Thementag in Schirum

Tiertransporte komplett unter Kontrolle

| | 04.04.2022 12:24 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein Blick in den Transporter von Spediteur Heino Peitzmann. Sechs Rinder stehen hier in einer Box. Der gesamte Laster bietet Platz für bis zu 34 Tiere – wenn man pro Tier 550 Kilogramm und 1,45 Quadratmeter rechnet. Hebt man den Boden an, verfügt das Fahrzeug über zwei Etagen. Dann bleiben den Tieren 20 Zentimeter über Widerristhöhe. Fotos: Mühring
Ein Blick in den Transporter von Spediteur Heino Peitzmann. Sechs Rinder stehen hier in einer Box. Der gesamte Laster bietet Platz für bis zu 34 Tiere – wenn man pro Tier 550 Kilogramm und 1,45 Quadratmeter rechnet. Hebt man den Boden an, verfügt das Fahrzeug über zwei Etagen. Dann bleiben den Tieren 20 Zentimeter über Widerristhöhe. Fotos: Mühring
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Der Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST) hatte nach Schirum eingeladen, um den Ablauf von Tiertransporten ins Ausland zu erklären. Tierschützer konnten sie jedoch nicht überzeugen.

Schirum - Warum kaufen ausländische Kunden Rinder aus Ostfriesland? Wie läuft der Transport ins Ausland ab? Diese und weitere Fragen standen im Zentrum des Thementags beim Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST). Etwas weniger als 50 geladene Gäste, darunter Vertreter aus Politik, Landwirtschaft, aber auch dem Tierschutz, nahmen am Sonnabend in Schirum an der rund zweistündigen Veranstaltung teil, an deren Ende eine Frage offenblieb.

„Wir wollen heute Informationen zur Sache liefern“, begrüßte Dr. Cord-Hinnerk Thies, geschäftsführendes Vorstandsmitglied, die Gäste. Es sei keine Werbe- und keine Alibi-Veranstaltung, „denn die braucht man nur, wenn etwas passiert ist“. Im Vorfeld hatte es Kritik an der Veranstaltung, vor allem an ihrem Zeitpunkt gegeben. Denn hielt sich der VOST bislang in der Öffentlichkeit bedeckt, lud er nun ausgerechnet eine Woche vor einer geplanten Großdemo gegen Tiertransporte in Aurich ein.

„Wir exportieren nur Zuchtvieh, kein Schlachtvieh“

Der VOST-Thementag begann in der „Zuchtviehhalle“, in der die Rinder auf ihren Transport vorbereitet werden. Hier sollen sie sich aneinander gewöhnen und werden zudem untersucht. Zwei bis vier Tage sind sie in Schirum, bevor es in den Laster geht. „Wir exportieren nur Zuchtvieh, kein Schlachtvieh“, erklärte Heiner Saathoff. Er ist beim VOST für die Vermarktung zuständig. Es sei wichtig, dass die Tiere unversehrt beim jeweiligen Käufer ankommen. Denn letztlich, so Saathoff, müsse man über Geld sprechen und nur, wenn der Käufer zufrieden ist, zahle er auch.

In der Zuchtviehhalle in Schirum werden die Tiere auf den Transport vorbereitet. Hier sollen sie sich aneinander gewöhnen und werden untersucht.
In der Zuchtviehhalle in Schirum werden die Tiere auf den Transport vorbereitet. Hier sollen sie sich aneinander gewöhnen und werden untersucht.

Das Zuchtgebiet des VOST umfasst Ostfriesland, Friesland und das Ammerland. Ihm gehören rund 1400 familiengeführte Mitgliedsbetriebe an, die zusammen knapp 147.000 Herdbuchkühe halten. Laut Thies transportiert der VOST jährlich rund 15.000 Rinder, rund 50 Prozent der Exportrinder gehen ins EU-Ausland (Niederlande, Belgien, Spanien, Griechenland). Die andere Hälfte gehe in Drittländer (Nordafrika und bis vor wenigen Wochen auch Russland). Zuchtrinder aus Ostfriesland seien sehr gefragt, erklärte Saathoff, „weil sie auf Vitalität und Langlebigkeit gezüchtet werden“. Die Tiere verbringen in Ostfriesland viel Zeit auf der Weide, was gut für ihre Gelenke und Euter sei.

„Das ist enorm“

Spediteur Heino Peitzmann stellte einen seiner Transporter vor. Darin hätten – rechne man 1,45 Quadratmeter pro einem Tier von rund 550 Kilo – 33 bis 34 Tiere Platz. Die Rinder hätten somit auch genügend Raum, um sich hinzulegen. Heu und Wasser seien genug vorhanden. Allein der Wassertank fasse 800 Liter. Es gebe eine Heizung und Lüftungsanlage.

Spediteur und Landwirt Heino Peitzmann erklärte die Technik seines Transportwagens.
Spediteur und Landwirt Heino Peitzmann erklärte die Technik seines Transportwagens.

Wie umfangreich die Kontrollen sind, machte im Anschluss Frank Tholen vom VOST deutlich. Vor, während und nach dem Transport würden Kontrollen stattfinden. Tholen: „Das ist enorm.“ Allein, um einen Transport vorbereiten zu dürfen, brauche es die Zustimmung des Veterinäramtes und des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums. Unter anderem müssten Befähigungsnachweise für Fahrer und Betreuer vorliegen, Zulassungsnachweise für das Transportmittel, Einzelheiten zu den Verfahren, wie die Bewegungen der Fahrzeuge verfolgt und aufgezeichnet werden. Hinzu kommen die medizinischen Unterlagen zu jedem einzelnen Tier.

Veterinäramt sitzt über GPS mit im Wagen

Maximal 14 Stunden – was aber nie vorkomme – dürfen die Tiere laut Tholen ohne Pause unterwegs sein. Dann muss eine Ruhestunde mit Tränke eingelegt werden. Sind sie weitere 14 Stunden im Transporter, müssen sie dann für 24 Stunden an einer Versorgungsstelle entladen und versorgt werden. In dieser Zeit wird der Transporter mit frischem Wasser und Futter ausgestattet, desinfiziert und neu eingestreut. Jede Entladestelle müsse im Vorfeld angemeldet sein und an jeder sei immer ein Veterinär vor Ort.

Auf zwei Etagen können in diesem Fahrzeug Rinder transportiert werden.
Auf zwei Etagen können in diesem Fahrzeug Rinder transportiert werden.

Transporte bei Temperaturen unter null oder ab 30 Grad seien nicht erlaubt, so Tholen. Jeder Lkw verfüge über GPS, so dass das Veterinäramt in Echtzeit nachverfolgen kann, wie schnell der Wagen unterwegs ist und wie die Temperaturen im Lkw sind. Komme es doch zu Verzögerungen, zum Beispiel durch einen Stau auf der Autobahn, hätten die Laster, die stets mit zwei Fahrern besetzt seien, einen Notfallplan dabei.

Weidehaltung braucht Export

Viele der Gäste zeigten sich beeindruckt vom Aufwand, der nötig ist, um einen Transport auf die Straße zu schicken. Manfred Tannen vom Landwirtschaftlichen Hauptverein für Ostfriesland machte zudem deutlich, wie wichtig die Transporte für die ostfriesischen Landwirte seien. Denn sie zögen mehr Rinder auf, als sie selbst brauchen. 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Ostfriesland seien Grünland, in Niedersachsen seien es 30 Prozent. „Die Weidehaltung soll gefördert werden“, sagte Tannen. Damit das gelingen kann, brauche es die Exporte, sie seien ein wichtiges wirtschaftliches Standbein.

Doch am Ende blieb eine Frage: Wie geht es mit den Tieren in den Drittländern, also außerhalb der EU, weiter? Der VOST hat seine Arbeit getan, sobald ein Veterinär nach Ankunft die Tiere und Papiere kontrolliert hat. „Nachdem, was wir wissen, geht es den Tieren gut“, sagte Thies. Der VOST spielte ein Video ab, das einen modernen Milchviehbetrieb in Nordafrika zeigen soll. Er sei einer von vielen Betrieben, die man als Beispiel nennen könne.

VOST zu Gesprächen bereit, wenn sie nicht ideologisch sind

„Ich muss das erst einmal sacken lassen“, sagte Diedrich Kleen gleich im Anschluss an die Veranstaltung. Kleen sitzt für die Tierschutzpartei im Stadtrat Wiesmoor und organisiert federführend die Demo samt Podiumsdiskussion am kommenden Sonnabend in Aurich. Kleen: „Es ist das geworden, was ich erwartet hatte, eine Schaufensterveranstaltung.“ Die wichtigsten Fragen seien nicht beantwortet worden. Eben auch die Frage, wie es für die Tiere in den Drittländern weitergeht. Denn nach Ablieferung würden keine weiteren Kontrollen stattfinden.

Grünen-Ratsfrau Gila Altmann fragte Cord-Hinnerk Thies, warum er bislang jede Einladung zum Dialog abgelehnt habe, wo der VOST an diesem Sonnabend doch über alles habe transparent reden können. Thies entgegnete, er könne sich an keine Einladung erinnern. Er sei grundsätzlich zu Gesprächen bereit, aber nur, wenn sie sachgerecht seien. Sie dürften nicht ideologisch geführt werden.

Diedrich Kleen und die Kritiker von „Ostfriesen gegen Tierleid“ wollen sich mit ihrer Demo am kommenden Sonnabend an die Politik wenden. Zweimal habe er Thies und einmal auch den gesamten Vorstand des VOST angeschrieben, sagte Kleen, aber keine Antwort erhalten. Am Sonnabend lud er Cord-Hinnerk Thies erneut ein. Der lehnte jedoch ab, es werde eine emotionsgetriebene Veranstaltung werden. Zur Podiumsdiskussion haben aber Politiker zugesagt. Kleen: „Wir hoffen, dass die Politik das Thema in den Landtag transportiert, wo endlich die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen.“ Erklärtes Ziel: EU-Standard darf nicht an den Grenzen aufhören, sondern muss auch in Drittländern gelten. Sonst darf es keine Transporte geben.

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