Osnabrück
Menschen ziehen wieder aufs Dorf - warum machen sie das?
Nach der Landflucht gibt es nun eine Landlust: Immer mehr Menschen ziehen zurück aufs Dorf. Doch auch Kommunen, die nicht vom Zuzug profitieren, haben Chancen zu überleben.
Wer auf dem Land groß geworden ist, steht spätestens nach dem Schulabschluss vor der Frage: Gehen oder bleiben? Viele entscheiden sich dafür, ihr Dorf zu verlassen, in die Großstadt zu ziehen, um zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Und oftmals kommen sie nicht zurück. Die Abwanderung spürten Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg deutlicher als Schleswig-Holstein. So verlor beispielsweise die Gemeinde Dobbertin, die etwa 60 Kilometer südlich von Rostock liegt, seit 1990 mehr als 39 Prozent ihrer Einwohner. In der jüngeren Vergangenheit schienen Großstädte zu florieren und die Provinz darniederzuliegen. Doch das Bild, dass die Stadt Gewinner und das Land Verlierer ist, verschwimmt.
„Nachdem der ländliche Raum lange Zeit Bewohner an die größeren Städte verloren hatte, deutet mittlerweile einiges auf eine neue Landlust hin“, sagt Frederick Sixtus. Er arbeitet am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, ist dort der Projektkoordinator Demografie Deutschland. Durch die Pandemie habe sich das noch einmal verstärkt. Der ländliche Raum habe Wanderungsgewinne, aber nicht nur, weil mehr Menschen zuzögen, sondern auch, weil weniger Menschen die Dörfer verließen. Das Landleben hat an Attraktivität gewonnen.
Wenn sich Menschen dazu entschließen, ihr Leben in der Stadt aufzugeben, dann heißt es nicht, dass sie in den Randgebieten oder Speckgürteln ihre Zelte aufschlagen. Von der neuen Landlust profitierten auch abgelegene Regionen, so Sixtus. Einen Grund für diesen Trend sieht der Berliner Wissenschaftler in den gestiegenen Lebenshaltungskosten.
„Das Leben in den Großstädten wird immer teurer und unattraktiver, weil sie so stark gewachsen sind.“ Im Umland: die gleiche Entwicklung. Wer vor einigen Jahren in die Stadt zum Studieren zog, nun eine Familie gegründet hat und mehr Platz braucht, sich aber die größere Wohnung oder das Einfamilienhaus im Grünen in der Stadt nur schwer leisten kann, schaut im Umland und entfernteren Umland nach Alternativen.
Ein weiterer Grund für die Entwicklung: die Digitalisierung. „Homeoffice spielt eine große Rolle“, sagt Sixtus. Die Pandemie habe gezeigt, dass es gerade für Arbeitnehmer in sogenannten Wissensberufen keine so große Rolle mehr spiele, dort zu leben, wo sie arbeiten. „Das steigert die Attraktivität von abgelegenen Regionen.“ Voraussetzung dafür sei, dass die Arbeitgeber „längerfristig – auch sobald die Pandemie vorbei ist – mitmachen“ und Gemeinden den Zuzüglern eine schnelle Internetanbindung bieten können.
Wie wichtig ein Breitbandanschluss dafür ist, ob sich eine Familie für den einen oder anderen Ort entscheidet, zeigt eine nicht-repräsentative Umfrage des Berlin-Instituts für die Studie „Digital aufs Land“. Die Wissenschaftler befragten online 198 Menschen, die aufs Land ziehen wollen, kurz davorstehen, es bereits getan haben oder nie fort waren. Mehr als 60 Prozent der befragten Zugezogenen und Umzugsplaner fanden, dass für sie eine schnelle Internetverbindung unverzichtbar sei. Zum Vergleich: Lediglich 35 Prozent der Landbewohner – diejenigen, die schon immer auf dem Dorf wohnen – setzten diese Priorität. Ein ähnliches Bild bei der Frage nach der mobilen Netzabdeckung. Städtern ist sie wichtig, Landbewohnern eher weniger.
In seiner Forschungsarbeit ist Frederick Sixtus viel unterwegs. Wenn er sich mit Lokalpolitikern, Vereinsvorsitzenden und anderen unterhält, hört er oft, dass die „Familienwanderer“, wie Sixtus die Gruppe der 30- bis 49-Jährigen nennt, Wunschzuwanderer sind. Sie stärken die Vereine, ihre Kinder stärken die Schule und den Kindergarten im Ort. Die Hoffnung: Die Neuen helfen dabei, dass die jeweilige Gemeinde sich nachhaltig entwickeln kann.
Dass mehr Menschen wieder aufs Dorf ziehen, bedeute jedoch nicht, dass der ländliche Raum flächendeckend wachse, schränkt Sixtus ein. „Vielerorts reicht das Wachstum nicht aus, den Sterbeüberschuss auszugleichen – insbesondere in den östlichen Bundesländern.“ Es wird weiterhin Regionen geben, die wenig Zuzug haben, weiter schrumpfen und stark altern werden – vor allem dann, wenn diese Entwicklung bereits vor Jahrzehnten begonnen hat.
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Es fehlten die Jungen, die abgewandert, deren Kinder woanders groß geworden sind. Dieser Trend lasse sich kaum aufhalten. Im Jahr 2035 kommen voraussichtlich in einigen Regionen auf eine Geburt vier Beerdigungen, „um dies auch nur annähernd auszugleichen, bräuchten diese Regionen einen Zuzug, der unrealistisch wäre“. Diese Entwicklung ist in Teilen Ostdeutschlands besonders ausgeprägt, jedoch gibt es auch im Westen solche Gegenden.
Das Szenario klingt düster, muss es aber nicht, es heißt nicht, dass es zwangsläufig bergab geht, die Lebensqualität abnimmt, so Sixtus. „Wenn die Verantwortlichen dies akzeptieren und gestalten, dann ist auch weiterhin ein gutes Leben möglich.“ Die Studie „Von Umbrüchen und Aufbrüchen“ des Berlin-Instituts zeigt, dass Gemeinden auch gestärkt aus Krisen hervorgehen können.
Es gebe überall Leuchtturm-Gemeinden, in denen gegen den Trend viel gelinge. Entscheidend dafür sei, „dass die Verantwortlichen vor Ort gemeinsam mit den Einwohnern das Zusammenleben gestalten, dass sie Versorgungsangebote schaffen und innovative, kluge Ideen umsetzen“.
Dafür ist Dobbertin ein Beispiel. Mit Wissenschaftlern der Universität Rostock wurde das Projekt „Dorf im Dorf“ entwickelt – eine Wohnsiedlung für Ältere. Sie sollten nicht auch noch den Ort verlassen müssen. In der Nähe: eine Arztpraxis, ein kleiner Supermarkt und ein Friseur.
Die marode Sporthalle wurde für die Vereine saniert – kostengünstig. Die Gemeinde kaufte das Material, örtliche Handwerker arbeiteten ohne Entgelt.
Einen Masterplan gibt es nicht. Die Bedingungen sind unterschiedlich. Damit Aufbrüche gelingen, so Sixtus, sei es wichtig, dass die Rahmenbedingungen stimmten – und meint, dass sie nicht durch unflexible Vorschriften und Förderprogramme ausgebremst und eingeschränkt werden. Der Bedarf sollte gefördert werden – und „diesen kennen die Menschen vor Ort am besten“. Ebenfalls ein Problem: Ein oftmals hoher Eigenanteil und eine komplizierte Beantragung sind Hürden, an denen oft die ärmeren und kleineren Gemeinden scheiterten.
Eine Prognose, ob sich der Trend der neuen Landlust fortsetzen wird, sei schwer, sagt Sixtus. „Die Wohnortpräferenzen entwickeln sich in Wellenbewegungen.“ In den 90er Jahren haben die Großstädte – vor allem in Ostdeutschland – Einwohner verloren. Die Menschen zogen in die Speckgürtel. Diese Entwicklung kippte, Großstädte wurden attraktiver. Auch dies hat sich umkehrt. „Ich habe die Hoffnung, dass der ländliche Raum von der Digitalisierung und dem ortsunabhängigen Arbeiten profitieren kann.“ Ein Gewinn für die Dörfer. Wer vor Ort ist, „muss nicht pendeln, hat Zeit, sich in der Gemeinschaft einzubringen und ist abrufbereit für die Freiwillige Feuerwehr. Das birgt durchaus große Chancen“.