Hamburg
Single-Coach rät Alleinstehenden zu mehr Selbstliebe
Sarah Neu berät als Single-Coach alleinstehende Menschen. Flirt-Tipps gibt es von der systemischen Beraterin aber nicht. Im Interview erzählt Neu, warum Menschen sich erst selbst mögen müssen, ehe sie eine Partnerschaft eingehen - per Selbstliebe ins Glück.
Frage: Frau Neu, mehr als 20 Millionen Menschen in Deutschland leben allein. Sie arbeiten als systemische Beraterin und bieten Coachings für Singles an. Wer kommt zu Ihnen?
Antwort: Die Singles, die mutig sind (lacht). Es gibt sehr viele Menschen, die gerne allein leben und damit glücklich sind. Aber es gibt eben auch Singles, die unter ihrem Beziehungsstatus leiden – oder damit zu kämpfen haben, dass die Gesellschaft von ihnen erwartet, sich zu verpartnern.
Frage: Was meinen Sie damit?
Antwort: Ich habe den Eindruck Singlesein ist in unserer Kultur wie Kranksein. Überall, ob im Film, in der Werbung oder den sozialen Netzwerken, wird uns suggeriert, dass wir einen Partner oder eine Partnerin finden, ein Haus bauen und ein Kind bekommen müssen. Aber das sind jahrzehntealte Stereotypen. Es gibt viele andere Wege, sein Leben erfüllt zu gestalten.
Frage: Was wünschen sich die Menschen von Ihnen?
Antwort: Viele kommen zunächst mit der Erwartungshaltung, dass sie von mir lernen, wie sie jemanden finden oder wie sie den Datingprozess beschleunigen können. Aber das ist nicht der Sinn meines Single-Coachings – es geht nicht um Flirt-Tipps, sondern um die Person, die mich aufsucht.
Frage: Und wie gehen Sie vor?
Antwort: Zu Beginn definiere ich mit meinen Klientinnen und Klienten ein klares Ziel. Dabei fokussieren wir die Themen, die hinter dem Wunsch nach Partnerschaft stecken. Oft denken Menschen, dass sich ihr Leben mit einer Beziehung verbessern wird. Doch das ist ein Trugschluss und übersteht meist nur die erste Verliebtheitsphase. Danach kommen alle Themen, die sie mit sich selbst haben zurück – sie projizieren diese auf eine andere Person und das ist gefährlich für eine Beziehung. Deshalb geht es bei meinem Single-Coaching um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Wer mit sich selbst zufrieden ist, sich toll findet, kann auch eine aufrichtige Beziehung eingehen.
Frage: Was sind also Ihre ersten Tipps?
Antwort: Am Anfang fordere ich die Leute auf, unbedingt Single zu bleiben (lacht). Damit möchte ich erreichen, dass die Menschen raus aus dem Aktionsmodus und rein in die Ruhe kommen. Sie sollen sich eine Pause nehmen, den Druck hinter sich lassen und sich selbst spüren. Bei mir gilt auch die Devise „date yourself“: Klientinnen und Klienten sollen ausprobieren, wie es sich anfühlt, allein mit sich selbst ins Kino, Café oder auch Bett zu gehen.
Frage: Für viele ist das sicherlich eine Überwindung.
Antwort: Das ist sehr unterschiedlich. Aber nur im Kontakt mit uns selbst erkennen wir, was uns wichtig ist und wo unsere Bedürfnisse liegen. Ich weiß das selbst am besten aus eigener Erfahrung. Eine Beziehungskrise brachte mich dahin, wo ich heute bin.
Frage: Wie wurden Sie denn Single-Coach?
Antwort: Durch eine krasse Erfahrung – ich war Ende 20, als ich meinen Freund heiratete. Wir waren sieben Jahre zusammen, ich glaubte, mit ihm glücklich sein. Und dann trennte ich mich zwei Wochen nach der Hochzeit von ihm, weil ich erkannte, dass ich nicht die Liebe meines Lebens, sondern meinen besten Freund geheiratet hatte.
Frage: Wie ging es Ihnen damals?
Antwort: Sehr schlecht. Mein Körper gab mir bereits vor der Hochzeit erste Warnsignale, ich war gestresst, mir war oft schwindelig. Aber ich ignorierte es. Ich hatte mich in der Beziehung verloren, glaubte damals, das Richtige zu tun – auch weil mein Umfeld uns als Paar so feierte, dauernd nachfragte, wann wir denn nun heiraten und Kinder bekommen würden. Als ich mich kurz nach der Hochzeit trennte, war das für alle ein Riesenschock. Aber für mich war es die mutigste und beste Entscheidung meines Lebens.
Frage: Warum?
Antwort: Ich hatte endlich die Chance, mich selbst kennenzulernen und herauszufinden, was ich mir wünsche. Zum ersten Mal in meinem Leben zog ich in die Großstadt, vom Ländlichen nach Köln. Ich brach aus meinem alten Konstrukt aus, probierte mich an anderen Hobbys, lernte neue Menschen kennen und entschied mich, die Ausbildung zur systemischen Beraterin zu absolvieren. Mit Anfang 30, einer Zeit, in der andere sesshaft werden, im Beruf angekommen sind und eine Familie gründen, drückte ich den Reset-Knopf. Das war nicht immer leicht, aber es lohnte sich. Ich kümmerte mich ein paar Jahre nur um mich selbst und merkte so, was ich wirklich will. Heute kann ich mich besser von anderen abgrenzen und bin glücklicher. Übrigens auch in der Liebe – vor fünf Jahren lernte ich meinen heutigen Partner kennen.
Frage: Was waren damals Ihre größten sozialen Herausforderungen?
Antwort: Ich erlebte, was viele Klientinnen und Klienten mir auch beschreiben. Auf mich rollte eine riesige Druckwelle von außen zu. Wir Menschen sind soziale Wesen, Beziehungen und Partnerschaften machen uns aus, viele definieren sich und andere darüber. Hochzeiten beispielsweise wurden zu einem Spießrutenlauf. Dauernd wurde ich gefragt, warum ich Single sei. Ich empfand das als sehr übergriffig. Die Frage suggerierte, dass etwas mit mir nicht in Ordnung sei, Singles nur halb so viel wert wie Paare seien. Vor allem für Frauen ist es doppelt anstrengend, weil oft noch die Frage nach dem Kinderwunsch hinzukommt oder die eigene biologische Uhr tickt. Im Gegensatz zu Männern haben wir nur ein begrenztes Zeitfenster, was uns noch mehr unter Druck setzt.
Frage: Warum glauben viele, ein Mensch sei nur mit einem anderen glücklich?
Antwort: Es ist sicherlich eine Mischung aus unserer evolutionären Prägung und persönlichen Sozialisierung. Der Mensch ist schließlich dazu geschaffen, sich fortzupflanzen. Aber heute gibt es viele Formen von Beziehungen, ob heterosexuell, gleichgeschlechtlich, polyamorös oder eben mit sich selbst. Wir haben die Möglichkeit, frei zu entscheiden – und das brachte mich auf die Idee mit dem Single-Coaching. Als systemische Beraterin fragte ich mich, weshalb ich nur Paare bei ihren Konflikten unterstützen sollte. Warum dreht sich alles um Beziehungen? Daher begleite ich auch Singles und helfe ihnen dabei, glücklich mit sich zu sein. Denn es geht nicht darum, Menschen in Beziehungen zu bringen, sondern dazu zu animieren, in Kontakt mit sich selbst zu kommen.
Frage: Was finden sie dabei heraus?
Antwort: Oft sind es die kleinen Antreiber, die wir tief in uns tragen und die uns das Leben schwer machen. Es gibt beispielsweise Menschen, die immer perfekt sein und keine Fehler machen wollen. Also geben sie bei Dates alles, präsentieren sich im besten Licht und wollen dem anderen gefallen, ohne selbst zu wissen, ob derjenige ein guter Partner für sie wäre. Im Coaching stelle ich die Frage, was dahintersteckt, und versuche klarzustellen, dass Fehler nichts Schlechtes sind. Vielmehr lernen wir aus ihnen, sie sind sehr wichtig für unsere persönliche Entwicklung. In den Sitzungen zeige ich Wege auf, wie Menschen liebevoller mit sich selbst umgehen können und sich kleine Fehler erlauben.
Frage: In welchen Lebensabschnitten befinden sich Ihre Klientinnen und Klienten?
Antwort: Zu mir kommen Menschen jeden Alters. Manche sind erst Anfang 20, andere könnten meine Eltern sein. Der Großteil der Klientinnen ist jedoch weiblich und in den Dreißigern. Hier zeigt sich wieder der immense Druck, der auf Frauen lastet. Sie fragen sich, ob sie Kinder kriegen möchten, merken zugleich, dass ihr Zeitfenster immer kleiner wird und sie den passenden Mann noch nicht gefunden haben. Auch hier stellt sich die Frage: Was ist den Frauen persönlich wichtig? Warum wünschen sie sich ein Kind? Ist es nur der Versuch, das eigene Leben wieder mithilfe einer anderen Person spannend zu gestalten. Oder steckt dahinter ein echter Lebensentwurf? Männer hingegen lassen sich seltener beraten. Dabei zeigt sich wieder die archaische Rolle, in der viele von ihnen feststecken. Sie glauben, sie brauchen keine Hilfe, dürfen sich nicht mit ihren Emotionen beschäftigen. Das finde ich sehr schade.
Frage: Frauen und Männer lernen sich vermehrt online kennen. Wie haben Apps das Dating verändert?
Antwort: Früher trafen wir potenzielle Partner über den Freundeskreis, beim Weggehen oder am Arbeitsplatz. Heute sind wir durch Datings-Apps ständig verfügbar, können uns jederzeit ein Treffen organisieren. Viele Singles stumpfen ab, sie wollen sich nur die Zeit vertreiben, nicht aushalten, dass sie allein sind. Zudem versuchen manche den Partner zu finden, der perfekt zu ihrer persönlichen Checkliste passt. Dating ist nicht mehr intuitiv. Oft höre ich von meinen Klientinnen und Klienten, dass ihre Dates wie Vorstellungsgespräche sind. Standardisiert und vorhersehbar.
Frage: Trotzdem kommt heutzutage kaum ein Single ums Onlinedating herum. Was könnte helfen?
Antwort: Ich rate immer, sich schnell im wahren Leben zu treffen. Wer sich zunächst wochenlang schreibt, baut sich ein Luftschloss auf. Im Kopf entsteht das Bild einer Person, dass nicht unbedingt zutreffen muss. Viele sind nach dem ersten Date dann so enttäuscht, wie wenn sie ihr Lieblingsbuch in der Kinoverfilmung sehen. Singles sollten sich schnell daten, am besten an einem neutralen Ort, tagsüber und kurz. So besteht nicht die Gefahr, dass man nach ein paar Drinks zu viel sofort miteinander im Bett landet. Und wer sein Date auf ein bis zwei Stunden begrenzt, kann sich danach ehrlich beantworten: Will ich den anderen wiedersehen? Ist es mein Wunsch nach Beziehung mit dieser Person oder wieder nur die Anforderungen der Gesellschaft, die mich antreiben? Bei Apps wie Tinder und Co zeigt sich auch die auf Produktivität getrimmte Gesellschaft, ihr Optimierungswahn.
Frage: Was macht dieser Optimierungswahn mit dem Dating?
Antwort: Es geht immer um höher, schneller, weiter. Die Menschen wollen auch beim Dating effektiv sein und sieben zuvor stark aus. Damit verpassen sie aber die Chance auf spannende Begegnungen. Deshalb rate ich immer, strikte Vorstellungen zu überdenken.
Frage: Mit welchen Vorstellungen suchen Menschen denn einen Partner oder Partnerin?
Antwort: Es gibt die trivialsten Ideale. Frauen wollen keinen Mann, der kleiner als sie ist. Für Männer dagegen kommt keine größere Frau infrage. Andere schließen bestimmte Haarfarben kategorisch aus. Ich stellte dann immer die Frage: Welches Bedürfnis steckt hinter diesem Ideal und kann dieses auch anders erfüllt werden? Oft fordere ich meine Klientinnen und Klienten dann heraus und wette mit ihnen. Frauen etwa sollen einen Menschen daten, der kleiner als sie ist.
Frage: Und wie geht das aus?
Antwort: Oft nehmen sie die Herausforderung lachend an – und tatsächlich zeigt sich mit dieser entspannten Herangehensweise so manches Mal, dass sie den Menschen und nicht etwa seine Körpergröße sehen. Viele sind, wenn sie nach oder während meiner Beratung, einen Partner oder eine Partnerin finden, mit einem ganz anderen Menschen zusammen, als sie sich hätten vorstellen können.