Hamburg
Hannes Hellmann: Natürlich würde ich Putin spielen
Dreimal schon hat Schauspieler Hannes Hellmann den Reichsmarschall Hermann Göring gespielt - auch vor einer Rolle als Wladimir Putin würde er nicht zurückschrecken, wie er im Interview erklärt. Im Gegenteil.
Freunde des Vorabend-Krimis kennen Hannes Hellmann (67) als Revierleiter Wolf Haller in „Notruf Hafenkante“. Doch der Schauspieler hat viel mehr Facetten – dreimal schon spielte er Hermann Göring, jetzt ist er als Demenzkranker im Kino zu sehen. Er betreibt seit 30 Jahren Aikido, coacht Autoverkäufer und reimt lustige Vierzeiler über Tiere, die er dann selbst illustriert. Stoff genug für ein Gespräch im Foyer des Hamburger Ernst Deutsch Theaters, wo er gerade im „Don Carlos“ auf der Bühne stand:
Frage: Herr Hellmann, Sie haben schon dreimal im Laufe Ihrer Karriere den berüchtigten Reichsmarschall Hermann Göring gespielt – häufiger als jeder andere Schauspieler. Entsteht da so etwas wie eine Vertrautheit mit so einer Figur?
Antwort: Man wird durch die Beschäftigung vorher natürlich kenntnisreicher. Er war ja ein Hasardeur – es gibt die Geschichte, dass er mit einem Freund zu den Freimaurern unterwegs war, die mit den Nazis ja nichts am Hut hatten. Und dann haben sie drei Blondinnen getroffen, die gerade auf den Weg zu einer Versammlung der Nationalsozialisten gehen wollten. Sie fanden die Blondinen so super, dass sie letztlich bei den Nazis gelandet sind. Das erzählt ja auch etwas über diesen Typen. Zum anderen habe ich keinen Krieg miterlebt und hatte als West-Berliner mit dem Militär auch nichts zu tun. Trotzdem hat es etwas mit mir gemacht, in diese Uniform gesteckt zu werden. Man merkt, was das für einen unheimlichen Sog hat. Und dann kommen auch noch Leute am Set, hauen dir auf die Schulter und sagen „Hey, Göring, du bist ein Supertyp“ (lacht).
Frage: Entdeckt man denn im Laufe der Jahre sympathische Seiten an so einem Menschen, wenn man ihn dreimal spielt?
Antwort: Ja, schon. Keiner ist der Teufel durch und durch. Aber das ist ja generell so, wie sonst funktioniert denn Verführung? Auch Zuhälter können sehr höflich und zuvorkommend sein, nur können sie eben auch schrecklich schnell umschalten. Ich habe ja früher hier in Hamburg sehr viele Zuhälter gespielt – ich war ’ne ziemliche Ecke, hatte einen ausrasierten Nacken und einen langen Zopf, da bot es sich wohl an. Daher kenne ich einige dieser Läden und ihre Besitzer, die sie dann für einen Drehtag vermieten. Da lernt man sehr höfliche Geschäftsleute kennen, die aber eben auch sehr gefährlich sind.
Frage: Würden Sie auch Wladimir Putin spielen, wenn man Ihnen die Rolle anböte?
Antwort: Ja, natürlich. Die Frage wäre: Gibt es Gründe, warum ich das nicht tun sollte? Mir fallen keine ein. Wir Schauspieler sind ja diejenigen, die die Dinge auf die Bühne stellen, damit sie möglicherweise dann in der Realität nicht passieren. Das ist schon seit 4000 Jahren ein zentrales Moment von Theater. Ich spiele ja gerade im Ernst Deutsch Theater in „Don Carlos“ den Philip, das ist ein Despot par excellence. Tatsächlich matcht das Stück mit der Situation zwischen Russland und der Ukraine, als wäre es dafür geschrieben worden. Dabei wurde es ausgesucht, bevor es für uns im Westen vorstellbar war, was in der Ukraine passieren wird. Schiller hat das damals schon sehr genau beschrieben – auch die Einsamkeit der Leute, die alles kontrollieren wollen.
Frage: Wenn Sie früher häufig Zuhälter gespielt haben …
Antwort: Ich war immer das Krokodil im Kasperletheater (lacht).
Frage: … wurde das von außen an Sie herangetragen, oder haben Sie das immer schon gerne gespielt?
Antwort: Ich hab’s immer schon gern gespielt. Da konnte ich machen, was ich mich im Leben nie getraut hätte. Eigentlich bin ich nämlich ein sehr harmoniebedürftiger und friedliebender Mensch.
Frage: Und haben sich in Ihrem Leben noch nie geprügelt, wie ich gelesen habe.
Antwort: Das stimmt nicht ganz, mit 14 habe ich das mal gemacht. Mittlerweile betreibe ich seit 30 Jahren Aikido, eine sehr friedliebende Verteidigungskunst. Ich habe das an der Hochschule kennengelernt und mit kleinen Unterbrechungen weiterbetrieben. Das werde ich auch jetzt wieder machen, nachdem Corona mich lange daran gehindert hat. Da konnte ich nicht in eine Gruppenveranstaltung gehen, in der man schwitzt, pustet und sich gegenseitig auf die Matte wirft. Das wäre unverantwortlich gewesen, wenn ich doch auch noch drehen will.
Frage: Kann man Aikido eigentlich als Kampfkunst bezeichnen?
Antwort: Man muss es wohl sogar – eine Sportart ist es ja nicht, weil es keine Gewinner und Verlierer beim Üben gibt. Man übt ja miteinander, und der beste Kampf ist der nicht ausgetragene.
Frage: Was bringt Ihnen Aikido?
Antwort: Erst mal habe ich ein körperliches Wohlgefühl, weil alles beansprucht wird. Aikido ist eine weiche Kampfkunst, der Gedanke ist, mit der Energie des anderen zu arbeiten. Wenn jemand auf dich zukommt, dann verlässt man seinen eigenen Platz im richtigen Timing. Diese Veränderung verändert auch bei dem Angreifer etwas – er muss einen anderen Schritt machen, als er eigentlich wollte, und kommt in ein Ungleichgewicht, mit dem du weiterarbeiten kannst. Dabei lernt man auch zu fallen wie ein junger Gott. Ich bin zweimal von fremden Fahrrädern über den Lenker angestiegen, weil die Bremsen so scharf eingestellt waren. Ich habe abgerollt, den Hut wieder aufgesetzt und bin weitergefahren. Und das Wesentliche am Aikido ist: Körpererfahrungen sind Basiserfahrungen, die man übertragen kann. Beim Aikido blockiert man zum Beispiel nie – es kommt aus dem Schwertkampf, und ein Schwert blockierst du genau zweimal, dann hast du keine Arme mehr. Man muss den Angriff also umlenken. Deshalb würde ich auch in einem Gespräch niemals blockieren und einfach nur „Nein“ sagen.
Frage: Seit 40 Jahren tragen Sie ausschließlich schwarze Klamotten. Woher haben Sie eigentlich dieses Faible?
Antwort: Ich habe seinerzeit im Theater an der Ruhr in Mülheim angefangen, das Roberto Ciulli 1980 gegründet hat. Damals wurde auch ein Fundus angeschafft, in dem es Unmengen schwarzer Anzüge gab. So viel Geld habe ich damals nicht verdient, also dachte ich: Wenn da jetzt einer mal fehlt, würde das überhaupt nicht auffallen (lacht). So fing’s an – und dadurch, dass wir damals von Ankara bis Unna sehr viel unterwegs waren, merkte ich schnell, dass man mit schwarzen Klamotten überall auftreten kann – abends nach dem Auftritt in Ankara noch in der Botschaft einen Wein trinken und am nächsten Tag in Unna durch die Fußgängerzone gehen. Da ich dazu ja auch immer einen Hut trage, würde mir über viele Jahre immer wieder hinterhergerufen „Hey, Udo“. Mir ist nicht ganz klar, welcher Impuls dahintersteckt, aber es zeigt auf jeden Fall, was für ein unglaubliches Standing Udo Lindenberg bei den Leuten hat.
Frage: Sie reisen ja gerne. Wenn Sie Ihren Koffer packen, gucken Sie dann in ein schwarzes Loch, oder ist da auch was Buntes drin?
Antwort: Nee, da ist wirklich nur ein schwarzes Loch (lacht). Ich hab nichts anderes, und ich würde mir auch nichts kaufen.
Frage: Was müsste passieren, damit Sie ein Hawaiihemd anziehen?
Antwort: Dass ich jemanden spiele, der Hawaiihemden trägt.
Frage: Darf ich eine indiskrete Frage stellen?
Antwort: Ja, ich muss sie ja nicht beantworten.
Frage: Sie dürfen sie Aikido-mäßig umlenken. Tragen Sie auch schwarze Unterwäsche?
Antwort: Ja, ich trag auch schwarze Unterwäsche. Ich sagte doch, in meinem Koffer ist nichts anderes als schwarze Klamotten (lacht).
Frage: Ihre aktuelle Rolle im Kinofilm „Der Mann, der die Welt aß“ ist ja weder zwielichtig noch brutal, sondern eher tragisch – Sie spielen einen zunehmend an Demenz erkrankenden Rentner. Haben Sie diese Rolle gern angenommen?
Antwort: Ja, total gern sogar. Weil es etwas ist, das nicht so oft erzählt wird und auf einem sehr genauen Text basiert. Es ist ja eigentlich ein Theaterstück – und wenn ich mir das Ergebnis angucke, mache ich eine große Verbeugung vor allen Kollegen, die da gespielt haben, weil nicht ein Fünkchen Theatriges geblieben ist.
Frage: Kommt man als Schauspieler ins Grübeln, wenn einem zum ersten Mal die Rolle eines Demenzkranken angeboten wird?
Antwort: Nein, wobei man als Schauspieler wohl grundsätzlich nachdenklich ist, sonst würde man diesen Beruf nicht ausüben. Mehr aufgefallen ist es mir, als ich anfing, Väter zu spielen. Da dachte ich: Ach guck mal, jetzt bist du also in dem Alter. Irgendwann ist man dann der Älteste am Set und denkt: Kann das sein? Andererseits spielt das Alter zumindest bei männlichen Schauspielern nicht so eine große Rolle. Wenn ich mit einem zwölfjährigen Kind spiele, muss ich das auf Augenhöhe mit ihm machen, sonst ist es kein Spielen miteinander. Dadurch spürt man sein Alter nicht so, es wird einem nicht vorgeführt.
Frage: Wie haben Sie sich denn dem Thema Demenz angenähert?
Antwort: Ich denke, Schauspielen bedeutet, aus dem Eigenen zu schöpfen. Das heißt, ich habe mich mit Demenzkrankheit von außen nicht viel beschäftigt. Es ist ein Unterschied, ob ich versuche, etwas, das ich gelesen oder gesehen habe, artig nachzumachen, oder ob ich mich frage: Wie ist denn deine Demenz, Hannes? Wie wird die aussehen? Die steckt schon drin, völlig unabhängig davon, ob mir das passiert oder nicht. Ich habe da ziemlich schnell etwas gefunden.
Frage: Wenn man eine Kommissarsrolle übernimmt, lässt man sich bei der Polizei zeigen, wie man eine Waffe halten muss. Wenn man einen Bäcker spielt, lässt man sich zeigen, wie Brote gebacken werden. Demenzkranke kann man aber schlecht fragen.
Antwort: Na ja, man kann in ein Altersheim gehen. Wir sind in den Achtzigern bei Ciulli in Mülheim auch tatsächlich mal in eine Psychiatrie gegangen, was sehr eindrücklich war. Aber diesmal habe ich mich gar nicht konkret vorbereitet. Es ist ja auch so geschrieben, ich muss es nicht erfinden. Und diese Sachen dann umzusetzen, ist dann auch Talent. Wie man Brot backt und eine Pistole hält, muss man lernen – das sind ja technische Sachen. Aber so etwas muss man bei sich selbst finden.
Frage: Haben Sie Angst davor, mal an Demenz zu erkranken?
Antwort: Nein, damit habe ich mich bisher nicht beschäftigt. Ich habe das große Glück, durch meine Eltern so ein Grundvertrauen zu haben, dass ich mir sage: Irgendwie werde ich das schon hinkriegen.
Frage: Sie sind jetzt 67 – also in einem Alter, in dem die meisten Berufstätigen in Deutschland aufhören zu arbeiten oder schon Rentner sind. Ist das ein Thema für Sie?
Antwort: Nein, ich starte gerade eine neue Alterskarriere (lacht).
Frage: Viele Schauspieler sind fürs Alter mangelhaft abgesichert, weil sie nicht lange genug rentenversichert waren. Wissen Sie, wie hoch Ihre Rente wäre, wenn Sie sich heute dafür entscheiden würden?
Antwort: Ich bin Rentner, und zwar seit dem Beginn von Corona. Man konnte damals nicht wissen, wie sich das entwickelt, also habe ich den Antrag gestellt. Ich habe einfach mal gerechnet: Wenn ich jetzt noch zwei Jahre warte und es läuft nur mäßig, dann wird die Rente nicht wesentlich höher, aber du hast zwei Jahre keine Rente bekommen.
Frage: Ist es richtig, dass es Frauen beim Film ab einem gewissen Alter immer noch schwerer haben als Männer?
Antwort: Ja. Meine Kollegin Muriel Baumeister hat mal gesagt, wenn die Frau nicht mehr „fuckable“ ist, dann gibt’s einen großen Bruch in ihrer Karriere. Ich würde das so jetzt nicht formulieren, aber leider stimmt es. Die Frau wird immer noch als Objekt der Begierde besetzt, und es ist ja nicht neu, dass 40-jährige Frauen von 30-Jährigen gespielt werden. Davon kenne ich ganz viele Beispiele.
Frage: Sie selbst haben noch ein zweites Standbein und arbeiten neben der Schauspielerei auch als zertifizierter Coach. Wie sind Sie dazu gekommen?
Antwort: Es begann mit einer Zugreise. Ich saß im Restaurantwagen, als mich zwei Männer fragten, ob sie sich zu mir an den Tisch setzen dürfen. Daraus ergab sich eines dieser Gespräche unter Unbekannten, die aber trotzdem substanziell und sehr interessant sind, weil jeder etwas von sich zeigt. Einer der beiden sagte, er sei Pädagoge – ich guckte ihn daraufhin an und dachte: Im Kindergarten arbeitest du aber nicht.
Frage: Sondern?
Antwort: Er betreibt eine der größten Personalentwicklungsagenturen in Nordrhein-Westfalen. Ich habe wiederum erzählt, dass ich Schauspieler bin, aber auch an der Hochschule für Musik und Theater die Regisseure in Schauspiel unterrichte, damit die auch mal die Perspektive wechseln. Das fand er interessant, weil er gerade dabei war, für ein großes Autohaus die Ausbildungsketten etwas praxisnäher zu gestalten. Er fragte mich also, ob wir mal was zusammen machen wollen, ich gab ihm eine Visitenkarte – und ein Dreivierteljahr später rief er tatsächlich an. Wir haben uns dann mal zusammengesetzt – mit dem Ergebnis, dass ich jetzt seit neun Jahren immer wieder mal geholt werde.
Frage: Das heißt, Sie coachen auch Autoverkäufer?
Antwort: Ja, da gibt es sehr ausformulierte Regeln, wie ein Auto vorgestellt wird – das erarbeiten wir dann in Rollenspielen, in denen ich den Käufer spiele. Auf der anderen Seite geht es darum, den Leuten ein bisschen bewusst zu machen, wie sie wirken. Viele sind mit einem Schraubenschlüssel aufgewachsen, woher sollen die das wissen? Da kann man mit kleinen Tools durchaus Aufmerksamkeitsfilter setzen.
Frage: Das heißt, wenn Sie Ihr Coaching gut machen, verkaufen die mir möglicherweise ein Auto, das ich gar nicht haben will?
Antwort: Nein, der verkauft Ihnen dann ein Auto, das Sie haben wollen. Es geht ja darum, dass man den Kunden befragt, was seine Interessen sind. Letztlich verkaufen sie kein Auto, sondern die Befriedigung von Bedürfnissen. Wenn man dauernd nur von einem Auto erzählt, weiß man nicht, was Sache ist.
Frage: Und jede Woche Sonntag frönen Sie dann noch einer ganz anderen Leidenschaft – Sie posten auf Facebook und Instagram Vierzeiler über Tiere, zu denen Sie eine Zeichnung angefertigt haben.
Antwort: Diesmal war’s knapp – ich dachte schon, jetzt wird’s das erste Mal seit anderthalb Jahren, dass ich es nicht rechtzeitig schaffe. Ich wusste kein Tier und hatte nur noch zwei Stunden (lacht).
Frage: Was ist es dann geworden?
Antwort: Der Jäger sprach zum Eichelhäher / komm doch mal zum Streicheln näher / Der Häher sprach: Du bist beknackt / und hat ihm auf den Hut gekackt.
Frage: Hat was von Heinz Erhardt. Hinter eines Baumes Rinde / wohnt die Made mit dem Kinde…
Antwort: Sie ist Witwe, denn der Gatte, / den sie hatte, fiel vom Blatte / Diente so auf diese Weise / einer Ameise als Speise.
Frage: Ich muss passen.
Antwort: Eines Morgens sprach die Made / „Liebes Kind, ich sehe gerade / drüben gibt es frischen Kohl, /den ich hol. So leb denn wohl. / Halt, noch eins! Denk, was geschah / Geh nicht aus, denk an Papa.“ / Also sprach sie und entwich / Made junior aber schlich / Hintendrein, doch das war schlecht / Denn schon kam ein bunter Specht /und verschlang die kleine fade / Made ohne Gnade. Schade! / Hinter eines Baumes Rinde / ruft die Made nach dem Kinde …