Leer
Verfahren eingestellt: Gruppenvergewaltigung in Leer war wohl erfunden
Die Wellen schlugen hoch, als im Juli 2021 die Meldung durch die deutschen Medien ging, eine 16-Jährige sei in Leer von drei Männern vergewaltigt worden. Jetzt gibt es eine spektakuläre Wende in dem Fall.
Die Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens durch drei Männer, die im vergangenen Juli in der Leeraner Südstadt stattgefunden haben soll, war wohl keine. Jedenfalls hat die Staatsanwaltschaft Aurich so große Zweifel, dass sie das Verfahren nun eingestellt hat. Das bestätigte Pressesprecher Jan Wilken auf Anfrage des „General-Anzeigers“. Eine Gerichtsverhandlung könne nur dann angesetzt werden, wenn eine Verurteilung der Verdächtigen wahrscheinlicher sei als deren Freispruch. Davon habe in diesem Fall aber nicht mehr ausgegangen werden können, so Wilken.
Was zu dieser Einschätzung geführt hat, sagte der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft auch auf Nachfrage nicht. Nach Informationen unserer Redaktion war ein Gutachten zur Glaubwürdigkeit des potenziellen Opfers ausschlaggebend. Es kommt zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich Geschlechtsverkehr zwischen der 16-Jährigen und den drei Männern, die damals zwischen 18 und 21 Jahre alt waren, gegeben hat. Dass der Sex aber erzwungen worden sei, könne nicht mit der erforderlichen Sicherheit behauptet werden. Im Gegenteil: Es sei nach mehreren Vernehmungen bei der Polizei und den Gesprächen mit der Gutachterin „naheliegend“, dass das Mädchen den einvernehmlichen Geschlechtsverkehr im Nachhinein als Vergewaltigung dargestellt habe. Womöglich glaube sie diese Darstellung inzwischen auch selber.
Der Aufschrei in der deutschen Medienlandschaft war laut und schrill, als die Nachricht von der vermeintlichen Gruppenvergewaltigung Ende Juli bekannt wurde. Das Verbrechen sei zu schrecklich, um wahr zu sein, schrieb die „Bild“, auf die sich viele andere Medien in ihrer Berichterstattung beriefen. Das Mädchen sei „brutal missbraucht und geschlagen“ worden. Es befinde sich in einem „äußerst kritischen psychischen Zustand“, so „Bild“. Die „TZ“ aus München schrieb von einer „grausamen Tat“.
Die Tatsache, dass die drei Männer keine Deutschen sind, gab die Polizei bekannt und fehlte in keiner Berichterstattung. Das einstige CDU-Bundestagsmitglied Wolfgang Bosbach redete in „Bild“ „Klartext“, wie die Zeitung es auf ihrer Internetseite formulierte: „Nicht jeder, der zu uns kommt, sieht unser Land als Zufluchtsort. Nicht wenige sehen ihn auch als Tatort.“
Der Vorfall sei von den Medien „regelrecht ausgeschlachtet“ worden – und zwar von vorneherein mit dem Ziel, von einem deutschen Mädchen zu berichten, das von ausländischen Männern vergewaltigt worden sei, sagte Strafverteidiger Folkert Adler aus Leer, der einen der drei Tatverdächtigen vertritt. Die drei jungen Männer waren zunächst fest-, aber nicht in Untersuchungshaft genommen worden, weil der zuständige Richter keine Fluchtgefahr sah. Dagegen gab es einen medialen Shitstorm. Die Staatsanwaltschaft Aurich beugte sich dem Druck und legte Beschwerde ein. Die Männer kamen doch in Untersuchungshaft und blieben dort beinahe zwei Monate, bis – so die Informationen der Redaktion – im September der Tenor des Glaubwürdigkeitsgutachtens bekannt wurde und Zweifel an der Schilderung des vermeintlichen Opfers nährte.
Das Gutachten, das seit Oktober vollständig vorliegt, sei so eindeutig, dass das Verfahren schon vor Weihnachten im vergangenen Jahr hätte eingestellt werden müssen, sagte Adler. „Die drei jungen Männer waren seit mehr als einem halben Jahr mit einem ungeheuerlichen Vorwurf konfrontiert. Das war eine ganz fürchterliche Zeit für die Verdächtigen, die sicher ihre Spuren hinterlassen wird.“