Schytomyr

Leihmutterschaft in der Ukraine: „Wir erleben viele panische Wunscheltern“

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 15.03.2022 12:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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In der Ukraine boomt das Geschäft mit der Leihmutterschaft. Doch der Krieg stellt Schwangere und Wunscheltern aus Deutschland vor immense Herausforderungen. Maria Holumbovska von der Kinderwunschklinik BioTexCom berichtet von Explosionen, Geburten in Schutzkellern und Tränen am Telefon.

Maria Holumbovska ist aktuell vor allem damit beschäftigt, die richtigen Worte zu finden. Hat sie Paare aus Deutschland am Telefon, die sich aufgrund des Ukraine-Kriegs um ihre schwangere Leihmutter sorgen, dann versucht sie diese zu beruhigen. „Ja, die Situation ist schlimm, aber wir werden gewinnen“, sagt sie dann. Oder: „Es wird sich alles legen.“

Welcher Wochentag heute ist, weiß die 35-Jährige nicht. Die Pressesprecherin von BioTexCom, der größten und nach eigenen Aussagen erfolgreichsten Kinderwunschklinik in der Ukraine, arbeitet seit Wochen fast rund um die Uhr. Seit dem Angriff Russlands auf ukrainische Städte versteht sie, was „Lebe in Frieden“ bedeutet. Vorher seien das leere Worte für sie gewesen.

„Wir erleben derzeit viele panische Wunscheltern“, sagt sie im Videogespräch mit unserer Redaktion. Die ukrainischen Leihmütter hingegen würden die Ruhe bewahren, obwohl es ums eigene Überleben gehe. „Die meisten bleiben tapfer und mutig.“

Holumbovska erklärt, dass sie das Interview abbrechen muss, sobald die Sirenen wieder heulen - und das tun sie mehrmals am Tag. Derzeit hält sie sich in Schytomyr im Norden der Ukraine auf. In dem Hochhaus, in dem ihre Eltern leben, ist es sicherer als in der eigenen Wohnung in Kiew, obwohl es auch hier bereits zu Explosionen kam. Es gibt einen Keller, der als Schutzbunker dient. Mehrere Stunden harren sie dort manchmal aus.

Aktuell gibt es bei BioTexCom 80 schwangere Leihmütter, die ihr Kind nach der Geburt an Wunscheltern aus Deutschland abgeben werden. Drei Neugeborene wurden kürzlich im Eiltempo abgeholt. Ein weiteres Paar ist gerade mit dem Auto auf dem Weg in die Ukraine. Zu Maria Holumbovska habe es gesagt, notfalls auch mit dem Baby im Krieg zu sterben. Zuhause warten aber wollen sie nicht.

Immer wieder hat Holumbovska weinende Paare am Telefon. „Das Schlimmste ist für sie die Ungewissheit.“ Ihrem sehnlichsten Wunsch nach einem eigenen Kind waren die meisten noch nie so nahe. Und es ist oft ihr letzte Chance. „Manche versuchen seit 20 Jahren ein Kind zu bekommen.“

Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, rechtliche Konsequenzen für Wunscheltern, die sich im Ausland eine Leihmutter suchen, gibt es aber nicht. Wichtig ist jedoch, dass die Babys in der Ukraine geboren werden. Das vom Krieg gebeutelte Land zu verlassen, ist für Leihmütter nicht so einfach möglich. Auf Facebook warnt BioTexCom davor, Leihmütter über die Grenze zu bringen: „Die Geburt des Kindes außerhalb der Ukraine ist nicht legal und wird rechtliche Konsequenzen haben: die Leihmutter wird als Mutter gelten und der Versuch der Übergabe des Kindes wird als Kinderhandel bezeichnet, Sie werden nie als Eltern des Kindes anerkannt.“

„Die Leihmutter möchte das Kind abgeben. Sie hat häufig schon eigene Kinder und kein Interesse an einem weiteren“, sagt Holumbovska. Vor allem finanzielle Gründe sind es, warum eine Ukrainerin ihren Körper hergibt, um ein Kind für eine fremde Frau aus dem Ausland auszutragen. Zwischen 40.000 und 60.000 Euro kostet das die Wunscheltern - bis zu 20.000 Euro verdient die Leihmutter.

Laut Holumbovska würden viele Leihmütter aber nicht nur sich selbst, sondern auch den kinderlosen Paaren aus dem Ausland helfen wollen. „Es geht auch um menschliche Faktoren.“ Damit die Frauen eine Schwangerschaft geheim halten können, stellt BioTexCom ihnen ab der 20. Schwangerschaftswoche eine Wohnung zur Verfügung.

In den Kliniken finden die Geburten momentan in Schutzkellern statt. Auch hier setzt BioTexCom momentan viel daran, den Wunscheltern ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. In einem Video auf der Webseite führt eine Frau durch den Bunker, der ausgestattet ist mit Schlafsäcken, Gasmasken und Regalen voller Milchpulver.

Normalerweise müssen Wunscheltern rund einen Monat in der Ukraine bleiben, bis sie mit dem Baby das Land verlassen dürfen - Termine bei der Botschaft und dem Standesamt sind notwendig, damit das Kind einen deutschen Pass erhält. Aufgrund des Ausnahmezustands geht momentan aber alles viel schneller.

Holumbovska erinnert all das, was gerade passiert, teilweise an die Beginne der Corona-Pandemie. Damals machte BioTexCom weltweit Schlagzeilen, weil zahlreiche Kinder nicht von ihren Wunscheltern abgeholt werden konnten. Die 35-Jährige würde sich wünschen, nochmal einen harten Lockdown zu erleben. Alles, aber nicht diesen Krieg. Trotzdem will sie optimistisch bleiben - für die Wunscheltern muss sie es ohnehin.

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