Hamburg/Lingen
Atomtransporte von Lingen nach Russland: Genehmigung auf Prüfstand
Zwischen Deutschland und Russland findet seit Jahren ein reger Handel mit radioaktiven Gütern statt. Geht das trotz des Ukraine-Krieges so weiter? Genehmigungen werden überprüft.
Bundesbehörden überprüfen derzeit gültige Genehmigungen für den Transport von Uranbehältern nach Russland. Das bestätigte das Bundesumweltministerium unserer Redaktion. Hintergrund sind die EU-Sanktionen nach dem Angriff Putins auf die Ukraine.
Wieder einmal steht dabei die Brennelementefabrik in Lingen, Niedersachsen im Fokus. Die Anlage darf ungeachtet des deutschen Atomausstieges weiter produzieren. Die Fabrik gehört zum französischen Unternehmen Framatome und stellt Brennstäbe her, mit denen Kernkraftwerke in aller Welt betrieben werden.
Im Zuge der Produktion wurde bislang auch mit Unternehmen aus Russland Handel betrieben. Zuletzt, das zeigen entsprechende Listen der zuständigen Bundesbehörden, fand am 18. Januar ein Transport Russland nach Lingen statt. Per Schiff und LKW wurde unbestrahltes Uran angeliefert.
Das Geschäftsmodell der Emsländer sieht in etwa so aus: Kunden wie beispielsweise Kraftwerksbetreiber ordern das Uran beispielsweise in Russland, ein Transportunternehmen organisiert die Lieferung. In Lingen werden die Brennelemente zusammengebaut und zu den Kraftwerken gebracht. Die Uranbehälter gehen zurück nach Russland. Im Innern befindet sich dann immer noch ein kleiner Rest des radioaktiven Stoffes. Es geht dabei stets um schwach-radioaktive Ware.
Im Laufe dieses Prozesses sind in Deutschland viele unterschiedliche Genehmigungen einzuholen. Einmal erteilt, haben diese auch nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Bestand. Das Bundesumweltministerium bestätigt auf Anfrage, dass derzeit „vier gültige Beförderungsgenehmigungen für den Transport von Kernbrennstoffen vorhanden“ seien, die als Ziel- oder Startpunkt Russland haben. Eine Genehmigung kann mehrere Transporte umfassen. Die Lieferung vom 18. Januar nach Lingen war Teil einer solchen Genehmigung.
Laut Umweltministerium ist darüber hinaus der Antrag für einen Transport unbestrahlter Brennstäbe mit dem Ziel Kasachstan eingegangen, der noch geprüft wird. Die Reiseroute führt demnach durch Russland. Ebenfalls noch nicht genehmigt ist ein Antrag für einen Transport von Cobalt-60, das etwa in der Medizin für Bestrahlung eingesetzt werden kann.
Offenbar sind diese Beförderungsgenehmigungen nicht von den Sanktionen berührt, die gegen Russland EU-seitig verhängt worden sind. Anders sieht es bei sogenannten Ausfuhrgenehmigungen aus, heißt es aus dem Ministerium. Davon gibt es derzeit zwei mit Bezug zu Russland, sie gelten noch bis in den Sommer beziehungsweise Herbst hinein.
„Die Ausnutzbarkeit der vorhandenen Genehmigungen sowie die Bescheidung neuer Anträge wird im Lichte dieser Verordnungen derzeit intensiv geprüft“, teilt das Ministerium mit. Konkret geht es dabei wohl um Uran-Behälter in Lingen, die eigentlich zurück nach Russland müssten und in denen sich noch vergleichsweise geringe Restmengen an Uran befinden: insgesamt etwa 91 Kilogramm. Je nach Ausgang der Überprüfung bleiben diese Behälter also einstweilen in Lingen.
Die Fabrik selbst stand schon direkt nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Fokus: Framatome wollte eigentlich ein Joint-Venture zum Brennelemente-Bau im Emsland mit einem russischen Unternehmen eingehen. Der Antrag lag zur Prüfung bereits im Bundeswirtschaftsministerium, wurde nach dem Angriff aber zurückgezogen. Von welcher Seite ist nicht bekannt.
Das Unternehmen in Lingen mit etwa 350 Mitarbeitern darf ungeachtet des deutschen Atomausstiegs weiter produzieren. Der Standort ist davon ebenso ausgenommen wie die Uran-Anreicherungsanlage in Gronau, Nordrhein-Westfalen.