Osnabrück

Kriminalität im Nordwesten Niedersachsens so niedrig wie zuletzt 1989

Marion Trimborn
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Von Marion Trimborn
| 17.03.2022 20:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Kriminalität im Nordwesten Niedersachsens ist so niedrig wie zuletzt 1989, sagt der Osnabrücker Polizeipräsident Michael Maßmann. Auch Wohnungseinbrüche sind deutlich weniger geworden. Foto: dpa
Die Kriminalität im Nordwesten Niedersachsens ist so niedrig wie zuletzt 1989, sagt der Osnabrücker Polizeipräsident Michael Maßmann. Auch Wohnungseinbrüche sind deutlich weniger geworden. Foto: dpa
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Die Straßen im Bereich der Polizeidirektion Osnabrück im Nordwesten Niedersachsens sind laut Kriminalitätsstatistik so sicher wie seit den 1980er Jahren nicht mehr. Polizeipräsident Michael Maßmann erläutert im Interview die Trends und erklärt, wie die Polizei darauf reagiert.

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der registrierten Straftaten im Gebiet der Polizeidirektion Osnabrück - mit rund 1,5 Millionen Einwohnern - auf den niedrigsten Wert seit 33 Jahren gesunken. Grund dafür sind die Corona-Pandemie, aber auch Ermittlungs-Erfolge der Polizei. Während es deutlich weniger Einbrüche und Gewalttaten gab, nahmen Cyberattacken und das Verbreiten pornographischer Bilder zu. Die Täter verlagern ihre Aktivitäten immer mehr in den digitalen Bereich.

Frage: Herr Maßmann, im vergangenen Jahr gab es weniger Straftaten und mehr aufgeklärte Fälle, wie die neue Kriminalitätsstatistik für 2021 zeigt. Die Polizei registrierte 75.369 Straftaten – fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Was sind die Gründe dafür?

Antwort: Nun, zunächst einmal ist das ein sehr positives Ergebnis für die Sicherheit der Menschen in der Region. Wir haben so wenige Straftaten wie seit 33 Jahren nicht mehr gezählt. Das hat vor allem zwei Gründe: In manchen Bereichen hat Corona uns und dem Bürger in die Karten gespielt. Es sind einfach weniger Menschen unterwegs und somit gibt es weniger Gelegenheit etwa für den Taschendiebstahl oder Wohnungseinbruch. Zum anderen Teil ernten wir, was wir schon vor längerer Zeit klug angestoßen haben.

Frage: Die Polizei hat bessere Ermittlungserfolge?

Antwort: Ja, wir können inzwischen zwei von drei Taten aufklären. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Kriminaltechnik – etwa bei der Spurenauswertung am Tatort – ist besser geworden. Die DNA-Analyse spielt eine immer größere Rolle. Dadurch können wir bessere Ergebnisse an die Staatsanwaltschaft und die Gerichte geben, so dass Täter angeklagt und verurteilt werden.

Frage: Welche Trends sehen Sie noch?

Antwort: Wir beobachten eine deutliche Verlagerung der Kriminalität von der analogen in die digitale Welt. Corona war da ein Katalysator und hat diese Entwicklung beschleunigt, was ja auch logisch ist. Kriminalität per Computer ist viel einfacher als Kriminalität draußen zu begehen.

Frage: Wird sich das mit dem Ende der Pandemie wieder zurückdrehen?

Antwort: Nein, das glaube ich nicht. Die Bevölkerung ist insgesamt stärker in der digitalen Welt unterwegs und da gibt es natürlich ganz andere Möglichkeiten, Straftaten zu begehen. Der klassische Fingerabdruck am Glas ist dann ein digitaler Fingerabdruck, den wir verfolgen können, wenn wir lange genug die Daten hätten. Dafür brauchen wir die Vorratsdatenspeicherung, also die Speicherung von Telekommunikationsdaten von Verdächtigen auf längere Zeit.

Frage: Was erwarten Sie an neuen Verbrechensformen jetzt in der Ukraine-Krise?

Antwort: Kriminelle reagieren immer auf aktuelle Entwicklungen, um daran Geld zu verdienen, das wird auch jetzt der Fall sein. Wenn Sie aufgefordert werden, auf ein Ihnen unbekanntes Konto Hilfsgelder zu überweisen, sollten Sie vorsichtig sein. 

Frage: Die Straßen sind so sicher wie seit 1989 nicht mehr – also seit der Zeit vor der Wiedervereinigung. Trotzdem ist das subjektive Sicherheitsgefühl vieler Bürger anders, oder?

Antwort: Ja, das stimmt. Ein Grund dafür ist, dass die Straftaten gegen Senioren, die das Sicherheitsgefühl immens beeinträchtigen, weiter zunehmen. Hinzu kommt, dass die Medien viel über Kriminalität berichten, weil es oft spannende Fälle sind. Dabei tauchen Straftaten mehrfach auf: Es wird berichtet bei der Tat selbst, bei der Festnahme, bei der Fahndung und dann bei der Anklage und dem Urteil. Dadurch glauben viele Bürger, dass es nicht um einen, sondern um mehrere Fälle geht. Das alles erhöht den Eindruck von Kriminalität.

Frage: Die Wohnungseinbrüche sind im vergangenen Jahr um knapp ein Drittel auf ein neues 30-Jahres-Tief gesunken. Liegt das an der Corona-Pandemie?

Antwort: Nicht nur. Natürlich sind die Leute mehr zu Hause, sehen Verdächtige und geben schneller Hinweise. Aber der Rückgang zeigt sich seit den vergangenen fünf Jahren, hat also schon vor der Pandemie eingesetzt, und das ist spektakulär. Einerseits hat die Polizei bei den Ermittlungen eine Menge gemacht. Aber genauso wichtig waren die Bürger. Die sind aufmerksamer geworden, geben uns gute Hinweise, denn jeder, der mal einen Einbrecher im eigenen Schlafzimmer hatte, weiß, wie das ist. Dann funktioniert Kriminalitätsbekämpfung richtig gut. Zudem haben viele Leute auch ihr Haus technisch sicherer gemacht, mit besseren Alarmanlagen, einbruchssicheren Türen und Fenstern. Es gibt inzwischen auch Förderprogramme bei Neubauten dafür. Das hilft natürlich.

Frage: Es gibt aber auch Schattenseiten. Zum Beispiel hat das Verbreiten von Porno-Bildern 2021 um die Hälfte zugenommen. Gibt es immer mehr Pädophile?

Antwort: Nein. Es ist vielmehr so, dass die Polizei mehr unternimmt. Jeder Fall, den wir aufklären – und das sind in diesem Bereich 90 Prozent – führt uns zu weiteren Fällen. Viele „Täter“ sind sich zudem gar nicht bewusst, dass sie eine Straftat begehen, denn der Anteil der tatverdächtigen Kinder und Jugendlichen hat um ein Viertel zugenommen. Da sind Eltern und Schulen gefragt.

Frage: Die spektakulären Fälle von Geldautomaten-Sprengungen sind in unserer Region kein Problem?

Antwort: Doch. Wir hatten in der Direktion 2021 zehn Taten – drei weniger als im Jahr zuvor. Das Thema ist bei uns ein Schwerpunkt, weil die Grenzregion stark betroffen ist. Und wir arbeiten mit einer Ermittlungsgruppe, sind erfolgreich – das zeigt eine große länderübergreifende Polizei-Aktion im letzten Jahr in Utrecht. Neben einigen Festnahmen konnte sogar ein Testzentrum für Automatensprengungen entdeckt werden. Man kann deutlich sagen, dass die Geldautomatensprengung den Banküberfall abgelöst hat.

Frage: Zugenommen haben auch Enkel-Tricks, mit denen Kriminelle Senioren um ihr Erspartes bringen. Hat Ihre Aufklärungsarbeit nichts bewirkt?

Antwort: Mich erstaunt die Zunahme nicht, weil die Täter immer neue Wege und neue intelligente Lösungen finden, um ältere Leute zu betrügen. Die Maschen ändern sich von Woche zu Woche. Vor zwei Jahren gaben sich Täter häufig als falsche Polizeibeamte aus, das gibt es immer weniger . Derzeit rufen sie an und täuschen vor, der Enkel oder die Enkelin hätte einen Unfall verursacht und müsse Kaution zahlen. Im letzten Jahr hat eine ältere Dame bei so einem Fall rund 300.000 Euro verloren, man hat sie um ihr komplettes Hab und Gut gebracht, das finde ich besonders schäbig. Gerade weil ältere Leute in der Aufmerksamkeit nachlassen, müssen Familie und Freunde aufmerksamer sein.

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