Interview

Rolle als Erich Honecker: „Er hatte durchaus Grund zur Angst“

Uwe Lippick
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Von Uwe Lippick
| 17.03.2022 21:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Edgar Selge hat sich auf den Film „Honecker und der Pastor“ auch mit Youtube-Videos vorbereitet. Foto: Vennenbend/dpa
Edgar Selge hat sich auf den Film „Honecker und der Pastor“ auch mit Youtube-Videos vorbereitet. Foto: Vennenbend/dpa
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Schauspieler Edgar Selge spricht im Interview über seine Rolle als obdachloser Erich Honecker, der nach dem Mauerfall mit seiner Frau bei einem Pastor einziehen muss. Es ist eine wahre Geschichte.

Berlin - Edgar Selge kommt in einer unglaublichen aber wahren Geschichte als Erich Honecker ins Fernsehen. „Honecker und der Pastor“ ist eines der Fernsehereignisse, die nicht nur eine lebendige Geschichte erzählen, sondern eine unglaubliche Situation im Brennpunkt gesellschaftlicher Ereignisse zeigt. Im Interview erzählt Selge, was ihn an der Geschichte so fasziniert hat.

Frage: Sie spielen in „Honecker und der Pastor“ die Figur des Erich Honecker, des ranghöchsten Politikers der ehemaligen DDR. Wie haben Sie sich diesem Menschen genähert?

Edgar Selge: Wir hatten mit Jan Josef Liefers einen Regisseur mit Ost-Erfahrung und ich eine Partnerin – Barbara Schnitzler –, die im engeren Umkreis der Mächtigen in der DDR aufgewachsen ist. Es kam eine Biografie, die ich über Honecker gelesen hatte und ich habe mir auf Youtube auch immer wieder das lange Moskauer Interview angeschaut, das dort 1990 mit ihm geführt wurde. Über einen mit Honecker befreundeten Sänger, den wir besucht haben und der viele Dokumente über ihn gesammelt hat, bekamen wir einen besonderen Zugang zum Menschen Erich Honecker, unter anderen durch private Sprachaufzeichnungen auf einer CD.

Pastor Holmer (Hans-Uwe Bauer, links) und Honecker (Edgar Selge) verlassen das Haus für einen Spaziergang im Film „Honecker und der Pastor“. Foto: Klein/ZDF/dpa
Pastor Holmer (Hans-Uwe Bauer, links) und Honecker (Edgar Selge) verlassen das Haus für einen Spaziergang im Film „Honecker und der Pastor“. Foto: Klein/ZDF/dpa

Frage: Ihr Erscheinungsbild als Erich Honecker ist optisch im Film verblüffend. Wie entwickelt sich eine derartige Verwandlung?

Selge: Durch eine gründliche Maske! Veränderungen der Haare sowie die typische Honecker-Brille. Vor allem seine Haltung, wie sie sich in seinen Bewegungen und beim Sprechen zeigt.

Frage: Wie war er denn in seiner Haltung aufgestellt?

Selge: Er wirkte immer auffällig kontrolliert, schien geradezu ängstlich, das ihm ein Fehler unterlaufen könnte. Er liebte komplizierte, lange Sätze, die er mithilfe ungewöhnlicher Pausen immer glücklich zu Ende brachte (lacht).

Frage: In dem Film ist zu sehen, dass Honecker 1990 nach dem Mauerfall schwer krank gewesen ist, als er zusammen mit seiner Frau beim Pastoren Uwe Holmer als Obdachloser Zuflucht findet.

Selge: Er hatte eine schwere Nierenoperation hinter sich und hätte sich schonen müssen. Er war einfach noch sehr schwach. Außerdem hatte er einen tiefen gesellschaftlichen Absturz hinter sich, wie ihn nur wenige Menschen erleben. Aus einem der Mächtigen dieser Welt war über Nacht ein Obdachloser geworden – jemand, der nicht weiß, wo er schlafen kann.

Frage: Was schätzen Sie: War Erich Honecker in jener Zeit verängstigt?

Selge: Er hatte durchaus Grund zur Angst, und das ist im Film auch zu sehen. Honecker sah sich mit Menschen konfrontiert, die ihn am liebsten gelyncht hätten. Und seine ehemaligen Genossen und politischen Partner distanzierten sich und wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er und seine Frau sind zu dieser Zeit vielleicht die meist gehassten Menschen. In dieser Situation sind der Pfarrer Holmer und seine Frau eine Ausnahmeerscheinung. Obwohl sie selbst unter dem DDR-Regime gelitten haben – ihre Kinder durften nicht studieren –, fühlen sie sich aus ihrer christlichen Lebenshaltung heraus dazu verpflichtet, den Honeckers zu helfen.

Frage: Was macht das eigentlich mit der Pastoren-Familie und dem früheren Diktatoren-Ehepaar, dass diese so unterschiedlichen Menschen plötzlich auf engem Raum ein Haus miteinander teilen müssen?

Selge: Das ist eine Annäherung auf allen Seiten. Die Frau des Pfarrers erkennt, dass die ehemalige Volksbildungsministerin Margot Honecker als junges Mädchen für ihre Familie den Haushalt führen musste und es deshalb normal findet, wenn sie jetzt im Pfarrhaus mithilft, also abwäscht oder die Treppe wischt. Andererseits steckt jedes Paar in seinem Weltbild fest. Ihre eigene Hilfsbereitschaft empfinden die Pfarrersleute wie eine Pflichtübung, die ihnen nicht leicht fällt, sondern die sie sich abverlangen und hart erkämpfen müssen. Das Ehepaar Honecker durchschaut diese angestrengte Barmherzigkeit, bleibt aber höflich und zeigt Respekt.

Frage: Barbara Schnitzler sagt als Margot Honecker in einer prägnanten Filmszene: „Unbarmherzig barmherzig: So kann man Leute auch demütigen.“ Ist diese Unnahbarkeit ihre Form von Haltung?

Selge: Das Besondere an den beiden Honeckers ist, dass sie keine Wendehälse waren. Beide sind aufgewachsen als Kommunisten, und das prägte ihr Leben. Erich Honecker saß für seine Überzeugung sogar elf Jahre unter den Nationalsozialisten im Gefängnis. Und diesen Glauben an den Kommunismus können die beiden 1989 nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der DDR nicht einfach abstreifen, sondern sie halten daran fest. Sie hoffen, dass die Menschen den Betrug des Kapitalismus‘ schon eines Tages erkennen und reumütig zum Sozialismus zurückkehren werden.

Frage: „Honecker und der Pastor“ zeigt nicht nur diese besondere Situation des menschlichen in einem Pastorenhaushalt, sondern spielt auch in einer außergewöhnlichen geschichtlichen Zeit: Die Mauer war gefallen, aber beide deutschen Staaten existierten noch nebeneinander. Und in diesem Vakuum des besonderen treffen ein Pastor, der gelitten hat, und ein Mächtiger, sein Peiniger von einst, auf wenigen Quadratmetern zusammen. Wie beschreiben Sie diese Phase ?

Selge: Solche Übergänge in geschichtlichen Abläufen sind immer besonders spannend: In den Köpfen der DDR-Bürger existierten 1990 noch Reste der alten Ordnung, und die neue Bundesrepublik hatte ihre endgültige Rechtsform noch nicht gefunden. Die verschiedenen Ideologien und Staatsformen geisterten nebeneinander her und verunsicherten ihre Bürger. Ich kann mich gut erinnern, dass wir um diese Zeit mit dem Bus im Rahmen des Theatertreffens nach Ost-Berlin ins Deutsche Theater fuhren und die noch bestehende innerdeutsche Grenze überqueren mussten. Wer Jahrzehnte zuvor erlebt hatte, wie rüde DDR-Grenzsoldaten die Bundesbürger kontrollierten, erkannte die Welt nicht mehr: Ein ostdeutscher Grenzbeamter kam in den Bus und rief gut gelaunt von der Fahrertür aus: „Sie werden sich wundern, dass ich hier auftauche. Aber haben Sie alle Ihre Pässe dabei?“ Wir hielten dann – wie in Feierlaune – irgendetwas hoch und brachen in ein gemeinsames Gelächter aus.

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