Osnabrück
Warum Wigald Boning jeden Tag einen Marathon gelaufen ist
Heute kann es regnen, stürmen oder schneien: Wigald Boning schnürt trotzdem die Laufschuhe. Ein Jahr jeden Tag laufen und dabei jede Woche einen Marathon. Was treibt ihn an und warum macht man das überhaupt?
Frage: 52 Marathons in einem Jahr: Mit Verlaub sind Sie eigentlich doof?
Antwort: Ja, natürlich! Als bekennendes Mitglied von „die Doofen“ ist man schon per se „doof“. Der Entschluss 52 Marathons zu laufen, gehört aber zu den besseren in meinem Leben. Da hab ich schon dööfere Sachen gemacht.
Frage: Woher kommt die Sportobsession?
Antwort: Ich vermute, ich bin im vorigen Leben ein Shetlandpony oder Schlittenhund gewesen. Ich bin gerne draußen und bewege mich viel, aber ich habe halt diese Shetlandpony-typischen kurzen Beine. Daher kann ich nicht besonders schnell laufen, sondern besteche eher durch Beständigkeit und Robustheit.
Antwort: Ich hab auch von Haus aus niedrigen Blutdruck und es geht mir einfach besser, wenn ich mich wenigstens eine Stunde täglich an der frischen Luft bewege.
Frage: Sie schreiben in ihrem Buch, Sie haben gelernt, ihre Mittelmäßigkeit zu genießen. Was meinen Sie damit?
Antwort: Ich bin jemand, der sich in Kinder und Jugendzeiten in verschiedenen Sportvereinen ausprobiert hat. Das machte Spaß. Ich durfte aber auch feststellen, dass ich nirgends über echtes sportliches Spitzentalent verfüge.
Antwort: Als Jugendlicher habe ich mich von meiner Mittelmäßigkeit frustrieren lassen und daraufhin den ganzen Sport an den Nagel gehängt. Erst als Erwachsener besaß ich die Kraft meine Durchschnittlichkeit zu akzeptieren. Dieser Wettbewerbsgeist hat sicherlich auch Vorteile, da er zu besseren Ergebnisse führt. Ich hab mir aber gesagt: Du läufst mit vielen anderen im mittleren Bereich über die Ziellinie und freust dich, dass du angekommen bist und hast auch keine schlechte Laune, weil du nicht da vorne mit dabei bist.
Frage: Befreit die Akzeptanz am Ende auch ein stückweit vom Leistungsdruck?
Antwort: Das klingt vielleicht nach einer Banalität, aber es hilft, wenn man das einmal akzeptiert hat und das wirklich genießen kann! Man ist dadurch gefeit gegen alle Arten von Frustration, die damit zusammenhängen.
Frage: Ein Jahr, jeden Tag laufen und dabei einen Marathon pro Woche: War das Streak-Running eine Struktur in der Pandemie?
Antwort: Absolut. Womöglich hing das damit zusammen, dass man zumindest einen Bereich hatte, in dem man sich einreden konnte, alles unter Kontrolle zu haben. Zudem war ich so abgelenkt. Der ein oder andere mag sich erinnern, man hat sich vergangenes Jahr fast nur mit dem Thema „Corona“ beschäftigt Das Laufen war also eine gute Ablenkung. Das ist auch nicht so kompliziert. Man muss nur einen Fuß vor den anderen setzen.
Antwort: So kann zumindest ich am Ende meines Lebens im Altersheim etwas Angenehmes von dieser Zeit berichten. Und so verrückt es klingt, verbinde ich jetzt die Zeit der Pandemie mit diesem tollen Marathon-Experiment.
Frage: Wie strukturiert muss der Alltag sein?
Antwort: Ich genieße das schon, wenn man einen ganz genauen Zeitplan hat. Ich nehme morgens die handbetriebene Kaffeemühle und fülle eine ganz bestimmte Anzahl Kaffeebohne rein, nämlich zwei Handvoll. Und wenn ich dann noch die richtig Menge Wasser im Wasserkocher habe, weiß ich ganz genau, dass ich mit mahlen fertig bin, wenn das Wasser kocht. Das ist schon alles sehr durchstrukturiert. Aber: Es ist ein Korsett, dass mir zwischendurch gewisse Freiheiten gibt.
Frage: Neigt Wigald Boning auch zum Müßiggang?
Antwort: Kann ich auch, eigentlich jeden Tag. Mittagsschlaf ist zum Beispiel ein fester Tagesordnungspunkt. Ich mag das gar nicht, wenn ein Tag ohne Mittagsschlaf vergeht. Da bekomm ich ja schlechte Laune, wenn ich nur daran denke, wie ich mich dann durch den Spätnachmittag schleppe. Also ich kann auch Müßiggang – ich finds sogar wichtig!
Frage: In Ihrem Buch schreiben Sie auch, wie Sie Laufen gehen: nämlich in Cordhosen. Wie kommt man auf die Idee einen Marathon in Cordhose zu laufen?
Antwort: Als ich Anfang der 2000er mit dem Ausdauersport anfing, hab ich mir natürlich auch schon diese engen Sporthosen gekauft. Das fand ich aber nicht wirklich schick. Ich bin dann erst auf Skitourenhosen umgestiegen, bevor ich die Cordhose für mich entdeckt habe. Ich hab auch keinen großen Unterschied feststellen können. Das ist bis heute so geblieben.
Antwort: Bei Unterhosen schaut das wieder anders aus. Einen meiner 52 Marathons bin ich mit der falschen Unterhose gelaufen. Bei der hatte sich ein Fädchen am unteren Rand gelöst hatte und ich hatte anschließend eine offene Stelle auf der Innenseite des Oberschenkels.
Frage: Wie kommt der Niedersachse mit den kurzen Beinen mit dem bergischen Bayern zurecht?
Antwort: Da musste ich mich eine Weile dran gewöhnen. Dem Laufen in der Ebene entspricht in den Alpen das Gehen auf den Berg.
Antwort: Größer war die Umstellung aufs Fahrradfahren. Ich komm ja aus Oldenburg. Da ist es komplett flach und alle fahren mit Hollandrädern durch die Gegend mit maximal Dreigangschaltung. Damit kam ich im Allgäu überhaupt nicht weiter.
Antwort: Ein befreundeter Fahrradhändler hat mich dann beiseite genommen und mich aufgeklärt: „Pass auch, es gibt auch Gangschaltungen mit 27 Gänge. Mag für dich jetzt ein bisschen exotisch klingen, aber probier es mal aus.“ Und tatsächlich durfte ich feststellen: Damit kommt man ja steile Berge hoch ohne abzusteigen. Ich habe es richtig genossen und intensiv studiert.
Frage: Das Buch ist ja auch eine Art Tagebuch. Was sind prägende Erinnerungen aus diesem Jahr?
Antwort: Eine ganz wichtige ist, wie ich meinen Papa im Dezember im Rollstuhl durch die Gegend geschoben habe, nachdem er das ganze Jahr immer Witze darübergemacht hat. „Ach, die diese Sportlerei wird doch total überbewertet.“ Am Ende hatten wir einen wunderbaren Tag zusammen, an dem ich ihn durch den Oldenburger Nieselregen geschoben habe. Das war toll.
Antwort: Dann gab es da noch einen ziemlich anspruchsvollen Hochgebirgsmarathon im Zillertal mit 2200 Höhenmetern. Da hatte ich Befürchtungen, dass ich da einen so starken Muskelkater bekomme, der mich daran hindern könnte, in der nächsten Woche wieder zu laufen. Das ging aber ganz fantastisch!
Antwort: Und natürlich viele tolle Tage, an denen ich gut in Form war und um den Ammersee gelaufen bin und ich die Sonnenaufgänge bewundern durfte. Das waren ganz fantastische Landschaftseindrücke.
Antwort: Prägend waren aber auch Tage, an denen ich gar keine Lust hatte. Im verregnete Herbst, hatte ich am Laufen keinen Spaß. Aber auch da war es reizvoll, sich zu überwinden und sich Strategien zu überlegen, wie man ans Ziel kommt. Einmal zum Beispiel habe ich mich selber die ganze Zeit beschimpft: Welcher Idiot hat sich den Marathonmist ausgedacht? Ach, das war ich. Okay, dann hör dir jetzt noch mal folgendes von mir an.
Frage: Haben Sie dann auch den berühmten Endorphin-Kick gespürt, den Läufer immer wieder beschreiben?
Antwort: Ich bin meinen letzten Marathon im Hochgebirge gelaufen. Alles war sehr verschneit und ich bin auf zehn Metern Pendelstrecke immer hin und her gelaufen. Eigentlich totaler Quatsch. Aber es war ein fantastisches Lauf-Abschluss-Erlebnis am Ende meines Marathonexperimentes. Ich flog nur so dahin und dachte mir: „Das ist es es, das Runners High!“
Antwort: Ansonsten fehlt mir wahrscheinlich etwas die Sensibilität, um diese Endorphinausschüttung zu spüren. Ich hatte eher den Eindruck, wenn ich eh gute Laune hab, mach das Laufen Spaß und wenn ich schlechte Laune hab, dann wird sie manchmal besser, manchmal aber auch nicht. Wie im sonstigen Leben auch.
Frage: Wie war der erste Tag nach dem Experiment?
Antwort: Merkwürdigerweise unspektakulär. Ich hatte nicht dieses Gefühl: Hurra, ich habs geschafft. Diese Freude, dass man das tatsächlich gepackt hat, ist erst mit der Zeit immer größer geworden. Und diese Freude wächst auch jetzt immer noch in mir.
Frage: Wie kommt man dann noch auf die Idee mit dem Tretroller die Alpen zu überqueren?
Antwort: Das war 2016. Ich mag Tretrollen grundsätzlich sehr gerne. Da steht man so schön drauf rum. Wenn man, wie ich, lieber steht als sitzt ist der Tretroller einfach geeigneter. Ich bin auch schon mal von Osnabrück zu meinen Eltern nach Oldenburg getretrollert.
Antwort: Mit dem Fahrrad hatte ich die Alpen bereits diverse Male überquert und meine Frau wollte gerne einmal mit. Auf meine Frage: musst du da nicht ein bisschen trainieren, gab es ein klares Nein, brauch ich nicht. Ich hab zu ihr gesagt, dass lass uns wenigstens eine Test machen. Wir sind dann von München zum Tegernsee: 60 Kilometer, rauf und runter. Das gefiel ihr und dann dachte ich, okay, wir fahren zusammen.
Antwort: Und damit wir gleich schnell unterwegs sind fahr ich Tretroller und sie Mountainbike - dann haben wir ein Tempo.
Frage: Was kommt als nächstes?
Antwort: Rein sportlich? Mein Freund Hannes rief letztens mich an und fragte: Wollen wir nicht mal 100 Meilen von Pfronten ins Zillertal laufen? Aber das ist auch wieder ein übergroß erscheinendes Ziel und da muss ich noch schauen, wie viel Zeit ich da fürs Training finde.
Antwort: Aber falls das nicht geht, gibt es einen tollen Plan B. Nämlich sämtliche Berline Badegewässer zu durchschwimmen. Das ist sportlich gesehen gar nicht so anspruchsvoll, aber es sind sehr viele Gewässer. Da hab ich dann schon ein paar Wochen mit zu tun.
Frage: Ein abschließender Tipp für Nachahmer?
Antwort: Einfach mal anfangen. Vielleicht schafft man ja mehr, als man sich zutraut.