Krieg in der Ukraine

So bereitet sich Ostfriesland auf die Flüchtlinge vor

| | 16.03.2022 17:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Einige Betten sind in einer Turnhalle im polnischen Medyka für Flüchtlinge aus der Ukraine aufgebaut. Ostfriesland will Sammelunterkünfte vermeiden. Foto: Petros Giannakouris/AP/dpa
Einige Betten sind in einer Turnhalle im polnischen Medyka für Flüchtlinge aus der Ukraine aufgebaut. Ostfriesland will Sammelunterkünfte vermeiden. Foto: Petros Giannakouris/AP/dpa
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Wohnraum, Großunterkünfte und Hilfsangebote – die ostfriesischen Kommunen bereiten sich auf die Flüchtlinge aus der Ukraine vor. Trotz guter Planung und Vorbereitungen gibt es Kritik am Vorgehen des Landes.

Ostfriesland - Die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine haben Ostfriesland erreicht. Die Kommunen fühlen sich angesichts der der Menschen, die in die Region kommen, gut vorbereitet und sind zuversichtlich – Allerdings wünscht sich der Landkreis Leer eine bessere Abstimmung mit dem Land Niedersachsen.

Wie viele Flüchtlinge sind bisher in Ostfriesland angekommen?

Bis Dienstagnachmittag seien im Kreis Leer von der Ausländerbehörde ungefähr 260 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine erfasst worden, teilt Philipp Koenen, Pressesprecher des Landkreises, mit. Das Land Niedersachsen habe dem Kreis mitgeteilt, dass am Dienstag und Mittwoch jeweils zehn Personen eintreffen würden. „Es kann allerdings vorkommen, dass die tatsächliche von der angekündigten Zahl abweicht. So waren uns für Montag zwölf Geflüchtete gemeldet worden – es kamen nur zwei“, sagt Koenen. Das könne auch für Schwierigkeiten sorgen. Der Kreis wünsche sich deshalb genauere Zahlen von der Landesaufnahmebehörde. „Wenn wir zum Beispiel wüssten, wie sich die ankommenden Gruppen zusammensetzen, die sich auf den Weg in den Landkreis machen – Mütter mit Kindern, unbegleitete Minderjährige, Alleinstehende –, könnten wir bereits vorher nach passenden Wohnungen schauen und sie direkt dort unterbringen“, sagt Koenen.

Jens Becker vom Kreis Wittmund teilt mit, dass am Dienstag zehn geflüchtete Personen im Landkreis angekommen seien und dass für Mittwoch weitere zehn erwartet worden seien. Der Stadt Emden seien vom Land Niedersachsen aktuell sechs Personen zugewiesen worden – allerdings seien schon mehr Personen in der Stadt untergekommen, sagt der Pressesprecher Eduard Dinkela. „Derzeit liegen 150 Anmeldungen beim Fachdienst Wohnen vor. Wir wissen aber bereits von weiteren 30 Personen, die sich bereits in Emden aufhalten und sich in Kürze anmelden werden.“

„Bislang wurden dem Landkreis Aurich durch das Land 25 Flüchtlinge zugeteilt. Diese haben am Montag das Kreisgebiet erreicht. Darüber hinaus wurden für Mittwoch 25 weitere Personen angekündigt“, sagt Pressesprecher Nikolai Neumayer. Diese seien zunächst in Utlandshörn untergebracht worden und würden schnellstmöglich auf Wohnungen im Kreisgebiet aufgeteilt. 250 weitere Personen seien bereits privat untergekommen. „Prognosen, wie viele Flüchtlinge zu erwarten sind, lassen sich nicht stellen. Als Kreisverwaltung stellen wir uns darauf ein, dass die Zahlen von der Flüchtlingswelle 2015 übertroffen werden könnten“, sagt Neumayer. Damals hatte der Landkreis Aurich 3500 Flüchtlinge aufgenommen.

In Hamburg warten Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind, am Mittwoch vor dem Amt für Migration und werden von freiwilligen Helfern mit Essen, Getränken und Dingen des täglichen Gebrauchs versorgt. So groß wie in der Hansestadt dürfte die Zahl der Geflüchteten in Ostfriesland nicht werden, doch die ersten sind auch bereits in der Region angekommen. Foto: Charisius/DPA
In Hamburg warten Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind, am Mittwoch vor dem Amt für Migration und werden von freiwilligen Helfern mit Essen, Getränken und Dingen des täglichen Gebrauchs versorgt. So groß wie in der Hansestadt dürfte die Zahl der Geflüchteten in Ostfriesland nicht werden, doch die ersten sind auch bereits in der Region angekommen. Foto: Charisius/DPA

Wie und wo werden die Menschen aus der Ukraine untergebracht?

Statt auf große Sammelunterkünfte setzen die ostfriesischen Kommunen darauf, die Flüchtlinge vorrangig in Wohnungen unterzubringen, die von Bürgerinnen und Bürgern bereitgestellt werden, heißt es von den Sprechern der Landkreise. „Wir haben schon viele Angebote von Einwohnerinnen und Einwohnern im Landkreis Leer erhalten, die bereit wären, Menschen aus der Ukraine aufzunehmen. Aber wir werden noch mehr Wohnungen brauchen und bitten deshalb die Bevölkerung um Mithilfe“, sagt Koenen. Auf die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger setzt ebenfalls der Landkreis Aurich. Zusätzlich sei man ebenfalls auf der Suche nach potenziellen Gastfamilien, die minderjährige Alleinreisende aufnehmen könnten, sagt Neumayer. Aus Emden heißt es von Sprecher Dinkela: „Wir erschließen gerade mehr Wohnraum, möblieren diesen und statten die Räume mit den Grundversorgungsgütern aus.“ Außerdem hätten sich bis Montag schon 38 Familien dazu bereiterklärt, unbegleitete Kinder und Jugendliche aufzunehmen.

Sind auch Großunterkünfte in Ostfriesland geplant?

Der Kreis Wittmund sei derzeit auf der Suche nach geeigneten Unterkünften, die auch eine größere Zahl an ukrainischen Flüchtlingen aufnehmen könnten, sagt Becker. Auch auf eine größere Anzahl ankommender Flüchtlinge sei der Landkreis im Ernstfall vorbereitet. „Nach der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 haben wir ein Konzept für die Belegung von Sporthallen erstellt. Wir wären innerhalb von 48 Stunden in der Lage, bis zu 100 Personen – je nach Größe der Sporthalle – aufzunehmen“, sagt Becker. Die Unterbringung in einer Turnhalle sei aber eher die Notlösung. Die Stadt Emden bereitet sich ebenfalls auf den Fall der Fälle vor: „Wenn wir zu bestimmten Zeiten mit hohen Zuwanderungszahlen keinen Wohnraum direkt zur Verfügung haben, bereiten wir auch eine Gemeinschaftsunterkunft – in der Barenburgschule mit maximal 100 Plätzen – übergangsweise vor“, sagt Dinkela. Die Kreise Leer und Aurich schauen in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Städten aktuell, welche Einrichtungen sich im Notfall als Großunterkunft anbieten könnten. „Wir könnten kurzfristig eine Unterbringung in einer Turnhalle organisieren und haben ebenfalls schon Kontakt mit den Eigentümern der Kaserne in Aurich“, sagt Neumayer. Eine erste vorübergehende Unterbringungsmöglichkeit ist das Willkommenszentrum mit einer Dokumentationsstraße in Utlandshörn und bietet für bis zu 120 Personen Platz.

Kontaktdaten für Menschen, die Wohnraum stellen möchten:

Landkreis Aurich

Mail: ukraine@landkreis-aurich.de

Telefon: 04941/163333

Landkreis Leer

Mail: ehrenamt@lkleer.de

Telefon: 0491/9264048

Internet: www.wirpackenfreiwilligan.de/ukraine

Landkreis Wittmund

Mail: sozialamt@lk.wittmund.de

Telefon: 04462/861324

Stadt Emden

Mail: cstrauch@emden.de oder albers@emden.de

Telefon: 04921/871120

Internet: www.emden-hilft.de

Gastfamilien für Pflegekinder in Emden

Mail: pflegekinder@emden.de

Telefon: 04921/871993 oder 04921/871627

Welche weiteren Hilfsangebote gibt es für Flüchtlinge?

Der Kreis Aurich plant verschiedene Integrations- und Sprachkurse an der Kreisvolkshochschule. Die Aufnahme von Minderjährigen an den allgemeinbildenden Schulen ist aktuell schon möglich. Derzeit würden darüber hinaus viele ehrenamtliche Angebote entstehen, teilt Neumayer mit. Einen Überblick über weitere Hilfsangebote hat der Kreis auf seiner Webseite unter www.landkreis-aurich.de/ukraine-konflikt eingerichtet. Im Landkreis Wittmund können sich Flüchtlinge Hilfe bei der Awo-Migrationsberatung sowie der Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe suchen. „Ebenfalls können sich die Ukrainer online Hilfe direkt beim Landkreis holen oder bei der Ukraine-Hotline unter der Telefonnummer 04462 / 867700 anrufen“, sagt Becker. Wichtige Informationen und Hilfsangebote hat der Landkreis Leer auf seiner Webseite (www.landkreis-leer.de/Ukraine) auf Ukrainisch übersetzt. Weitere Hilfe erhalten die Menschen sowohl bei der Ausländerbehörde des Kreises als auch bei den Sozialämtern der Städte und Gemeinden, sagt Koenen.

An einem Konzept zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine arbeitet aktuell die Stadt Emden. „Wir werden die Kinder und Jugendlichen zunächst zentral betreuen und beschulen, um sie dann in Regeleinrichtungen zu integrieren. Dabei sollen muttersprachliche Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer einbezogen werden“, sagt Dinkela. Wichtig sei es der Stadt ebenfalls, die medizinische Versorgung sicherzustellen: Eine ärztliche Beratung und Betreuung sowie die Durchführung von empfohlenen Impfungen würden über das mobile Impfteam des Emder Gesundheitsamtes durchgeführt. „Geflüchtete haben darüber hinaus Anspruch auf kostenfreie Corona-Testungen in allen Bürgerteststellen“, sagt Dinkela. Hilfsorganisationen, Kirchen und Wohlfahrtsverbände würden die Stadt bei den Aufgaben rund um die Unterbringung, Versorgung und Betreuung der geflüchteten Menschen unterstützen.

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