Hamburg
Diese Studie zeigt, wie groß der Druck von Eltern auf Studierende ist
Durch die Statistik-Prüfung durchfallen oder das Studium ganz abbrechen kommt für Deine Eltern nicht in Frage? Dann geht es Dir wohl wie vielen Studierenden. Einer Studie zufolge ist der Druck bei Studierenden in den letzten 30 Jahren gestiegen. Die Folgen könnten gesundheitsschädlich sein.
In diesem Artikel erfährst Du:
Das mulmige Gefühl, mit einer schlechten Klausurnote im Ranzen nach Hause zu kommen, kennst Du vielleicht noch von früher. Häufig schwirren dann solche Fragen im Kopf herum: Wie werden meine Eltern wohl reagieren? Werden sie sehr enttäuscht sein? Werde ich Ärger bekommen?
Solche Situationen machen Druck, und sie könnten einer neulich erschienen Studie der „American Psychological Association“ zufolge den Grundstein für einen lebenslangen Perfektionismus legen. Die Studie hat sich mit hohen Erwartungen und harscher Kritik durch Eltern beschäftigt. Sie kam zu dem Ergebnis: Die Erwartungen und die Kritik von Eltern und der daraus entstehende Druck nahmen dem Empfinden von mehr als 20.000 College-Studierenden nach in den letzten 32 Jahren zu. Der Studie zufolge steht das in einem Zusammenhang mit einem wachsenden Perfektionismus unter Jüngeren. Für die psychische Gesundheit kann das demnach Folgen haben.
„Perfektionismus trägt zu vielen psychischen Erkrankungen bei, darunter Depressionen, Angstzustände, Selbstverletzungen und Essstörungen“, erklärt Thomas Curran, einer der Autoren der Studie in einer Pressemitteilung des amerikanischen Psychologie-Verbandes. Curran ist Verhaltensforscher an der „London School of Economics“. Sein Mitautor Dr. Andrew Hill, Professor für Bewegungspsychologie, ergänzt: Der Druck, perfekten Idealen zu entsprechen sei so groß wie nie zuvor. Er befürchtet demnach, dass die hohen Erwartungen die Grundlage für ein bevorstehendes Problem der öffentlichen Gesundheit werden könnte.
Curran und Hill kamen zu der Erkenntnis, dass harsche Kritik und hohe Erwartungen von den Eltern mit unterschiedlichen Arten des Perfektionismus zusammenhängt: Zum einen mit hohen Ansprüchen an sich selbst, zum anderen mit hohen Ansprüchen an andere und letztlich mit dem Streben danach, hohen Ansprüchen von außen gerecht zu werden.
Curran ist der Meinung, dass hohe elterliche Erwartungen einen hohen Preis haben. Einen Preis, den die Kinder und junge Erwachsene sehr lange zahlen: "Junge Menschen verinnerlichen diese Erwartungen und sind auf sie angewiesen, um ihr Selbstwertgefühl zu erhalten. Und wenn sie diese Erwartungen nicht erfüllen, was unweigerlich der Fall sein wird, machen sie sich Vorwürfe, weil sie ihnen nicht entsprechen.“ Um das zu kompensieren, strebten viele danach, perfekt zu sein.
Die elterlichen Erwartungen, die elterliche Kritik und der elterliche Druck nahmen der Studie zufolge in den letzten 32 Jahren zu, wobei die elterlichen Erwartungen mit Abstand am schnellsten stiegen. „Die Steigerungsrate bei der Wahrnehmung der Erwartungen ihrer Eltern durch junge Menschen ist bemerkenswert", so Curran. Sie sei insgesamt um durchschnittlich 40 Prozent gestiegen.
Wie sollte damit umgegangen werden? Was können Eltern gegen das Problem unternehmen? Curran meint: Die Eltern sind gar nicht das Problem, zumindest nicht die Ursache des Problems. Denn sie selbst seien nur Teil einer sehr kompetitiven Welt mit „hohem akademischem Druck“, „ausufernder Ungleichheit“ und „technologischen Innovationen wie den sozialen Medien, die unrealistische Ideale für unser Auftreten und unsere Leistungen anpreisen.“
Das Problem liegt dem Wissenschaftler zufolge mehr bei der Gesellschaft selbst: Eltern hätten bloß hohe Erwartungen an ihre Kinder, weil sie fürchteten, dass die sonst die „soziale Leiter“ herunterfielen. Es geht dem Forscher deshalb um die allgemeinere Erkenntnis, dass der Druck durch Wirtschaft, Bildungssystem und die Leistungsgesellschaft seiner Ansicht nach unnötig hoch ist.
Einen Tipp an Eltern hat Curran aber schon. Er meint, Eltern sollten ihrem Nachwuchs Folgendes lehren: Niederlagen und Unvollkommenheiten sind normal. Junge Leute würden so besser lernen, mit sozialen Druck umzugehen. Sich in der Erziehung auf Entwicklung und das Lernen an sich zu konzentrieren kann ihm zufolge helfen, ein Selbstbewusstsein aufzubauen, das nicht von Klausurnoten, Idealbildern des Internets oder anderen äußeren Messbarkeiten abhängt.