Osnabrück
Margot Käßmann: Putin ein von Angst besetzter, kranker alter Mann
Wladimir Putin ist das Musterbeispiel für eine toxische Männlichkeit: Margot Käßmann, evangelische Theologin, geht mit dem russischen Präsidenten ins Gericht - und lobt sein ukrainisches Gegenbild.
Frage: Mit welchen Gefühlen schauen Sie als Christin auf den Krieg in der Ukraine?
Antwort: Mit einer großen Empathie, gerade angesichts der ganzen sinnlosen Zerstörung eines ganzen Landes und der toten oder fliehenden Menschen. Ich denke allerdings auch an die russischen Soldaten, die in einen sinnlosen Krieg geschickt werden. Wladimir Putin ist ein Kriegsverbrecher. Ich habe großes Mitgefühl und auf der anderen Seite auch einen gewissen Zorn, weil alle Appelle, die wir über den Ökumenischen Rat der Kirchen, die Weltreligionen für den Frieden gestartet haben, ins Leere gelaufen sind. Wir hatten versucht, Patriarch Kyrill I., das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, dazu zu bewegen, Einfluss auf Wladimir Putin zu nehmen. Ich wünschte mir, dass die Kirchen mehr Einfluss nehmen.
Frage: Welche Handlungsoptionen gibt es jetzt Ihrer Meinung nach?
Antwort: Kirchen haben zum Frieden zu rufen. Ich finde es ermutigend, dass gerade 250 russisch-orthodoxe Priester in einem Appell gegen den Krieg aufgestanden sind. Das ist in Russland sehr mutig. Der ukrainische Patriarch Onufrji bezeichnete den Krieg als einen Brudermord von Kain an Abel. Ich hoffe, dass diese Stimmen hörbarer werden. Der Zentralausschuss der Weltreligionen für den Frieden versucht gerade, diese Stimmen zu stärken.
Frage: Frieden schaffen ohne Waffen – auch dieser Slogan taucht in der Debatte um das Verhalten des Westens gegenüber der Ukraine jetzt immer wieder auf. Wäre das Ihrer Meinung nach möglich und wie sollte das aussehen?
Antwort: 1975 habe ich mich zum ersten Mal für den Frieden engagiert, damals in den USA. Es gab am 1. Mai ein Waffenstillstandsabkommen im Vietnam-Krieg. Martin Luther King, der damals bis zu seiner Ermordung 1968 wieder zur Gewaltlosigkeit aufgerufen hatte, wurde belächelt. Ich habe immer wieder erlebt, dass dafür plädiert wird, in Konflikten Waffen einzusetzen. Die Rolle der Christinnen und Christen ist aber, zu sagen, dass mehr Waffen nicht mehr Frieden schaffen. Im Moment ist das wieder die Meinung einer Minderheit. Ich erlebe selbst gerade viel Spott und Häme für meine Wortmeldungen über Mails und im Internet. Zukunft kann aber nur über Vermittlung, Mediation und Diplomatie gewonnen werden.
Frage: Gemeinsam mit anderen Prominenten wie der Schauspielerin Katja Riemann, dem Musiker Bela B. oder Politiker Gregor Gysi haben Sie gerade einen Aufruf gegen das 100 Milliarden teure Sonderprogramm für die Bundeswehr unterzeichnet. Was hat Sie dazu bewogen?
Antwort: Es ist von 100 Milliarden Sondervermögen gesprochen worden. Vermögen ist etwas, das man hat oder auch nicht. Hier geht es um Schulden und um eine Kehrtwende innerhalb von nur drei Tagen nach Beginn des Angriffskrieges von Putin auf die Ukraine. Das müsste öffentlich viel mehr diskutiert werden. Investitionen in Zukunft sind Investitionen in Bildung, in erneuerte Landwirtschaft, in soziale Belange. Denken Sie nur daran, dass jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut aufwächst. Wie investieren wir in Zukunft – das ist meine Frage.
Frage: Das Programm für die Bundeswehr soll das Sicherheitsgefühl der Europäer erhöhen. Auch wenn Sie das Programm ablehnen – können Sie dieses Bedürfnis verstehen?
Antwort: Ich kann die Ängste der Menschen nachempfinden, vor allem, weil dieser Krieg uns extrem nahe ist in einem Land, das wir als europäisch empfinden. In unserem Aufruf haben wir auch gesagt, dass die Anschaffung konventioneller Waffen in einem Zeitalter der nuklearen Abschreckung nicht die Lösung sein kann. Mehr Waffen in die Ukraine bedeutet nicht mehr Frieden.
Frage: Verteidigen die Ukrainer nicht gerade auch unsere Freiheit?
Antwort: Ich habe große Sympathie mit den Menschen in der Ukraine, die derart entschlossen ihre Freiheit verteidigen. Ich kann mir niemanden vorstellen, der diesen irrsinnigen Angriffskrieg auf ein friedliches Land rechtfertigen könnte. Was die russische Seite an Rechtfertigungen bietet, ist nichts Anderes als Lüge und Propaganda. Wir sollten aber nicht alle Russinnen und Russen dafür verantwortlich machen. Mir tun diese jungen russischen Soldaten, die zu tausenden sterben, ebenso leid. Wir müssen im anderen immer den Menschen sehen und dürfen uns durch Feindbilder nicht selbst in innere Konfrontation begeben.
Frage: Putins Angriff auf die Ukraine markiert sicher eine Zeitenwende für Europa. Wie sollte auf diese massive Veränderung reagiert werden?
Antwort: Der Begriff der Zeitenwende trifft sicher zu. Allerdings haben wir seit elf Jahren einen Krieg in Syrien, in den Putin massiv involviert ist, mit einer halben Million Toten. Wir erleben seit über sieben Jahren einen Krieg im Jemen. Dort verantwortet Saudi-Arabien mehr als 20.000 Luftangriffe und wir liefern Waffen an dieses Land. Es ist eine Zeitenwende insofern, als uns der Krieg sehr nahegekommen ist. Aber zugleich haben wir Waffen in die Kriege dieser Welt auch schon vorher exportiert. Der Krieg in der Ukraine ist ein weiterer dramatischer Konflikt, den wir vielleicht hätten verhindern können, indem wir viel langfristiger Sanktionen und Aufbau der Zivilgesellschaft betrieben hätten. Der Pazifismus erscheint, so sagte es einmal der Schriftsteller Stefan Zweig, im Frieden überflüssig und im Krieg hilflos. Vor dem Ersten Weltkrieg hat man Pazifisten auch belacht.
Frage: Pazifisten sehen in solchen Momenten, wie wir sie jetzt erleben, immer hilflos aus, nicht?
Antwort: Das ist so. Ich erlebe selbst auch Häme und Aggression dagegen. Wer versucht, Friedensmissionen langfristig zu finanzieren, erntet immer Unverständnis. Wenn der Konflikt erst einmal eskaliert ist, wird gesagt, dass nun Waffen gebraucht würden. Allein in diesem Jahrhundert haben die USA allein vier Billionen Dollar in die Kriege im Irak und in Afghanistan investiert. Aber dort ist kein Friede geworden.
Frage: Das Programm für die Bundeswehr bedeutet auch eine Zeitenwende für die Bundesrepublik. Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft wird dieses Programm haben?
Antwort: Ich habe den Eindruck, dass sich das Klima in unserer Gesellschaft sich verändert. Deutschland war in den letzten Jahrzehnten, nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges in großer Distanz zu Aufrüstung und Armee. 49 Milliarden Euro sind ohnehin schon für Rüstungsausgaben im diesjährigen Haushalt vorgesehen. Man muss doch fragen, wie dieses Geld verwendet wird. Warum ist so vieles bei der Bundeswehr im Argen? Schließlich wurden Millionen für Beraterverträge ausgegeben. Hundert Milliarden sind eine gigantische Summe. Zugleich gehen die Aktienwerte von Rheinmetall durch die Decke. Die Profiteure dieser Ausgaben sind schon wieder ganz vorn mit dabei.
Frage: Wir hören immer wieder, dass jetzt hierzulande Menschen mit russischen Wurzeln wegen des Krieges in der Ukraine angefeindet werden. Wie sollte darauf reagiert werden?
Antwort: Für mich ist inakzeptabel, wenn jetzt Menschen russischer Abstammung oder russische Bürger, die in Deutschland leben, diskriminiert oder angegriffen werden. Ich kenne die Großmutter eines russischstämmigen Mädchens gut. Die Kleine will nicht mehr in die Schule gehen, weil sie in der dritten Klasse wegen ihrer Herkunft gemobbt wird. Wir müssen aufpassen, dass wir uns von Feindbildern nicht mitreißen lassen.
Frage: Auch Sie werden mit Spott und Häme überzogen. Was erleben Sie da?
Antwort: „Halt die Klappe, du dumme Sau“ - das ist noch eine eher harmlose Formulierung. Meistens sind es Männer, die sich so äußern. Ich habe einigen zurückgeschrieben und sie gefragt, ob sie eine Form des Anstands in der Kommunikation finden können. In diesem Fall trete ich gern in einen Dialog ein. Aber im Netz scheint der Anstand bei vielen ohnehin verloren zu sein. Wir leben in einem demokratischen Staat. Ich bin Mitglied einer Kirche, in der es unterschiedliche Meinungen gibt. Insofern dürfen wir mit Anstand und Respekt vor der anderen Meinung auch streiten.
Frage: Sie fordern den gesellschaftlichen Dialog über das Programm für die Bundeswehr. Wie soll dieser Dialog konkret aussehen?
Antwort: Ich erinnere an die Zeit nach der Wende, in der es in Ostdeutschland runde Tische gab, Bürgerdialoge. Ich wünsche mir für unser Land, dass wir wieder dazu finden, dass Bürgerinnen und Bürger, die unterschiedlicher Meinung sind, auch miteinander an einen runden Tisch gehen und sich mit Respekt austauschen. Wir leben in einer Demokratie, in der es unterschiedliche Meinungen gibt. Dafür kämpft die Ukraine doch gerade auch.
Frage: Und der Tisch sollte nicht so lang sein wie jene Tische, an denen Wladimir Putin Platz nimmt, nicht?
Antwort: Wir sehen doch schon an diesen Tischen, dass Wladimir Putin ein von Angst besetzter, psychisch kranker alter Mann ist. Das wird an diesem Detail ja bis zur Lächerlichkeit deutlich. Mit Vernunft ist da nichts mehr zu machen. Wenn er sich mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd als Held inszeniert, ist das eine lächerliche Form der Männlichkeit. Das empfinden viele Männer übrigens auch. Ein Beispiel für die neue Männlichkeit ist dagegen Wolodymyr Selenskyj, der sich in T-Shirt und Fleece-Jacke vor die Kameras stellt und mit extrem guten Reden in den Parlamenten überzeugt. Die Zeit eines Putin und seiner toxischen Männlichkeit ist ebenso vorbei, wie die eines Alexander Lukaschenko, des Präsidenten von Belarus, und eines Ramsan Kadyrow, des Präsidenten Tschetscheniens. Ich wünsche mir, dass wir diese Macho-Kultur überwinden.
Frage: Was machen Sie gerade – engagieren Sie sich zum Beispiel für ukrainische Flüchtlinge?
Antwort: Ich erlebe in den Kirchengemeinden, in die ich zum Gottesdienst komme, wie intensiv die Unterstützung läuft. Dort sind alle hochgradig engagiert. Das beeindruckt mich und das unterstütze ich durch Spenden. Ich sehe aber auch viele Menschen, die seelsorglichen Beistand brauchen. Gerade die sehr alten Menschen kommen nach den Gottesdiensten zu mir und sagen, dass sie vor Aufregung nicht mehr schlafen können. Die Kriegstraumata aus dem Zweiten Weltkrieg kommen wieder an die Oberfläche. Dieser Krieg löst für viele, die im Zweiten Weltkrieg noch Kinder waren, massive Ängste aus. Sie haben ein Recht, dass sie gehört werden. Solche Gespräche führe ich oft in diesen Tagen.
Frage: Wird unsere Gesellschaft da auch an eine verdrängte Vergangenheit erinnert?
Antwort: Meine Eltern kamen aus dem Krieg ohne Hab und Gut in dem Ort an, in dem ich aufgewachsen bin. Sie hatten als junge Leute traumatische Erfahrungen gemacht. Das wurde vollkommen unterdrückt. Sie wollten etwas aufbauen, etwas schaffen, aber eben auch nicht mit der deutschen Schuld konfrontiert werden. Diese Traumata kamen erst zum Ende ihres Lebens wieder an die Oberfläche. Die Konsequenz daraus muss heißen, dass wir jetzt ganz besonders auf die Kinder achten, die aus der Ukraine zu uns kommen. Ihnen müssen wir psychosoziale Traumaberatung anbieten. Die Generation meiner Eltern hatte nie Gelegenheit, ihre Traumata wirklich aufzuarbeiten.