Natur

Wildgänse kennen das Geheimnis für lebenslange Treue

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 31.03.2022 07:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dr. Helmut Kruckenberg ist fasziniert von den Zugvögeln. Einzeltiere wurden besendert, um mehr über ihr Zugverhalten und ihre Aufenthaltsorte zu erfahren. Foto: Kruckenberg
Dr. Helmut Kruckenberg ist fasziniert von den Zugvögeln. Einzeltiere wurden besendert, um mehr über ihr Zugverhalten und ihre Aufenthaltsorte zu erfahren. Foto: Kruckenberg
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Dr. Helmut Kruckenberg erforscht seit Jahrzehnten Wildgänse – nicht nur im Rheiderland. Mit drei Kollegen gibt er in einem neuen Buch Einblicke in die Forschung und das spannende Leben der Gänse.

Rheiderland - An der geringen „Scheidungsrate“ der Nonnengans können sich die Menschen mal ein Beispiel nehmen. 65 Prozent dieser Gänse bleiben ihrem Partner ein Leben lang treu. Dieses und viele weitere Geheimnisse aus dem Leben der Vögel offenbart „Das große Buch der Gänse“, das jetzt erschienen ist. Geschrieben hat es der aus Leer stammende Gänseforscher Dr. Helmut Kruckenberg gemeinsam mit drei weiteren Wissenschaftlern. Sie möchten Naturfreunde mit ihrer Begeisterung für diese Zugvögel anstecken, Verständnis für sie wecken und mit Vorurteilen aufräumen.

Was und warum

Darum geht es: Der Ornithologe Dr. Helmut Kruckenberg erforscht gemeinsam mit Kollegen seit Jahrzehnten das Leben der Wildgänse – auch im Rheiderland.

Vor allem interessant für: Naturfreunde und Landwirte

Deshalb berichten wir: Gemeinsam mit drei anderen Wissenschaftlern hat der Gänseforscher Dr. Helmut Kruckenberg „Das große Buch der Gänse“ herausgegeben. Die Forschungsergebnisse stammen nicht nur aus den arktischen Brutgebieten Russlands, sondern auch aus dem Rheiderland. Hier sind die Wildgänse bei einigen Landwirten allerdings nicht so gerne gesehen.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Das Schnattern ist schon zu hören, bevor man sie überhaupt am grauen Himmel entdeckt. Bis sie im Frühjahr den Abflug in die arktischen Brutgebiete machen, sind die v-förmigen Flugformationen der Wildgänse allgegenwärtig. Die Zugvögel, die das Landschaftsbild im Rheiderland prägen wie keine andere Spezies, begleiten den Gänseforscher Dr. Helmut Kruckenberg schon seit seiner Jugendzeit. „Ich habe dem Leeraner Pfadfinderstamm Wildgänse in Leer angehört.“ Dort wurde das grundlegende Interesse an der Natur geweckt. Dass sich ausgerechnet Wildgänse im Studium zu seinem Spezialgebiet entwickeln würden, sei aber eher Zufall gewesen. „Eigentlich waren Algen in der Bretagne mein Thema.“ Doch während seines Studiums habe er auf der niederländischen Insel Texel ein sogenanntes Geländepraktikum gemacht. Das Verhalten der Ringelgänse faszinierte ihn. Seitdem lassen diese Zugvögel den Ornithologen nicht mehr los.

Gemeinsam mit drei Kollegen hat Dr. Helmut Kruckenberg "Das große Buch der Gänse" herausgebracht. Auch Ergebnisse, die Gänseforscher im Rheiderland gesammelt haben, flossen dort ein. Foto: Gettkowski
Gemeinsam mit drei Kollegen hat Dr. Helmut Kruckenberg "Das große Buch der Gänse" herausgebracht. Auch Ergebnisse, die Gänseforscher im Rheiderland gesammelt haben, flossen dort ein. Foto: Gettkowski

Gänse sind soziale Tiere

An insgesamt 15 internationalen Expeditionen mit Forschern aus Deutschland, den Niederlanden und Russland hat Kruckenberg schon teilgenommen. Ziele waren unter anderem Skandinavien und Russland. Die Wissenschaftler konnten beispielsweise beobachten, dass ein Ganter, dessen Partnerin stirbt, tagelang bei ihr Wache hält. „Gänse sind total soziale Tiere“, macht Kruckenberg deutlich. Und sie vollbringen faszinierende Leistungen. Tausende von Kilometern legen sie auf ihren Reisen zwischen den arktischen Brutgebieten und ihren Winterquartieren zurück. „Das Leben eines Brachvogels ist da deutlich langweiliger“, findet der Wissenschaftler.

Vom Vogelbeobachtungstur „De Kiekkaaste“ an der Schleuse von Nieuwe Statenzijl kann man direkt auf den Dollart blicken. Von dort aus lassen sich im Herbst und Winter Wildgänse beobachten. Foto: Kruckenberg
Vom Vogelbeobachtungstur „De Kiekkaaste“ an der Schleuse von Nieuwe Statenzijl kann man direkt auf den Dollart blicken. Von dort aus lassen sich im Herbst und Winter Wildgänse beobachten. Foto: Kruckenberg

Das erste Buch ,Wilde Gänse` erschien 2006. „Es ist schon seit fünf Jahren vergriffen. Außerdem gibt es seitdem viele neue Forschungsergebnisse“, nennt er den Grund für die Neuerscheinung. „Es wurden zum Beispiel Gänse mit Satellitensendern ausgestattet“, berichtet er. Anhand der Daten kann man damit unter anderem erkennen, welche Flugrouten eine besenderte Gans genommen und wo und wie lange sie eine Rast eingelegt hat. Die Leser können in dem Buch per Smartphone einen QR-Code scannen, die Flugroute des Tieres verfolgen und sich sogar die unterschiedlichen Stimmen verschiedener Gänsearten anhören. „Das Buch ist aber nicht für ein Fachpublikum geschrieben.“ Kruckenberg sieht darin vielmehr einen Beitrag zur allgemeinen Aufklärung. Und die ist auch nötig.

Gänse – geliebt und gehasst

Denn die gefiederten Wintergäste sind bei vielen Landwirten im Rheiderland nicht gern gesehen. Doch Bemühungen, die Gänse durch Flatterbänder, Knallautomaten oder andere Vergrämungsmaßnahmen zu vertreiben, hätten keine nachhaltige Wirkung. Nach Einschätzung der Forscher ist das Gegenteil der Fall. „Weil die Gänse durch das ständige Auffliegen Energie verlieren, müssen sie mehr Nahrung aufnehmen.“ Der Vergrämungseffekt laufe ins Leere, weil die Tiere auf andere Flächen ausweichen und sich nur noch länger in den Gebieten aufhielten.

Doch es gibt auch Gänse-Fans. In den 90er Jahren florierte in Ostfriesland ein regelrechter Gänse-Tourismus. Der Nabu veranstaltete damals Exkursionen in die Krummhörn und zu den Schlafplätzen der Wildgänse auf dem Dollart. „Mehrere Reisebusse waren damals unterwegs“, erinnert sich Kruckenberg, der etliche dieser Ausflüge selbst geleitet hat. Die Gruppen, die heute mit dem Nabu-Rheiderland unterwegs sind, sind deutlich kleiner.

Gemeinsam mit niederländischen, russischen und deutschen Forschern brach Kruckenberg schon zu insgesamt 15 Expeditionen auf – wie bei dieser zu den arktischen Gänsebrutgebieten mit dem Hubschrauber. Foto: Privat
Gemeinsam mit niederländischen, russischen und deutschen Forschern brach Kruckenberg schon zu insgesamt 15 Expeditionen auf – wie bei dieser zu den arktischen Gänsebrutgebieten mit dem Hubschrauber. Foto: Privat

Auch wenn die Forscher in den zurückliegenden Jahren dank neuer Technik viele Erkenntnisse gewonnen haben, gibt es für Kruckenberg und seine Kollegen noch viele Rätsel im Leben von Graugans, Nonnen und ihren Verwandten zu lösen. „Bislang haben wir Einzeltiere mit Sendern ausgestattet“, sagt Kruckenberg. Spannend wären Erkenntnisse, ob eine Brutpopulation gemeinsam zieht und wie lange diese Tiere zusammen bleiben.“ Inzwischen gebe es preiswerte Sender, mit denen das möglich sei.

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