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Das ist Freiheit: Auch was nicht gefällt, darf gesagt werden

Joachim Braun
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Eine Kolumne von Joachim Braun
| 01.04.2022 09:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Joachim Braun
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Grundrechte wie die Meinungsfreiheit müssen sich vor allem dann bewehren, wenn die Zeiten schwierig sind. Ein Interview zum Ukraine-Krieg war für viele Leser eine harte Prüfung.

Journalismus soll, nein, er muss provozieren. Durch Perspektivwechsel, durch ungewöhnliche Gesprächspartner, durch unbequeme Meinungen. Journalismus soll zum Nachdenken anregen, und das funktioniert nicht, wenn wir nur Thesen veröffentlichen, die die Leserinnen und Leser schon kennen.

Ein Beitrag, der viele Leser provoziert hat, war das Interview von Marion Trimborn mit dem ehemaligen Bundeswehr-Offizier Ulrich Scholz, veröffentlicht am Montag auf unserer Webseite.

Darin standen Sätze wie „Putin ist nicht ein Böser.“ Und zur Frage nach der Kriegsschuld: „Niemand hat Schuld.“

In der Tat, solchen Sätzen muss man nicht zustimmen. Sie sind angesichts des brutalen Tötens tausender Ukrainer durch die Armee des russischen Potentaten schwer zu ertragen und geradezu zynisch.

Aber dürfen sie deshalb nicht gesagt werden? Was ist uns unser Grundrecht der Meinungsfreiheit eigentlich wert? Ist nicht genau diese Offenheit der Unterschied zu diktatorisch geführten Gesellschaften wie Russland, wo andere Meinungen als die offizielle verboten sind und mit 15 Jahren Lagerhaft oder Schlimmerem bestraft werden?

Der Militär Scholz ist ja auch kein Dummkopf, wie etwa sein Vorschlag beweist: „Es wäre klug gewesen, von Beginn an einen prominenten und neutralen Moderator etwa von der Uno einzuschalten wie zum Beispiel Kofi Annan.“ Und auch über seinen Gedanken zur Rolle der Nato kann man trefflich diskutieren: „Die Nato könnte sich als Waffenstillstands-Unterhändler anbieten.“

Ein Leser fragte, was Ulrich Scholz zum Experten macht. Eine gute Frage. Reicht es, dass er schon in verschiedenen Fernseh-Talkshows aufgetreten war? Ein anderer Leser, ein honoriger Mann, den wir in der Redaktion seit langem kennen, ließ seiner Abscheu über Putin freien Raum und nannte das Interview eine „journalistische Schreckensnummer“. Aber ist es das wirklich? Oder sind Scholz‘ Aussagen nur eine Meinungsäußerung, über die man nachdenken und die man als falsch kritisieren kann?

Kontakt: j.braun@zgo.de

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