Hamburg

Immer mehr Schulanfänger können keinen Stift halten oder Rückwärtslaufen

Berit Rasche
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Von Berit Rasche
| 17.03.2022 10:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Durch die Corona-Pandemie wurde bei vielen Kindern die vorschulische Bildung eingeschränkt. Symbolfoto Foto: dpa/ Jens Kalaene
Durch die Corona-Pandemie wurde bei vielen Kindern die vorschulische Bildung eingeschränkt. Symbolfoto Foto: dpa/ Jens Kalaene
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Schüler, die jetzt die erste oder zweite Klasse besuchen, haben ihre Schule wochenlang nicht von innen gesehen. Können sie überhaupt aufholen, was sie verpasst haben?

Kinder sind die größten Verlierer der Corona-Pandemie - darin sind sich viele Studien einig. Besonders bei Erstklässlern sind die Folgen des Distanzunterrichtes und der wochenlangen Schulschließungen dramatisch. „Manche Problematiken treten eher bei überbehüteten Kindern auf, andere bei Kindern, die nicht so eine gute Begleitung zu Hause haben“, erklärt die Fachreferentin für pädagogische Praxis des Grundschulverbandes, Eva-Maria Osterhues-Bruns, im Gespräch mit unserer Redaktion. Viele Erstklässler hätten durch zwei Pandemie-geprägte Jahre an angemessener vorschulischer Förderung eingebüßt.

Im vergangenen Jahr hat die „Generation Alpha Studie“ des „Institutes für Generationenforschung“ mit ihren Erkenntnissen für Aufmerksamkeit gesorgt. Hierfür haben 1231 Pädagoginnen und Pädagogen ein Jahr lang ihre Einschätzungen zu den von ihnen betreuten Kindern unter zehn Jahren abgegeben. Das Ergebnis: Kinder, die nach 2010 geboren sind, sind unselbstständiger und weniger leistungsfähig als die Generationen davor.

Eine Ursache hierfür könnte eine elterliche Überbehütung sein, glaubt Osterhues-Bruns. Betroffenen Kindern fehlten „die Möglichkeiten der eigenen Entwicklung und der Selbstständigkeit“. Außerdem könnte die verstärkte Technisierung eine Rolle spielen. „Die ‘Alpha-Studie’ hat ja schon aufgezeigt, dass Kinder in unserer Gesellschaft sehr stark medial und digital unterwegs sind“, sagt Osterhues-Bruns. Hinzu kommen Schwierigkeiten, die sich bei den Erziehungsberechtigten abzeichnen. „Wir beobachten zunehmend, dass nicht alle, aber viele Eltern verunsichert sind in Erziehungsfragen und dem vermeintlich richtigen Umgang mit ihren Kindern“.

Überforderte Eltern verlieren in der Informationsflut schnell den Überblick. „Es gibt jetzt ja ganz viele Informationen, die öffentlich zugänglich sind und da in einer eigenen Unsicherheit herauszufiltern, was wichtig ist und was vielleicht nicht wichtig ist, ist für einige Eltern schwierig“, weiß Osterhues-Bruns. Hierbei könne man jedoch nicht generalisieren, fügt die Pädagogin hinzu. „Das ist mir wichtig - es steht immer nur für einen Teil der Kinder oder der Eltern“.

Die Corona-Pandemie verstärkt diese dramatischen Entwicklungen. Heute sechsjährige Kinder haben ein Drittel ihres Lebens mit der Corona-Pandemie gelebt. In dieser Phase konnten wichtige soziale Fähigkeiten daher häufig nur eingeschränkt erlernt werden, beobachtet die Grundschullehrerin, die auch stellvertretende Schulleiterin ist. „Es lag einfach an den Umständen, dass viele Kinder wenig Kindergartenzeit hatten. Und da ist der Raum, um sich auszuprobieren, sich mit anderen Kindern zu reiben, um zu gucken, wie man Konflikte aushandelt, wie man gemeinsam spielt, wie man sich verhält, wenn Wünsche nicht sofort in Erfüllung gehen“.

Spielerische Lernprozesse könnten im familiären Umfeld durch Geschwister nur teilweise, durch Eltern gar nicht aufgefangen werden. „Ich glaube, dass das Aushandeln untereinander oder auch das Schlüpfen in verschiedene Rollen, das Lernen von- und miteinander, ganz wichtige Erfahrungen sind, die die Kinder durch das Spielen machen“, erklärt Osterhues-Bruns. „Die wurden dann einfach reduziert durch das Schließen der vorschulischen Einrichtungen“. Gut behütete Kinder zeigten heute häufiger einen starken Ich-Bezug und eine unselbstständige Arbeitsweise. „Und dann gibt es auch Kinder, die einfach von den Familien alleingelassen wurden, die dann mit schwierigen Voraussetzungen in die Schule kommen“.  

Die Corona-Pandemie hat ganz konkrete Folgen: „Was wir feststellen, sind sprachliche Schwierigkeiten, unter anderem den Wortschatz und die sprachliche Ausdrucksfähigkeit betreffend“, erklärt die Pädagogin. Das übe sich beispielsweise auf die grammatikalische Ausdrucksweise sowie den richtigen Umgang mit Artikeln und Zeitformen aus. Einige Kinder würden zudem unzureichende Kompetenzen bei der sogenannten „phonologischen Bewusstheit“ aufweisen. Ihnen bereite es beispielsweise Probleme, Reime zu bilden, Wörter in Silben zu gliedern, Anlaute herauszuhören, oder auch Laute auszudrücken. „Es gibt auch manchmal Kinder, die mit Schriftsprache nur selten in Begegnung gekommen sind oder denen das Zuhören bei Geschichten schwerfällt“.

Die Schließungen und Beschränkungen der Kinderbetreuungsstätten, aber auch anderer sozialer Räume wie Spielplätze und Sportvereine hätten zudem dafür gesorgt, dass motorische Fähigkeiten teilweise schwächer ausgebildet wurden. „Es ist auch so, dass bestimmte alltägliche Dinge für einige Kinder schwierig sind, wie das Halten eines Stiftes oder das Schreiben von Buchstaben und Ziffern, aber auch einfache motorische Bewegungen wie das Rückwärtslaufen, der Hampelmann oder Überkreuzbewegungen können einzelne Kindern nicht mehr angemessen bewältigen“.

Diese Probleme sind an sich nicht neu, ihre Intensität allerdings schon. „Es ist tatsächlich so, wie es die Studie zeigt, dass es auch über einen Zeitraum davor schon so war - aber sich jetzt die Schere erweitert, und dass es in den Klassen mehr Kinder insgesamt sind, bei denen einzelne Kompetenzen nicht ausreichend ausgebaut sind“, beobachtet Osterhues-Bruns. Die Pandemie habe wie ein Brennglas gewirkt und Unterschiede beim Entwicklungsstand früherer und heutiger Erstklässler deutlicher gemacht. „Die Kinder verändern sich in ihren Kompetenzen. Corona ist dafür zwar nicht der Verursacher, aber verschärft bestimmte Dinge“.

Handlungsbedarf bestehe an vielen Stellen. Familien, in denen Schwierigkeiten auftreten, müssten beispielsweise stärker unterstützt und betreut werden, sagt Osterhues-Bruns. „Dass Eltern, die unsicher sind, wie sie mit bestimmten Dingen umgehen, eine Orientierung finden“. Die Gesellschaft müsse sich zudem fragen, wie die junge Generation gut begleitet werden könnte. „Was brauchen die Kinder und was können wir als Gesellschaft dafür tun - sind es finanzielle Dinge, sind es gute Räume, Spielangebote, eine bessere Ausstattung der Kitas, Spielplätze?“. Dafür müsste zuletzt auch der Staat mehr Geld für Soziales und Bildung bereitstellen.

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