Berlin
Markus Jerger: 1000 tägliche LNG-Tanker nötig, um Russlands Gas zu ersetzen
Wollte Deutschland das Erdgas aus Russland ersetzen, müssten 1000 Tanker täglich Flüssiggas in deutschen Häfen entladen. Darauf weist Markus Jerger, Geschäftsführer des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft, hin.
Welche Auswirkungen des Ukraine-Kriegs sind – jenseits des Leids vor Ort – am gravierendsten für den Mittelstand?
Unsere größte Sorge ist die Explosion der Rohstoffpreise. Es geht ja nicht nur um das Gas aus Russland, das Öl und die Kohle. Auch die Versorgungssicherheit mit Agrarprodukten ist nicht mehr gegeben. Es gibt noch keine Alternativen. Nordstream1 kann man nicht einfach einstellen und Russland auf seinem Erdgas sitzen lassen, denn zu unserer funktionierenden Wirtschaft sind diese Ressourcen leider noch erforderlich. 55 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr werden durch Nordstream1 geliefert.
Was würde passieren, wenn man das über Flüssiggastanker in Häfen transportieren müsste?
Die knapp 500 LNG-Tanker, die es jetzt auf dem Weltmarkt gibt, können zwischen 150.000 und 250.000 Kubikmeter transportieren. Dann hätten wir 375.000 Fahrten über den Atlantik und in den deutschen Häfen 1000 tägliche LNG-Entladungen.
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Das hört sich so an, als wäre das für Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Stade nicht machbar.
Richtig. Die deutsche Wirtschaft ist in einer misslichen Situation. Wir müssen uns grundsätzlich aus der Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern lösen und von der Machtwirtschaft wieder zur Marktwirtschaft kommen.
Wie schnell ginge das?
Sicher nicht unter vier oder fünf Jahren, auch nicht mit LNG-Terminals und den entsprechenden Versorgungslinien. Kern-, Kohle- und vielleicht sogar Gaskraftwerke abzustellen, würde die Wirtschaft so gravierend treffen, dass wir auf Jahrzehnte Marktanteile verlieren.
Denken die Unternehmen jetzt verstärkt an eigene erneuerbare Energiequellen?
Mit einem Solardach können sie vielleicht den Bürostrom zum Teil kompensieren, aber nicht Autos bauen oder Aluminium schmelzen. Als klimaneutrales Versorgungsland hat Schleswig-Holstein schon einen wichtigen Beitrag geleistet. Nirgendwo sonst ist der Ausbau der Windenergie so weit vorangeschritten. Von diesem Knowhow sollten auch andere Regionen profitieren. Eine Solarpflicht auf den Dächern geht mir allerdings zu weit und löst auch nicht das Problem der gesicherten Stromversorgung.
Was braucht also der Mittelstand im Jahr 2022 angesichts teurer Rohstoffe?
Es sind nicht die Rohstoffpreise allein. Dazu kommen Energiekosten, die die Gewinnmargen auffressen, unabhängig von Mindestlöhnen, die gestiegen sind, und Steuern, die nicht gesunken sind. 3,5 Millionen mittelständische Unternehmen müssen entlastet werden. Nur so können wir wirtschaftliche Belastungen und Schäden, ob durch Corona, Krieg oder steigende Rohstoff- und Logistikkosten, wieder ausgleichen.
Haben Sie den Eindruck, dass Finanzminister Lindner und Wirtschaftsminister Habeck das auch so sehen?
Herr Lindner will die Wirtschaft in Schwung bringen, weil das mehr Steuern produziert und den Haushalt egalisiert, hat aber die Schuldenbremse im Nacken. Herr Habeck muss Wirtschaftswachstum ausbalancieren wie ein Jongleur zwischen Klimawende und Wirtschaftsaufschwung. Beide sehen das Problem und die Herausforderungen, müssen aber jetzt dringend noch die Lösungen auf den Weg bringen.
Was wäre Ihr Vorschlag?
Auf jeden Fall schnell entlasten über die Mehrwertsteuer oder ein Rabattsystem, das die Energiekosten sofort senkt. Wir hatten 2008 einen höheren Ölpreis als heute, aber einen Benzinpreis von 1,58 Euro statt heute 2,32. Das liegt vor allem an der Energiesteuer und der Mehrwertsteuer. Die Wirtschaft kann im Gegensatz zum Privathaushalt nicht einfach ein Grad weniger heizen. Unternehmen können die Produktion nicht einfach um zehn Prozent kürzen und dennoch rentabel bleiben, weil die Löhne und Mieten bezahlt und Aufträge erfüllt werden müssen.
Wie wichtig sind für Sie die Geschäfte mit der Kriegsregion in Osteuropa: Ukraine, Russland, Belarus?
Bis auf wenige Unternehmen, die dort ein großes Werk haben, betrifft es uns weniger. Den Mittelstand als Exporteur trifft es nicht so stark wie den Importeur von Rohstoffen. Wir beziehen sehr viele Bodenschätze aus der Region, nicht nur fossile Energieträger. Es geht auch um Lithium, Mangan und Magnesium. Wenn diese Lieferketten wegfallen, ist das gefährlich.
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Sind wir mit Lieferkettenschwierigkeiten schon wieder so weit wie auf dem Höhepunkt des Lockdown?
Die Probleme mit den Lieferketten sind längst wieder da. Auch die Logistikketten sind teurer geworden.
Die Bundesregierung ist 100 Tage im Amt. Schleswig-Holstein hat erstmals seit vielen Jahren wieder einen wichtigen Minister mit Robert Habeck. Ist Wirtschaft und Klima eine gute Verbindung?
Ja, wir wollen nicht Teil einer Wirtschaft sein, die die Welt durch den falschen Umgang mit Rohstoffen verschmutzt. Wir wollen bei den fossilen Energien in der Zukunft auch nicht mehr am Tropf machtpolitisch knallhart agierender Nationen ob aus Osteuropa, Asien oder dem Nahen Osten hängen. Wir müssen durch Innovation wieder die Nation der Denker, Erfinder und Tüftler sein.
Wie beurteilen Sie den Start des Wirtschaftsministers? Was hat Sie geärgert, was hat Ihnen gefallen?
Ungeschickt war die Aussetzung der KfW-Förderung und dass das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand nicht rechtzeitig aufgestockt wurde. Die Regierung bekommt als Schulnote eine 2 minus. Sie hat die Situation erkannt und möchte den Mittelstand entlasten. Aber viele dieser Ideen sind noch nicht umgesetzt.
Was müsste denn schnell umgesetzt werden, Herr Jerger?
Hohe Steuerlasten, hohe Energiekosten, hohe Arbeits- und Grundstückskosten sowie sehr lange Genehmigungsverfahren - da muss dringend Entlastung geschaffen werden. Herr Habeck hat uns um unsere konkreten Vorschläge aus dem Mittelstand gebeten. Die wird er bekommen.