Gesundheit

Kann man Depressionen davonlaufen?

Maren Stritzke
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Von Maren Stritzke
| 29.03.2022 18:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Während die einen voller Energie sind, kämpfen an Depressionen Erkankte mit Antriebslosigkeit und Erschöpfung. Ihnen fällt es häufig schwer, sich aufzuraffen. Symbolfoto: Imago
Während die einen voller Energie sind, kämpfen an Depressionen Erkankte mit Antriebslosigkeit und Erschöpfung. Ihnen fällt es häufig schwer, sich aufzuraffen. Symbolfoto: Imago
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Laut Gesundheitsministerium erkranken schätzungsweise 16 bis 20 von 100 Menschen irgendwann in ihrem Leben an einer Depression. Der Psychologe Johannes Stuppi erklärt, warum Sport bei der Behandlung so wichtig ist.

Ostfriesland/Hamburg - Antriebslos, erschöpft, niedergeschlagen: Depressive Störungen gehören laut Gesundheitsministerium zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Schätzungsweise 16 bis 20 von 100 Menschen erkranken irgendwann in ihrem Leben mindestens einmal an einer Depression oder einer chronisch depressiven Verstimmung. Johannes Stuppi aus Hamburg ist Psychologe, Sportpsychologe und bietet über das Portal www.die-sportpsychologen.de entsprechende Trainings und Beratungen für Einzel- und Teamsportler im U19- und Erwachsenenbereich an. Der 32-Jährige erklärt, wie man eine Depression erkennt und warum Sport bei der Behandlung so wichtig ist.

Johannes Stuppi hat einen Studienabschluss in Psychologie und Sportwissenschaften. Aktuell befindet er sich in der Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten. Foto: Privat
Johannes Stuppi hat einen Studienabschluss in Psychologie und Sportwissenschaften. Aktuell befindet er sich in der Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten. Foto: Privat

Frage: Herr Stuppi, kann man – vereinfacht gesagt – Depressionen davonlaufen?

Johannes Stuppi: Das Wort „davonlaufen“ passt in diesem Zusammenhang nicht. Es ist zwar genau das, was an Depressionen erkrankte Menschen machen – nämlich ihren Gefühlen davonrennen – aber in einer Therapie wird gefühlsfördernd gearbeitet. Die Betroffenen sollen sich ihren Emotionen und – vor allem ihren Depressionen – stellen.

Frage: Wie erkenne ich eine Depression?

Stuppi: Klare Anzeichen sind Niedergeschlagenheit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit. Betroffene haben häufig keine Freude mehr an den Dingen, die sie zuvor total gerne gemacht haben. Ganz typisch sind auch der soziale Rückzug sowie Gedankenkarussells. Die Probleme kreisen permanent im Kopf herum, die Betroffenen können nicht mehr abschalten. Zudem leiden sie unter Schlafstörungen.

Frage: Und wie erkenne ich, dass ich tatsächlich eine Depression habe und vielleicht nicht „nur“ ein Tief?

Stuppi: Natürlich gehen wir alle auch mal durch schwierige Zeiten. Aber eine Depression kommt nicht von heute auf morgen. Wenn man merkt, dass man schon seit mehreren Wochen antriebslos ist und sich die Stimmung nicht bessert, sollte man das sehr ernst nehmen und sich an einen Psychotherapeuten wenden. Depressionen lassen sich gut behandeln, vor allem wenn sie frühzeitig erkannt werden. Wenn die Symptome bereits drei bis sechs Monate anhalten, dann sollte man das dringend von einem Experten beurteilen lassen.

Frage: Inwieweit kann Sport auf dem Weg der Besserung helfen?

Stuppi: Ich würde eher von Bewegung als von Sport sprechen. Bei Bewegung werden Hormone wie Serotonin und Endorphine ausgeschüttet, die dazu beitragen, dass wir uns besser fühlen. Zudem hilft Bewegung dabei, Stress abzubauen, einen Ausgleich zu schaffen und Abstand zu Problemen zu gewinnen.

Frage: Also würde schon der tägliche Spaziergang mit dem Hund ausreichen?

Stuppi: Ja, definitiv. Wichtig ist einfach, dass man in Bewegung kommt, raus an die frische Luft geht. Man muss sich nicht direkt einen Marathon zum Ziel setzen. Im Gegenteil. Wichtig ist, dass man es nicht gleich übertreibt.

Frage: Betroffene sind aber, wie Sie schon sagten, sehr antriebslos. Wie können an Depressionen Erkrankte überhaupt die ersten Schritte schaffen?

Stuppi: Das ist natürlich so ein bisschen die Krux bei der Sache. Gut ist, wenn das Umfeld unterstützt und zum Rausgehen motiviert. Dabei sollte aber kein Druck aufgebaut werden. Betroffene hören aus dem Umfeld oft Sätze wie „Stell Dich doch nicht so an!“ Oder: „Raff Dich doch mal auf, dann geht es Dir schon wieder besser.“ So etwas führt dazu, dass die depressive Stimmung noch verstärkt wird. Wenn jemand nur im Bett liegt und keinen Antrieb hat, dann ist es eher unwahrscheinlich, dass er nach draußen geht und zehn Kilometer joggt. Deshalb muss man sich realistische Ziele setzen und erst mal vielleicht nur eine kleine Runde laufen gehen.

Frage: Empfehlen Sie denn Bewegung in der Gruppe oder eher Individualsport?

Stuppi: Die Ergebnisse von Studien sind bei dieser Frage ganz unterschiedlich. Einige Studien zeigen, dass Mannschaftssport besser ist, andere wiederum belegen, dass es keinen Unterschied macht, ob man Mannschafts- oder Einzelsport betreibt. Der Vorteil beim Mannschaftssport ist, dass man unter Menschen ist, dass man soziale Kontakte knüpft. Vor allem wenn man sich in einer Gruppe wohlfühlt und anerkannt wird, kann sich das zusätzlich positiv auswirken. Häufig berichten Patienten, dass ihre Probleme nach dem Gruppentraining plötzlich keine Rolle mehr spielen. Andere Betroffene hingegen bekommen beim Joggen den Kopf völlig frei.

Frage: Kann Sport beziehungsweise Bewegung eine Psychotherapie ersetzen?

Stuppi: Ersetzen kann man eine Therapie dadurch nicht. Es gibt zwar viele Menschen, die durch die erste depressive Episode erst einmal ohne Behandlung durchkommen, dann – nach ein, zwei oder mehreren Jahren – aber erneut in eine depressive Phase rutschen. Je häufiger die Betroffenen in eine depressive Episode kommen, desto schwieriger wird es, sie zu behandeln. Deshalb sollte man Depressionen unbedingt behandeln lassen, wobei Sport häufig auch ein Teil der Therapie ist. Vor allem in Kliniken gibt es auch immer Bewegungstherapien.

Frage: Kann Sport denn auch präventiv wirken?

Stuppi: Definitiv. Es ist nachgewiesen, dass Personen, die regelmäßig Sport treiben, seltener an psychischen Erkrankungen leiden, weniger Angststörungen entwickeln und seltener suchtgefährdet sind. Sport beziehungsweise Bewegung gibt den Menschen auch immer eine feste Struktur im Alltag. Auch der Körper verändert sich positiv.

Frage: Und bei welchen Sportarten finden Sie einen Ausgleich zum stressigen Alltag?

Stuppi: Ich habe in der Jugend viel Fußball und Badminton gespielt. In den vergangenen Jahren bin ich auf die Trendsportarten gewechselt – auf Yoga und Klettern. Einfach, weil es sich leichter in den Alltag integrieren lässt.

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