Kunst

Großartige Erinnerungen auf Ostereiern geschaffen

Clarissa Scherzer
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Von Clarissa Scherzer
| 14.04.2022 14:11 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das von Adolf Pollmann bemalte Ei zeigt die Hahnentanger Mühle. Foto: Scherzer
Das von Adolf Pollmann bemalte Ei zeigt die Hahnentanger Mühle. Foto: Scherzer
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Der 1993 verstorbene Fehntjer Adolf Pollmann bemalte Eier. Diese Kunstwerke sind eine wertvolle Erinnerung für seine Tochter Edith Specht.

Westrhauderfehn - Edith Specht legt eine große Schachtel auf den Wohnzimmertisch und öffnet sie vorsichtig. In einem Bett aus Watte liegen bemalte Eier. Auf einem Entenei ist die Hahnentanger Mühle von Westrhauderfehn nebst Müllerhaus zu sehen.

Mit feinem Pinsel und ruhiger Hand wurden sie detaillegetreu gemalt. Das Reetdach, Ziegelsteine, Fenster und die Brüstung sind kunstfertig dargestellt. Es scheint fast, als ob sich die Flügel der Mühle gleich in Bewegung setzen.

Kurz vor dem Tod gemalt

„Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr. Die bemalten Eier haben Jubiläum“, rechnet Frau Specht nach. Ihr Vater Adolf Pollmann ist der Künstler, der die Enten- und Hühnereier vor 30 Jahren mit Tusche und Pinsel bemalte und anschließend versiegelte. Neben der Mühle zieren blaue Stiefmütterchen, Hennen auf einem Nest voll bunter Eier und ein Osterhase mit Weidenkorb die ausgeblasenen Eier. Jedes Jahr zu Ostern hängt Familie Specht aus Rhauderfehn die großartigen Kunstwerke in einen Strauß aus frisch geschnittenen Forsythien- und Weidezweigen. Und jedes Mal hoffen sie, dass Keines davon zerbricht.

Jedes Jahr zu Ostern wird mit der handgemalten Dekoration geschmückt. Foto: Scherzer
Jedes Jahr zu Ostern wird mit der handgemalten Dekoration geschmückt. Foto: Scherzer

Für sie und ihren Mann Günter haben die Kunstwerke eine besondere Bedeutung. Sie sind Andenken an den Vater und Schwiegervater. „Mein Vater ist nach vielen Jahren Selbstständigkeit 1974 erkrankt und nach langer Krankheit 1993 gestorben. Ein Jahr vorher bemalte er die Eier. Er war sehr akkurat und hatte ein unheimliches Verständnis für Farben“, beschreibt Tochter Edith seine Begabung. „In jungen Jahren und später dann wieder im Ruhestand hat er viel gemalt und gezeichnet.“ Adolf Pollmann wird 1916 geboren. Sein Vater starb im Ersten Weltkrieg. Seine Mutter blieb mit drei kleinen Kindern zurück. Sie zog sie alleine groß. Mit Erfolg. Alle Kinder machten eine Ausbildung. Adolfs Begabung und Interesse war das Malen. Seiner Leidenschaft folgend absolvierte er bei Maler Wilbers in Leer eine Ausbildung zum Maler und arbeitete 1938 dort als Geselle. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Adolf Pollmann überlebte und kam mit einer Kriegsverletzung, ein glatter Handdurchschuss, zurück nach Ostfriesland.

Trotz Handverletzung Kunst geschaffen

Trotz Handicap konnte er seine Pläne umsetzen. Er bestand die Meisterprüfung im Malerhandwerk und machte sich selbstständig. „Fahrrad und Malerleiter drauf. So ist das angefangen nach dem Krieg. Er musste ja Geld verdienen“, berichtet Edith Specht. „Fürs Fahrrad hat er eine Kiste gebaut, um die Farben mitzunehmen. Dann kaufte er sich ein Motorrad, und später dann kam das Auto.“ Damals war alles aufwändiger. Die Farben mussten erst gemischt und Schablonen für Wandverzierungen hergestellt werden. Viele Kapitäne aus der Umgebung beauftragten ihren Vater für die Innengestaltung ihrer Häuser. Adolf Pollmann bemalte die Wohnräume mit detailreichen Ornamenten. Dafür wurden speziell gefertigte Schablonen verwendet, die vom Hauseigentümer eigens für seine Räume gekauft wurden. „Die Wandgestaltung war damals sehr aufwändig. Bis zu achtmal legte er die Schablone auf, bis ein Blumenornament fertig war“, beschreibt Frau Specht die Prozedur. Heute ist das wieder modern und nennt sich Shabby Chic.

Dann kam die Zeit der Raufaser. „Das war nicht seine Welt, so Specht, das musste er aber machen.“ Auch im Möbelbereich lebte Maler Pollmann seine Leidenschaft aus. Betten und Schränke, die aus Holzteilen gefertigt waren, gestaltete der Malermeister und seine Angestellten mit. Per Hand wurden Maserungen und Strukturen auf das Holz gemalt. Anschließend glich es Massivholz. In all den Jahren hat Adolf Pollmann seine Leidenschaft für das Malen mit anderen geteilt und sein Wissen weiter gegeben. In seinem Betrieb hat er zahlreiche Maler ausgebildet und Projekte mit Schulkindern durchgeführt. Auch für die Gemeinde Rhauderfehn engagierte er sich. Er war im Gemeinderat. Im Haus der Familie Specht gibt es neben den österlichen Kunstwerken viele weitere kostbare Erinnerungsstücke an Adolf Pollmann. Im Wohnzimmerschrank steht hinter Glas gerahmt das Bildnis eines Schäferhundes, eine Bleistiftschraffur von 1936. Im Eingangsbereich blickt einem ein stolzer Seemann mit Südwester aus blauen Augen entgegen. Sein Gesicht ist wettergegerbt. Pollmann malte den Seemann auf Leinwand in Öl im Jahr 1938. Seine Tochter ließ es kürzlich rahmen. So bleibt es gut erhalten.

Kartons mit Kunstwerken

Edith und Günter Specht nehmen sich immer mal wieder Zeit, um in alten Kisten und Kartons zu stöbern. Immer wieder entdecken sie neue Schätze, die vom Leben Adolf Pollmanns erzählen.

„Meine Mutter hat alles aufbewahrt. Ich kann das nicht alles weggeben, sagte sie immer“, vermutet Edith Specht. „Wenn man so in das Leben rein stöbert, dann wird das ganz interessant. Wir bewahren auch viel davon auf. Wenn man das alles heute so liest und sieht, dann ist das schon sehr beeindruckend.“

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