Deichschutz

Wolfsrisse: Deichacht will über Abschuss beraten

Michael Kierstein
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Von Michael Kierstein
| 18.03.2022 12:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Onno (4,links) und Tjade (6) kümemrn sich um die neuen Deichlämmer. Foto: Ortgies
Onno (4,links) und Tjade (6) kümemrn sich um die neuen Deichlämmer. Foto: Ortgies
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Die Schäfer und die Deichacht sind besorgt: Wolfsrisse wie in der vergangenen Woche können den Deichschutz beeinträchtigen. Sie beraten über eine drastische Lösung.

Leer / Petkum - „Wir werden am Dienstag beraten, ob wir eine Abschussgenehmigung für den Wolf beantragen“, sagt Heiko Albers, Oberdeichrichter der Moormerländer Deichacht. In der vergangenen Woche hatte ein Wolf auf dem Deich mehrere Schafe gerissen. In Moormerland, Westoverledingen und Leer wurden Schafe getötet. „In Leer haben wir auch noch ein weiteres Tier im Schilf gefunden. Da kamen drei Schafe ums Leben“, so Albers.

Was und warum

Darum geht es: Nach den Wolfsrissen will die Deichacht über den Abschuss des Tiers beraten.

Vor allem interessant für: Alle, die sich für den Deichschutz interessieren

Deshalb berichten wir: Nach den Rissen am Deich haben wir mit Schäfern gesprochen.

Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de

Für die Schäfer stellt die Anwesenheit des Wolfes ein großes Problem dar. „Wir hatten im vergangenen Jahr eine Woche mit zwölf Rissen in der Herde. Die Tiere sind noch immer verstört“, sagt Dennis Bonsemeyer. Eine Entschädigung für die Risse habe es zudem nicht gegeben, da unsicher sei, ob es sich um einen Wolf oder einen Hund gehandelt habe. Er ist einer der Deichschäfer und hat zusammen mit Anne Bonsemeyer 550 Muttertiere und 500 Lämmer in Petkum. „Wir mussten die Tiere mit einem Netz einfangen. Normalerweise reicht es, zu pfeifen“, sagt der Schäfer.

Wolfssichere Zäune

Zwei Mal am Tag schauen die Schäfer nach ihren Tieren. „Das Schaf ist für den Wolf eine einfache Beute. Es reicht ein Riss in der Herde, um die Herde zu verschrecken“, sagt Albers. Um die Schäfer in ihrer Arbeit zu unterstützen prüft das Land momentan verschiedene Methoden. „Der Schutz der Nutztiere auf Deichen bedarf besonderer Aufmerksamkeit, da die Umstände hier beispielsweise eine reguläre Zäunung oft nicht zulassen. Das Land Niedersachsen hat ein auf fünf Jahre angelegtes Projekt ins Leben gerufen, um die Möglichkeiten und besonderen Herausforderungen des Herdenschutzes auf Deichen valide auszuwerten“, sagt Jorid Marlene Meya, Sprecherin des Niedersächsischen Umweltministeriums.

Die Deichschafe sind für den Schutz des Deichs unerlässlich. Foto: Kierstein
Die Deichschafe sind für den Schutz des Deichs unerlässlich. Foto: Kierstein

Das Problem sehen auch die Deichschäfer. Bei Sturmfluten würden die Zäune weggespült. „Teilweise werden sie auch von Teek überlagert. Wolfssichere Zäune bringen gar nichts“, sagt Dennis Bonsemeyer. Die Deichacht sieht durch die Anwesenheit des Wolfs am Emsdeich die Deichsicherheit beeinträchtigt. „Gefährdet ist sie nicht. Aber ich mache mir Sorgen“, betont Albers. Das Ministerium sieht den Deichschutz nicht gefährdet.

Die Schäfer Anne und Dennis Bonsemeyer, sowie Oberdeichrichter Heiko Albers (mitte) sind wegen der Anwesenheit des Wolfs beunruhigt. Foto: Kierstein
Die Schäfer Anne und Dennis Bonsemeyer, sowie Oberdeichrichter Heiko Albers (mitte) sind wegen der Anwesenheit des Wolfs beunruhigt. Foto: Kierstein

Keine Gefahr für Deichschutz?

„Wir sehen momentan keinen Grund, dass der Hochwasserschutz unter der Anwesenheit von Wölfen leidet. Mit zunehmenden Übergriffen durch Wölfe wird die Haltung der Schafe auf Deichen, die die Befestigung der Deichbauwerke gewährleisten, jedoch vor weitere Herausforderungen gestellt“, so die Ministeriumssprecherin. Man habe deshalb eine Prämie für die Deichschäfer aufgelegt, um diesen Beruf wirtschaftlich zu halten. Für die Deichacht reicht das nicht aus. „Es gibt nur eine Möglichkeit. Die Entnahme des Wolfs. Wir brauchen eine Obergrenze und der Wolf muss in das Jagdrecht aufgenommen werden“, betont der Oberdeichrichter. Naturschützer warnen jedoch immer wieder davor, wegen einzelner, auffälliger Tiere, die gesamte Art in ein schlechtes Licht zu rücken. Seit 2017 gebe es das Programm „Herdenschutz Niedersachsen“. Hier werden Schäfer und Landwirte dahingehend beraten, ihre Herden effektiv zu schützen. Dabei gehe es um eine Koexistenz von Weidetier und Wolf. Momentan greift zudem die Niedersächsische Wolfsverordnung.

Momentan ist Lammzeit bei den Deichschafen. Foto: Kierstein
Momentan ist Lammzeit bei den Deichschafen. Foto: Kierstein

„Diese regelt den Rahmen für eine Entnahme von Wölfen und dort, wo es nötig ist, werden wir das konsequent zum Schutz vor Übergriffen umsetzen. Außerdem werden die Möglichkeiten zum Herdenschutz auf Deichen intensiv begleitet und ausgebaut“, sagt die Ministeriumssprecherin. Die beiden Petkumer Schäfer wünschen sich mehr Hilfe. Die Schafe seien für den Deichschutz unerlässlich. Durch die Tritte verdichten sie gleichzeitig den Deich und sorgen für eine dichte Grasnarbe. Das könne keine Maschine leisten.

Politik reagiert

Auch die Politik hat auf die Risse in der vergangenen Woche reagiert. Der CDU-Bezirksverband Ostfriesland fordert eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes, um dem Küsten- und Hochwasserschutz höhere Priorität einzuräumen, als dem Artenschutz für den Wolf. „Ohne die Weidetierhaltung auf den Deichen verlören unsere Deiche an Festigkeit. Die Herden müssen daher vor Wolfsrissen geschützt werden. Und auch Herden der Weidetierhalter im Binnenland verdienen diesen Schutz. Daher fordern wir, dass die sturmflut- und hochwassergefährdeten Küstenregionen zu Wolfs-freien Zonen erklärt und Wölfe hier grundsätzlich entnommen werden dürfen“, so CDU-Bezirksvorsitzender Ulf Thiele.

„Wir brauchen endlich die Festlegung einer Bestandsuntergrenze und eine Überarbeitung des Monitorings“, fordert Ulf Thiele. Die Bundesregierung müsse den guten Erhaltungszustand feststellen und bei der Europäischen Kommission einen daraus folgenden niedrigeren Schutzstatus durchsetzen. „Die Wolfspopulation ist groß genug und die Schäden nehmen zu. Es ist Zeit, um zu handeln“, so Ulf Thiele. Auch die FDP fordert ein neues Bestandsmanagement.

„Die Landesregierung muss dringend eine Wolfsverordnung vorlegen, die uns hier an der Küste tatsächlich hilft,“ fordert der Leeraner Partei- und Fraktionsvorsitzende, Jens Völker. Seine Partei fordere seit langem ein regionales Bestandsmanagement, Niedersachsen sei ein Hotspot der Wolfsausbreitung. Anne Bonsemeyer betont: „Unsere Schafe müssen bald raus. Ich hab da ein mulmiges Gefühl.“

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