Hamburg
Warum Männer und Frauen noch längst nicht gleichberechtigt sind
Frauen sind heute gleichberechtigt? Bullshit! Die Hamburger Autorin Alexandra Zykunov erklärt, wieso Frauen mehr arbeiten als Männer und warum man sich nicht darüber freuen sollte, wenn Papa mithilft.
Die Hamburgerin Alexandra Zykunov (36) ist Redaktionsleiterin des Magazins „Brigitte Be Green“, Redakteurin bei „Brigitte“ und auf Instagram als @alexandra___z bekannt. In Ihrem Buch „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt! 25 Bullshitsätze und wie wir sie endlich zerlegen“ deckt sie die patriarchalen Muster hinter alltäglichen Sätzen auf und erklärt, wie man sie pariert.
Frage: Frau Zykunov, welches war die letzte Bemerkung über Frauen, die Sie wütend gemacht hat?
Antwort: Oh Gott, das sind eigentlich zu viele... Aber vor einiger Zeit schrieb mir eine Frau, dass ich übertreibe und wozu ich überhaupt Kinder kriege, wenn mich meine Rolle als Mutter so nervt. Das ist also meine Auswahlmöglichkeit als Frau: Entweder ich bekomme Kinder und bin den ganzen Tag glücklich und klage nicht. Oder ich darf halt keine Kinder kriegen. So etwas dann auch noch von einer Frau gesagt zu bekommen, tut richtig weh.
Frage: Einer Ihrer Bullshitsätze lautet „Toll, dass dein Mann so viel mithilft!“ Was ist daran so schlimm?
Antwort: Erstens die Verhältnismäßigkeit. Nur weil Väter heute häufiger im Haushalt helfen als vor 20 Jahren, sollten wir das nicht abfeiern, als wären wir schon bei einer Hausarbeitsaufteilung von Fifty-fifty angelangt, sondern uns darüber aufregen, dass es immer noch zu wenig ist. Und zweitens ist das Wort „helfen“ entlarvend, denn es bedeutet ja, dass er nicht verantwortlich ist. Er kocht einmal die Woche, ja, und er geht am Wochenende mit den Kindern auf den Spielplatz. Aber der Hauptanteil dieser sogenannten Care-Arbeit und vor allem die ganze Denk- und Planungsarbeit dahinter ist offenbar immer noch Aufgabe der Frau – und er „hilft“ eben nur aus. Der richtige Satz müsste deshalb lauten: „Toll, dass dein Mann seinen Anteil übernimmt.“ Übrigens, wenn man den Satz umdreht, merkt man, wie absurd er ist: „Toll, dass deine Frau im Haushalt so viel mithilft und sich ums Kind kümmert!“
Frage: Ok, Frauen verrichten den Großteil der Care-Arbeit, kümmern sich also mehr um Haushalt und Kinder. Aber dafür arbeiten Männer ja meistens auch länger. Das ist doch gerecht, oder?
Antwort: Das Problem ist schon die Wortwahl: „Mein Mann arbeitet und ich mache den Haushalt.“ Nein! Der Mann ist erwerbsarbeiten. Aber die Frau geht meistens in Teilzeit erwerbsarbeiten und macht dann noch zusätzlich zu Hause die Care-Arbeit. Sie kehrt also nicht in den Feierabend zurück, sondern tritt eine zweite Schicht an: Kinder abholen, planen, kochen, Termine für die nächste Woche machen, Schulmaterialien besorgen, das hustende Kind in den Schlaf begleiten, Streit schlichten, Wäsche waschen, sortieren... Mittlerweile weiß man, dass Frauen täglich viel mehr Arbeitsstunden haben als Männer. Und das ist nur, was man messen kann! Die mentale Arbeit im Kopf – was muss ich einkaufen, das Kind braucht zwei Euro mit in die Schule und neue Schuhe, wann erreiche ich den Arzt und so weiter – ist da noch gar nicht mit eingerechnet. Diese ganzen Tabs sind ja permanent im Computerhirn Mama offen, und das ist unfassbar erschöpfend und in Stunden kaum zu messen.
Frage: Sie fordern, Care-Arbeit zu bezahlen. Klingt befremdlich, schließlich ist das doch Privatsache.
Antwort: Nein, das ist es eben nicht, denn Frauen halten durch ihre ach-so-private Care-Arbeit das ganze System am Laufen! Wenn Frauen streiken würden, würden Alte und Kinder nicht mehr versorgt werden und unsere Männer wären nicht in der Lage, ausgeruht, in frisch gewaschener Kleidung und wohlgenährt zur Arbeit zu spazieren. Unternehmen müssten dichtmachen, die Börse würde zusammenbrechen... Natürlich bekomme ich ein Kind, weil ich es liebe. Und trotzdem kann es nicht sein, dass ein vergreistes Land wie Deutschland sagt: „Vielen Dank, dass du Kinder in die Welt gesetzt und deine Eltern gepflegt hast, hier ist bitteschön deine Altersarmut.“
Frage: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass viele Männer sich bei der Care-Arbeit absichtlich dumm stellen, damit sie weniger machen müssen. Ihr Ernst?
Antwort: Das habe ich auch gedacht, als ich die Studie las: „Ist das eigentlich euer verdammter Ernst?!“ In einer britischen Studie gab tatsächlich ein Drittel der befragten Männer an, Care-Arbeit absichtlich falsch zu machen Man stelle sich vor, ein Drittel aller Mütter würde mit Absicht das Klo schlecht putzen, damit – ja, was? Der Mann es macht?
Frage: Sollten Frauen nicht ihre Perfektion zurückschrauben, anstatt den Mann zu kritisieren, wenn er nicht alles fehlerlos macht?
Antwort: Es stimmt schon, dass Frauen daran arbeiten müssen, ein Stück weit loszulassen. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass sich unser Kind nicht gleich erkältet, wenn mein Mann es nicht so dick anzieht wie ich. Das Loslassen wird aber zum Problem, wenn es etwa um Körperhygiene oder Schulsachen geht. Denn die Erzieherin wird nicht sagen: „Der Vater hat dem Kind aber lange nicht die Fingernägel geschnitten!“, sondern „Oh, was ist denn mit der Mutter los?“ Die Lehrerin wird wegen der fehlenden Unterlagen bei der Mutter anrufen, nicht beim Vater. Und wenn der Besuch nach Hause geht, wird er sagen: „Im Bad hat sie aber lange nicht gewischt.“ Darauf, dass der Mann vielleicht dafür verantwortlich war, kommt niemand. Deswegen funktioniert es nicht zu sagen, dass Frauen ihre Standards zurückschrauben müssen, denn das fällt negativ auf sie zurück, nicht auf die Männer!
Frage: Sie schreiben, dass wir immer noch im Patriarchat leben. Geht's auch eine Spur kleiner?
Antwort: Das ist eben der perfekte Zaubertrick des Patriarchats: Es behauptet: „Ich bin doch gar nicht mehr da, ihr müsst das privat lösen!“ Also strampeln die Frauen sich ab und sagen: „Ich glaub, ich brauch eine Zeitmanagement-App!“ Es gibt aber keine App gegen das Patriarchat. 75 Prozent aller Chefredakteure in den großen überregionalen Tageszeitungen sind Männer. 75 Prozent aller Lehrstühle an deutschen Unis sind besetzt von Männern. 91 Prozent aller Bürgermeister in Deutschland sind Männer. Und das ist nur ein Auszug! Natürlich leben wir im Patriarchat.
Frage: Neulich sagte ein Bekannter zu mir: „Frauen stehen doch alle Türen offen! Sie können Karriere machen, in gut bezahlte Berufe gehen, besser verhandeln. Wenn sie das nicht machen, kann ich auch nichts dafür.“ Was würden Sie ihm antworten?
Antwort: Ja, theoretisch können Frauen alle Jobs machen. Praktisch zeigen Studien: Wenn Männer und Frauen sich bei gleicher Qualifikation auf denselben Job bewerben, werden Frauen per se eine Schulnote schlechter eingestuft. Da kann man sich auch vorstellen, wie die Gehaltsverhandlungen ablaufen. Frauen mit Kindern müssen dreimal so viele Bewerbungen schreiben wie Frauen ohne Kinder, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Aber auch, wenn sie jung sind und noch keine Kinder haben oder erst eins, werden sie diskriminiert, denn sie könnten ja bald ein zweites kriegen. Bei Männern spielt all das keine Rolle.
Frage: Oft wird auch gesagt, dass Frauen selbst Schuld seien, weil sie untereinander nicht solidarisch sind. Männer haben Netzwerke, Frauen Stutenbissigkeit.
Antwort: Woher kommen denn die Männernetzwerke? Die wurden ja vor Jahrhunderten traditionell aufgebaut, da durften Frauen am öffentlichen Leben gar nicht teilnehmen. Außerdem kriegen Mädchen schon von klein auf mitgeteilt: „Für dich ist nur ein Platz.“ Serien, Bücher, Märchen: In fast allen Cliquen gibt es mehrere Jungs und ein Quotenmädchen. Neulich erzählte mir meine Tochter, sie hätten in der Kita gestritten: Sie wollten die Serie „Ninjago“ nachspielen, aber es gibt darin nur ein Ninja-Mädchen neben vielen Ninja-Jungs, und alle Mädchen wollten dieses eine Ninja-Mädchen spielen. Die Jungs hatten die freie Auswahl. Kein Wunder, dass der berühmt-berüchtigte Zickenkrieg so früh anfängt! Palina Rojinski hat mal gesagt, sie würde gern sehen, wie es wäre, wenn in Brüderschaften unter 100 Plätzen nur ein Platz für einen Mann zur Verfügung stünde. Die Männer würden sich zerfleischen!
Frage: In Ihrem Buch stellen Sie sich vor, wie sich Ihre Enkeltochter später mal wundert, dass Frauen sich früher mehr um die Kinder gekümmert haben als Männer. Glauben Sie wirklich, dass es so kommt?
Antwort: Ich fände das echt toll! Es wäre sehr frustrierend, wenn meine Enkelin mir in 50 Jahren von denselben Grabenkämpfen erzählt, wie wir sie heute haben. Was sie betrifft, bin ich mir aber unsicher. Ich hoffe sehr auf meine Urenkelin. Und übrigens auf meinen Urenkel genauso! Denn dieses toxische „Ich muss Frauen erobern und meine Familie ernähren“ fällt von den Männern dann ja genauso ab.
Alexandra Zykunov: „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!: 25 Bullshitsätze und wie wir sie endlich zerlegen.“ Ullstein, ISBN 978-3548065335