Kolumne: Intern
Wie „Bild“ die Menschenwürde mit Füßen tritt
Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen zur angeblichen Gruppenvergewaltigung in Leer eingestellt, weil sie offenbar nicht stattgefunden hat. Die „Bild“-Zeitung war besonders verantwortungslos.
„Entsetzen nach der Gruppenvergewaltigung in Leer (Niedersachsen): Dort haben drei Männer eine junge Frau (16) brutalst missbraucht und geschlagen.“ So stand es am 28. Juli 2021 auf „bild.de“. Der Titel des Artikels: „Richter lässt drei Vergewaltiger laufen“.
Was war daran (und an vielen ähnlich lautenden Artikeln) falsch? Inzwischen wissen wir es: Eine Gruppenvergewaltigung hat den Ermittlungen zufolge nicht stattgefunden, das Ereignis entsprang der Fantasie des angeblichen Opfers. In der Überschrift fehlt der Begriff „mutmaßlich“, und auch die Angabe der Herkunft der angeblichen Täter widerspricht dem Pressekodex. Aber so war‘s halt plakativer. Und die Opfer ihrer Berichterstattung interessieren „Bild“ bekanntlich nicht. Das wissen wir nicht erst seit Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, das auch 48 Jahre nach Erscheinen aktuell erscheint.
Zur Person
Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.
Medien haben viel Verantwortung. Medien können dafür sorgen, dass Menschen berühmt werden. Medien können aber auch Existenzen vernichten. Der Fall der Gruppenvergewaltigung in Leer, die keine war, ist dafür geradezu exemplarisch. Wie Heuschrecken schwärmten die Boulevard-Reporter damals in Leer aus, passten einen der Tatverdächtigen in der elterlichen Wohnung ab: „Der junge Mann ist etwa 1,75 Meter groß und schlank. BILD gegenüber bestritt er die Tat und entgegnete locker: „Es wurde nicht einmal ein Haftbefehl erlassen. Dann wollen wir doch mal sehen.“ Und auch Bild-Live-Chef Claus Strunz sagte vor laufender Kamera: „Wenn ich das höre, habe ich Puls.“
Glauben Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser, dass „Bild“ in ähnlicher Aufmachung berichten wird, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde? Ich glaube nicht, ich hoffe es auch nicht. Denn Fakt ist, es gibt in diesem Fall nur Verlierer: Die drei Tatverdächtigen, die unschuldig im Gefängnis saßen, und auch das angebliche Opfer, das eine Lüge verbreitet hat.
Entschuldigen Sie, dass ich in dieser Kolumne so emotional bin. Aber die Skrupellosigkeit von „Bild“ & Co. regt mich auf.
Kontakt: j.braun@zgo.de
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