Osnabrück

Zwischen Taugenichts und Tunichtgut: Der Springinsfeld ist die Unbekümmertheit selbst

Stefan Lüddemann
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Von Stefan Lüddemann
| 21.04.2022 11:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Einige schöne alte Wörter drohen in Vergessenheit zu geraten. Foto: dpa
Einige schöne alte Wörter drohen in Vergessenheit zu geraten. Foto: dpa
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In unserer Sprachkolumne „Wortklauber“ geht es um Sprachschätze, die in Gefahr sind, verloren zu gehen, uns aber noch viel zu sagen haben. Das Wort heute: Springinsfeld.

Er ist ein sympathischer Taugenichts, bisweilen ein arger Tunichtgut: der Springinsfeld. Das alte Wort sagt, was er macht. Er springt ins Feld, ins Freie, weg von vortrassierten Wegen. Für diesen Menschen geht es immer nur querfeldein. Der Springinsfeld ist der Inbegriff des Unangepassten. Dabei ist das Wort doppeldeutig. Wer ein Kind als Springinsfeld bezeichnet, lobt seine frische Unbekümmertheit. Ist dagegen ein junger Mensch gemeint, dann kippt das Votum ins Negative. Der Springinsfeld gilt als unerfahren, ja als blauäugig, ein Greenhorn, vielleicht sympathisch, aber keinesfalls ernst zu nehmen.

Woher kommt das Wort? Aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Springinsfeld bezeichnete damals den jungen Landsknecht. Hans Jacob Christoph Grimmelshausen (1621-1676) schrieb mit seinem „Abentheuerlichen Simplicissimus Teutsch“ den Roman der Epoche. In diesem Buch zieht nicht nur Simplicissimus in den Krieg, auch sein Kamerad Springinsfeld ist ebenso dabei wie die „Landstörtzerin Courage“, der Bertolt Brecht mit seiner „Mutter Courage“ ein Denkmal auf den Theaterbühnen setzen sollte. Grimmelshausen widmet dieser Marketenderin ebenso eine eigene Erzählung wie dem Springinsfeld. Der Krieg beutelt beide fürchterlich. Springinsfeld vegetiert als verkrüppelter Veteran dahin. Von seinem unbekümmerten Aufbruch ist nichts geblieben.

Gibt es heute noch einen Springinsfeld? Eher nicht. Denn der Springinsfeld ist kein Ich-Optimierer, kein Aktivist oder Weltverbesserer. Er ist eher Sponti und Gammler, jemand, der seinen Weg geht, nur sich selbst verantwortlich. Ist eine solche Lebensform noch möglich in der Welt der Datenspuren und ökologischen Fußabdrücke? Hoffen wir es für den Springinsfeld, dem das Leben ein ewiger Frühling ist und dessen Lieblingssatz wohl derjenige ist, mit dem Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ schließt: „Sie lächelte still und sah mich recht vergnügt und freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloss durch die stille Nacht über die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf – und es war alles, alles gut!“.

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