Osnabrück

Osnabrücker Symphonieorchester spielt mit Dmitry Smirnov für die Ukraine

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 05.04.2022 15:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Foto: Ralf Doering
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Im zweiten Konzert mit dem Osnabrücker Symphonieorchester hat Dmitry Smirnov nun den Osnabrücker Musikpreis erhalten. Der russische Geiger und das Orchester spielten an diesem Abend vor allem für die Menschen in der Ukraine.

Die Chance, sich als neue Oberbürgermeisterin erstmals einem breiten Kulturpublikum vorzustellen, hat das Corona-bedingte Termin-Hin-und-Her Katharina Pötter genommen. Stattdessen ist Bürgermeisterin Eva-Maria Westermann zur Verleihung des Osnabrücker Musikpreises in den Europasaal der Osnabrückhalle gekommen. Als kleiner Trost mag ihr der Umstand dienen, dass Laudator Benedikt Stampa auch nicht kommen konnte, sondern seine Lobrede auf den Preisträger via Video halten musste – er muss in seinem Festspielhaus Baden-Baden die Osterfestspiele vorbereiten.

Trotzdem war es schade für Pötter, denn die Jury der Egerland-Stiftung – sie gibt das Preisgeld – hat einen Künstler ausgesucht, der nicht nur künstlerisch zum Osnabrücker Symphonieorchester passt. Dmitry Smirnov ist auch menschlich der Mann der Stunde, gerade für die Friedensstadt Osnabrück.

Der junge Geiger verabscheut nicht nur den Krieg Russlands gegen die Ukraine, er macht auch aus seiner Kritik am russischen Diktator Vladimir Putin kein Geheimnis – das erleichtert derzeit Vieles. Mit dem Violinkonzert des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov unterstreicht Smirnov zudem seine Solidarität mit der Ukraine.

„Das ist kein Preisträgerstück“, hat Generalmusikdirektor Andreas Hotz im Vorfeld gesagt. Tatsächlich räumt Silvestros Werk dem Solisten wenig Möglichkeiten ein, geigerisch zu glänzen. Das Stück entwickelt aus kleinen Motivzellen eine zarte Farbigkeit, in der von Celesta bis Vibraphon über filigranen Streicherflächen alles dabei ist, ein zarter, melancholischer Hauch.

Deshalb haben Hotz und Smirnov dieses Werk ausgewählt: weil es zur Zeit und zur Intention dieses sechsten Sinfoniekonzerts passt, das eben nicht nur Preisträger- sondern vielmehr Gedenkkonzert für die Ukraine geworden ist. Ganz in diesem Sinn interpretiert Smirnov seinen Solopart: filigran und als integraler Teil des Klangkörpers. Was wiederum unterstreicht, wie richtig die Musikpreis-Jury mit ihrer Wahl gelegen hat: Smirnov spielt nicht, um sich ins möglichst helle Licht zu stellen, sondern um Musik zu machen.

So belegt dieses Stück, was Bürgermeisterin Westermann in ihrer Begrüßungsrede über die Kraft der Musik sagt. Ob dafür allerdings das mittlerweile doch schon über neun Jahre zurückliegenden Friedenskonzert des Osnabrücker und des Wolgograder Orchesters in Wolgograd als Beweis herangezogen werden muss, ist eine andere Frage. Denn welche Kraft Musik innewohnt, demonstriert in diesen Tagen die ukrainische Stadt Kharkiv: Dort findet allen Bomben zum Trotz das jährliche Musikfestival statt – in Kellern und U-Bahnstationen. Umso wichtiger, dass Hotz, das Orchester und der Preisträger für das Theater Osnabrück die Aufgabe übernommen haben, der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine und deren Leid künstlerisch Ausdruck zu verleihen.

In diesem Zusammenhang ist es bittere Ironie, dass Hotz sich mit Corona infiziert hat und das Konzert an seinen Stellvertreter Daniel Inbal abgeben musste. Andererseits hat der die Chance genutzt und das Orchester sicher durch das ungewöhnliche, verstörende Programm geführt.

Dabei beginnt der Abend ganz innig mit Silvestros „Hymne – 2001“. Berührende Geste dabei: Das Violinsolo überlässt Konzertmeister Michal Majerski seinem Stellvertreter, dem Ukrainer Anton Govorun.

Wichtig war Hotz bei der Programmierung ein Aspekt, den auch der stellvertretende Vorsitzende der Felicitas und Werner Egerland Stiftung unterstreicht: Die russische Kunst dürfe nicht der Diktatur überlassen werden, sagt Felix Osterheider in seiner Ansprache. Das passt: Im zweiten Teil des Abends steht die achte Sinfonie des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch auf dem Programm, ein gewaltiges Werk, aus dem die Schrecken des Kriegs nicht nur herausklingen, sondern manchmal gellend herausschreien.

Deswegen geht das Osnabrücker Symphonieorchester unter Inbal bis an die Grenze des Erträglichen, lässt der Dirigent das geballte Orchester-Tutti in härtester Brutalität explodieren, wieder und wieder und wieder. Streichermelodien bersten fast vor Schmerz und finden doch keine Richtung, Motive wiederholen sich bis zur Unerträglichkeit – Schostakowitsch hat den Krieg in seiner Unerbittlichkeit, in seiner Grausamkeit in Klang übersetzt, und das realisiert das Orchester mit maximaler Inspiration. Und das Publikum bedankt sich für das drastisch klingende Schlachtengemälde, nach dem es sich in leiser Trauer aufgelöst hat, mit stehenden Ovationen.

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