Ukraine-Krieg

Im „Café Welcome“ wollen die Besucher bald nach Hause

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 24.03.2022 08:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Im „Café Welcome“ tauschen sich die geflüchteten Frauen aus. Foto: Nording
Im „Café Welcome“ tauschen sich die geflüchteten Frauen aus. Foto: Nording
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Im neuen „Café Welcome“ der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Loga treffen sich Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind. Diese Zeitung hat mit einigen von ihnen über ihre Geschichte gesprochen.

Leer - Es ist ein sonniger Dienstagnachmittag im Gemeindehaus der Petruskirche in Leer-Loga. Im Sandkasten spielen ein paar Kinder und ein paar Frauen sitzen zusammen an einem Tisch, trinken Kaffee und essen Kuchen. Sie sprechen manchmal aufgeregt, manchmal vergnügt. Ihre Sprachen: ukrainisch, englisch und deutsch.

Was und warum

Darum geht es: Geflüchtete aus der Ukraine können im „Café Welcome“ Unterstützung und Austausch finden.

Vor allem interessant für: Menschen, die sich für Hilfsangebote für Geflüchtete aus der Ukraine und deren Geschichten interessieren.

Deshalb berichten wir: Das Angebot in Leer ist neu.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Die Frauen, ihre Kinder und ein paar wenige Männer treffen sich dienstags zwischen 15.30 Uhr und 17 Uhr im „Café Welcome“ der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Loga. Dort kommen deutsche Helfer und ukrainische Geflüchtete zusammen. Wir haben mit Besuchern und Helfern gesprochen.

Die Besucherin

Aksana ist 42 Jahre alt. Sie stammt aus Mykolajiw, einer Stadt im Süden der Ukraine. Als sie der Frauengruppe, mit der sie am Tisch sitzt, erzählt, woher sie stammt, seufzen die anderen besorgt. Sie wissen, dass die Stadt derzeit massiv umkämpft ist. Aksana erzählt, wie besorgt sie ist. Ihr Mann arbeitet bei der Leeraner Reederei Briese, er ist auf See, daher ist er nicht im Krieg. Ihren Verwandten geht es anders. „Sie verstecken sich in den Häusern, in Kellern“, sagt sie. Das sei besorgniserregend. Aber sie ist auch stolz auf ihre Stadt. „Mykolajiw gibt nicht auf“, ist sie sicher.

Die 42-jährige Aksana hofft, bald wieder zurück nach Mykolajiw zu kommen. Foto: Nording
Die 42-jährige Aksana hofft, bald wieder zurück nach Mykolajiw zu kommen. Foto: Nording

Sie habe mit Heimweh zu kämpfen, so schnell wie es geht, wollen sie und die anderen Frauen am Tisch zurück in ihre Heimat. Doch was kommt da auf sie zu? „Wir müssen arbeiten und die Städte wieder aufbauen“, sagt Aksana. Ihre Jobbezeichnung ist in Deutschland schwer zu vergleichen. Die 42-jährige hat eine höhere Ausbildung als eine Krankenschwester, ist aber noch keine Ärztin. Sie hofft, dass sie es mit Hilfe deutscher Ärzte schafft, irgendwie in Deutschland zu arbeiten und Geld zu verdienen.

Die Helferin

Cornelia Kamann lebt seit gut zwei Wochen mit zwei geflüchteten Frauen und dem Sohn der einen Frau zusammen. „Wir haben jetzt eine WG“, sagt sie fröhlich. „Ich bekam mit, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer in Leer sich auf dem Lidl-Parkplatz trafen, um sich auszutauschen. Da dachte ich mir: Das geht doch so auch nicht“, erzählt Kamann. Sie erzählt in der Kirchengemeinde davon und schon ist die Idee eines Treffpunkt-Cafés in Loga geboren. „Es wird gut angenommen“, sagt Kamann. Vor allem kommen in das Café die Ukrainer, die von den Leeraner Reedereien Briese und Hartmann nach Ostfriesland geholt worden sind.

Cornelia Kamann hatte die Idee zum "Café Welcome". Foto: Nording
Cornelia Kamann hatte die Idee zum "Café Welcome". Foto: Nording

„Ich finde es so schön, dass die Kinder hier spielen und sich austauschen können“, sagt Kamann. Das sei sehr wichtig. „Wer weiß schon, was sie alles erlebt haben. Zuhause sprechen wir nicht viel über den Krieg“, sagt die Leeranerin. Im Café sorgt Kamann nun dafür, dass genug Kaffee und Kuchen für alle da ist, räumt ab oder hilft bei der Kleiderbörse. „Wir freuen uns, über jede Hilfe, auch finanziell“, sagt Pastorin Ina Jäckel, die das Café mitaufgebaut hat. Interessierte könnten sich bei der Pastorin melden.

Die Dolmetscherin

Seit 15 Jahren lebt Tatjana Bilous in Leer. Sie kommt aus Odessa, einer Stadt in der Ukraine. „Wir sind hier wegen des Jobs meines Mannes“, sagt sie. „Wir sind Ukrainer“, sagt sie stolz. Derzeit hilft sie im Café bei der Verständigung. Viel Wirbel um ihre Person will sie nicht. „Die Hilfe passiert derzeit überall. Ich mache nichts besonderes“, sagt sie. Sie übersetzt die Gespräche zwischen den deutschen Helfern und den Geflüchteten.

Denis (links), Dania (rechts) und ihre Schwester Angelina haben ein wenig Heimweh, fühlen sich in Leer aber wohl. Foto: Nording
Denis (links), Dania (rechts) und ihre Schwester Angelina haben ein wenig Heimweh, fühlen sich in Leer aber wohl. Foto: Nording

Auch dieser Zeitung hilft sie bei den Interviews. Sie ist besorgt über den Krieg in ihrem Heimatland. Den Moment, als sie von dem Angriff auf ihr Heimatland durch die russische Arme hört, beschreibt sie so: „In diesem Moment hat man keine Gefühle. Es bohrt sich ein Loch in das Gehirn, in den Körper, in die Seele. Wir sind nicht sprachlos. Wir sind besorgt um die Menschen, die für unser Land und unsere Unabhängigkeit kämpfen“, sagt sie. Sie fürchtet, dass es noch schlimmer werden wird. Und sie fordert die Deutschen auf, kritischer gegenüber Russland zu sein. Sie fordert eine Abkehr von der russischen Gasversorgung.

Die Kinder

Denis staunt, als er erfährt, dass er der Zeitung ein Interview geben soll. Der Elfjährige ist erst schüchtern, erzählt, mal auf Englisch, mal auf Ukrainisch, dass es ihm gut geht und er sich wohl fühlt. Als die Dolmetscherin ihn fragt, was er vermisst, beginnt er zu strahlen: „Meine Hobbys“, sagt er. Der Junge kommt aus Odessa und ist mit seinen zwei Geschwistern und seinen Eltern nach Deutschland gekommen.

Seit zwei Wochen lebt er in Leer. In der Ukraine habe er in einer Zirkusschule Akrobatik gelernt. Das vermisse er jetzt. Seine Haustiere fehlen ihm auch. „Wir haben einen Hund, zwei Katzen und Hühner“, sagt er.

Seine Mutter verrät, dass er die Hühner am meisten vermisst. Um die Tiere kümmere sich die daheim gebliebene Oma. Seine kleine Schwester Angelina habe Heimweh und wolle zurück in ihr Bett. Der Vierjährigen reiche die merkwürdige Reise jetzt langsam, sie wolle nach Hause, erzählt der Vater der drei Kinder.

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