstler, keine Ingenieure“, so Dornieden. Aber im Laufe der Zeit wuchsen mit den Problemen auch die Kontakte und Kooperationen mit Leuten und Institutionen, die das nötige Wissen vermitteln konnten.
Heute ist das LaborBerlin in der Lage, vollkommen unabhängig zu arbeiten. Interessierten Neumitgliedern wird beigebracht, ihre Filme selbstständig im Do-it-Yourself-Verfahren zu produzieren. Das senkt die Kosten enorm und ermöglicht es auch nichtkommerziellen Filmschaffenden, mit analogem Film zu arbeiten. Der natürlich auch ganz andere Gestaltungsmöglichkeiten bietet als digitale Technik – die im Übrigen gar nicht kostengünstiger und zeitsparender sein muss, wenn man an die aufwändigen Schritte der Postproduktion denkt.
Mittlerweile gibt es ein globales Netzwerk von Filmlaboren, die ähnlich unabhängig und selbstbestimmt arbeiten wie das LaborBerlin. Die Internetseite filmlabs.org zählt rund 60 solcher Einrichtungen weltweit, davon zwei weitere in Deutschland.
Darüber hinaus soll ein im Juni anlaufendes EU-Kooperationsprojekt mit 6 Laboren von Riga über Berlin bis Porto der Möglichkeit von Live-Vorführungen analoger Filme in Europa Vorschub leisten. Vielleicht stehen wir ja tatsächlich am Beginn einer Renaissance der analogen Filmkunst?
LaborBerlin im Internet: laborberlin-film.org