Osnabrück

„Viele werden nicht zurückkehren“: Welche Rolle spielen Asow und Co. im Ukraine-Krieg?

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 01.04.2022 13:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ursprünge eindeutig im rechtsextremen Spektrum: Junge Asow-Mitglieder bei ihrer Vereidigung. Foto: Ukrinform
Ursprünge eindeutig im rechtsextremen Spektrum: Junge Asow-Mitglieder bei ihrer Vereidigung. Foto: Ukrinform
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Putin begründet seinen Krieg gegen die Ukraine unter anderem mit dem Ziel der „Entnazifizierung“. Mit dem Asow-Bataillon kämpft auf Seiten Kiews tatsächlich eine populäre Einheit mit rechten Verstrickungen. Wie groß ist ihre Rolle in der Ukraine - und wie ist der ukrainische Nationalismus einzuordnen?

Es sind kämpferische Worte, die Swjatoslaw Palamar am 29. März in einer kurzen Video-Ansprache aus der umkämpften ukrainischen Hafenstadt Mariupol findet. „Wir werden keine Straße, kein Haus aufgeben“, sagt er. Die „Entschlossenheit und Professionalität“ seiner Einheit werde am Ende triumphieren.

Palamar ist stellvertretender Kommandant des Asow-Bataillons. Wohl keine der am russisch-ukrainischen Krieg beteiligten Einheiten ist prominenter. Und keine dürfte einen zweifelhafteren Ruf haben. Asow gilt als ein Sammelbecken rechtsextremer Kämpfer. Wer Russlands Angriff auf das Nachbarland rechtfertigt, verweist oft auf Bilder, auf denen Mitglieder der Einheit mit rechten Symbolen posieren.

Die Geschichte von Asow begann im Frühjahr 2014. In Reaktion auf die separatistischen Bewegungen ganz im Osten der Ukraine gründeten sich damals eine ganze Reihe von Freiwilligeneinheiten, um die ukrainische Armee im Kampf gegen die Separatisten zu unterstützen. Speziell aus Russland kam früh der Vorwurf, es handele sich dabei im Wesentlichen um rechtsextreme Gruppierungen.

„Es ist wohl so, dass Menschen mit rechtsextremen Weltbildern eine höhere Affinität zu Militär und Krieg haben als andere Bevölkerungsgruppen. Das zeigt sich natürlich in der Zusammensetzung dieser Bataillone“, erklärt Andreas Umland. Der Politologe arbeitet derzeit am Stockholmer Zentrum für Osteuropastudien. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind rechtsextreme Bewegungen in der Ukraine und Russland. Umland hält es für zu kurz gegriffen, von der politischen Vorstellung einzelner Kämpfer auf mögliche politische Ziele ganzer Kampfverbände zu schließen.

In der Ukraine haben 2014 tatsächlich etwa auch Krimtataren und der jüdischstämmige Oligarch Ihor Kolomoiskyj eigene Bataillone aufgestellt, um den Kampf der Ukraine zu unterstützen - und damit Protagonisten, die eines rechtsextremen Weltbildes im klassischen Sinne eher unverdächtig sind.

Die Ursprünge der Asow-Einheit hingegen liegen eindeutig im rechtsextremen Spektrum, erklärt Umland. Die Gruppierung sei bis 2014 eine praktisch bedeutungslose Kameradschaft gewesen und dann zu einer Art Profiteur von Russlands hybridem Krieg im Donbass geworden: Ihr Beitrag zur Landesverteidigung habe der Gruppe Popularität gebracht, sagt Umland.

Allerdings handelt es sich nach Umlands Worten heute bei Asow um keine weltanschaulich klar orientierte Kampfgruppe mehr. Grund dafür ist die Integration des Regiments in die ukrainische Nationalgarde, die Ende 2014 erfolgte. Nicht zuletzt diese Aufnahme einer rechtsorientierten Einheit in die regulären Streitkräfte wird immer wieder als Beleg für eine vermeintliche Nähe der Kiewer Regierung zu Nationalismus und Faschismus herangezogen.

Es gibt allerdings auch Indizien dafür, dass der Schritt ein innenpolitischer Schachzug des damaligen Innenministers Arsen Awakow war. Denn das Verhältnis rechter Kämpfer zur Regierung des damaligen Präsidenten Petro Poroschenko und zum ukrainischen Staat war ambivalent. Beide Seiten konnten sich auf das Ziel „Landesverteidigung“ einigen. In rechtsextremen Kreisen gab es allerdings auch Stimmen, die die Maidan-Proteste lediglich als ersten Schritt zu einer größeren Revolution betrachteten - und die Poroschenko-Regierung eigentlich als Teil eines Systems, dass es zu überwinden gelte.

Asow in die Nationalgarde einzugliedern, wertete die kampfstarke Einheit zwar formal auf - beraubte sie aber zugleich ihres politischen Potenzials, das womöglich auch der Regierung hätte gefährlich werden können: Mitgliedern der nationalen Streitkräfte ist eine politische Betätigung in der Ukraine verboten. „Das politisch klar orientierte, semireguläre Asow-Regiment von 2014 kam damit praktisch an ein Ende“, bewertet Andreas Umland den Schritt. Den meisten Kämpfern sei der Dienst im Militär offenbar wichtiger gewesen als politischer Aktivismus.

Ehemalige Asow-Mitglieder gründeten zwar in der Folge die rechtsextreme Partei „Nationaler Korpus“. Die Partei und ihre Unterorganisationen veranstalteten vor dem Krieg bisweilen martialische Aufmärsche in der Ukraine, blieben aber politisch bedeutungslos. Bei den Wahlen im Jahr 2019 kam der Nationale Korpus auf einen Stimmenanteil von gut zwei Prozent.

„Heute ist die Situation so, dass es sicher persönliche Verstrickungen zwischen der rechtsextremen Partei und dem Asow-Bataillon gibt, vielleicht kann man sogar von einer gewissen Unterwanderung sprechen“, erklärt Politologe Umland. Zumindest in der Außendarstellung des Bataillons spielt Politik heute tatsächlich keine Rolle, vielmehr inszeniert sich die Einheit als schlagkräftiger Kampfverband.

Anders als der „Nationale Korpus“ werde Asow daher in der Ukraine nicht primär als rechtsextreme Gruppierung verstanden, sondern als Kampfverband, der sich Verdienste um die Verteidigung des Landes erworben habe. Daran könnten auch die offensichtlichen nationalistischen Symbole, die im Auftreten von Asow eine Rolle spielen - Wolfsangel und Schwarze Sonne - wenig ändern.

, erklärt Umland.

In der Ukraine würden Hakenkreuze und SS-Runen zwar klar mit dem Dritten Reich in Verbindung gebracht und als rechtsextrem erkannt - Symbole mit einer weniger spezifischen Bedeutung wie etwa die von Asow genutzte Wolfsangel aber nicht unbedingt.

„Die Ukraine ist, anders als Deutschland, ein Land, dessen Freiheit über Jahrhunderte immer wieder von außen bedroht war und jetzt erneut bedroht ist. Anders als bei uns wird die Nation als Freiheitsprojekt begriffen - und Nationalismus als ein noch nicht historisch abgeschlossener Prozess, um nationale Freiheit zu erlangen“, sagt Umland. Entsprechend würden fragwürdige Symbole in diesem Kontext umgedeutet und nicht mit Hitler und Auschwitz in Verbindung gebracht, sondern mit der Unabhängigkeit des eigenen Landes.

Eine nationale oder sogar nationalistische Orientierung sei daher in der Ukraine nicht zwangsläufig ein Indiz für ein rechtsextremistisches Weltbild im deutschen Sinne. „Man sollte besser schauen, ob sich Gruppierungen oder Personen rassistisch, antisemitisch, homophob oder antidemokratisch äußern oder ob eindeutige Bezüge zum Nationalsozialismus erkennbar sind“, erklärt Umland. Entsprechende Weltbilder seien im ursprünglichen Asow-Regiment weit verbreitet gewesen und wohl auch heute noch dominant unter den Mitgliedern.

So gibt es durchaus Berichte von Asow-Mitgliedern, die etwa bei rassistisch motivierten Übergriffen involviert waren. Die Uno wirft Asow-Kämpfern zudem eine Reihe schwerwiegender Kriegsverbrechen vor. Ob und inwieweit diese in der Ukraine verfolgt werden, ist unklar.

„In manchen Fällen, das muss man leider sagen, genießen Asow-Kämpfer sicher eine Art Narrenfreiheit. So lange Krieg ist - und Krieg ist aus einer ukrainischen Perspektive seit 2014 - wird man Asow in erster Linie als Vaterlandsverteidiger begreifen und nicht zu sehr auf Weltbilder und Netzwerke schauen, die für diese Gruppe eine Rolle spielen“, so Umland.

Unklar ist ohnehin, welche Zukunft das schätzungsweise bis zu 2.500 Mann starke Bataillon hat. Das Gros der Truppe verteidigt das seit Wochen eingekesselte Mariupol. Eine Entsetzung der Stadt scheint nicht in Sicht.

Am 31. März meldet sich Asow-Vizekommandant Swjatoslaw Palamar erneut mit einer kurzen Videobotschaft aus der Stadt. Er gibt sich kämpferisch, aber wenig zuversichtlich „Jeder Tag der Verteidigung dieser Stadt kostet die Leben unserer Helden“, sagt er darin. „Doch wir haben nicht das Recht, nicht zu kämpfen.“ Diese Einstellung dürfte das weitere Schicksal der Asow-Kämpfer vorzeichnen, vermutet Politologe Umland: „Viele von ihnen werden aus Mariupol nicht zurückkehren.“

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