Berlin

Lehrerin spricht Klartext: So sieht die Klitoris wirklich aus

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 15.03.2022 07:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Klitoris wird in Schulbüchern bisher verfälscht dargestellt. Eine Lehrerin sorgt dafür, dass sich das künftig ändert. Foto: imago images/josefkubes
Die Klitoris wird in Schulbüchern bisher verfälscht dargestellt. Eine Lehrerin sorgt dafür, dass sich das künftig ändert. Foto: imago images/josefkubes
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Lange wurde die Klitoris in Schulbüchern nur als kleine Perle oder Erbse dargestellt. Die Biolehrerin Sina Krüger hat Verlage auf die falsche Abbildung und die fatalen Folgen hingewiesen. Mit Erfolg.

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Wenn die Biologie- und Sportlehrerin Sina Krüger den Klassenraum an ihrer Gesamtschule in Berlin betritt, dann trägt sie gerne ihr Klitoris-Shirt. „Von wegen Perle“, steht darauf geschrieben. Abgebildet ist eine Zeichnung des weiblichen Lustorgans. Es dauert meist nicht lange, bis der 27-Jährigen Fragen gestellt werden. „Frau Krüger, ich verstehe Ihr T-Shirt nicht. Was bedeutet das?“, heißt es dann. Und Krüger beginnt zu erklären, was in der Sexuellen Bildung lange versäumt und in Schulbüchern verfälscht dargestellt wird: den weiblichen Genitalbereich.

Krüger hat ihre Masterarbeit über das Thema geschrieben, nachdem ihr auffiel, wie viele Wissenslücken es noch immer im Hinblick auf die weiblichen Geschlechtsorgane gibt. Was sie besonders erschüttert: In Schulbüchern wird vor allem die Klitoris nicht detailgetreu dargestellt. „Meist wird ein Gnubbel gezeigt oder die Klitoris wird nicht als eigenständiges Organ dargestellt. Sie ist nicht erbsengroß, sondern zehn bis zwölf Zentimeter lang“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

Was Krüger außerdem auffällt: Auch in Sachen Sprachsensibilität ist viel Luft nach oben. Die 27-Jährige verwendet nicht den Begriff Schamlippen, sondern Vulvalippen. Das sogenannte Jungfernhäutchen nennt sie vaginale Korona. Nicht „große und kleine“ Vulvalippen sollte es heißen, sondern „innere und äußere“. „Niemand sollte sich für sein Geschlechtsorgan schämen. Das Wort Schamlippen ist da wahnsinnig ungünstig gewählt. Außerdem gibt es nicht die Designer-Vulva - Vulven sind total vielfältig und sehen bei jedem Menschen anders aus.“

All ihr Wissen, ihre Kritik und Verbesserungsvorschläge richtete Krüger an die drei großen Schulbuchverlage Cornelsen, Klett und Westermann. Die Reaktionen? Zunächst verhalten, man bedankt sich für die Hinweise, aber dabei bleibt es. Erst mithilfe einer Journalistin, die ein Interview mit Krüger veröffentlicht und ebenfalls die Verlage mit der verfälschten Darstellung der Klitoris konfrontiert, kommt Bewegung in die Sache. Plötzlich melden sich alle Verlage zurück und kündigen eine Überarbeitung ihrer Schulbücher an. Ein riesen Erfolg für die Lehrerin.

Sie will erreichen, dass das weibliche Geschlecht enttabuisiert und Mythen und gesellschaftliche Normenvorstellungen nach und nach verschwinden. Im Unterricht fordert sie ihre Schülerinnen und Schüler beispielsweise dazu auf, sowohl das männliche als auch das weibliche Geschlechtsorgan zu zeichnen. Immer wieder kapitulieren sie, wenn es um den weiblichen Genitalbereich geht. „Da herrscht dann erstmal Ruhe im Bioraum.“ Für Krüger auch ein Zeichen einer patriarchalen Gesellschaft. „Der Penis ist allgegenwärtig, es wird auf jeden Schultisch und jede Klotür gekritzelt.“

Krüger will all das ändern: „Ich möchte der Scham entgegenwirken und eine offene Kommunikation fördern. Denn nur so kann ein positives und erfülltes Sexleben stattfinden.“ Außerdem gehe es auch um den Schutz der Gesundheit: „Nur wer richtig aufgeklärt ist, kann selbstbestimmte Entscheidungen treffen und sagen, was er oder sie möchte und was nicht.“

Statt auf die längst überholten Darstellungen in Schulbüchern zurückzugreifen, zeigt Krüger im Unterricht Instagram-Posts des Accounts „The.Vulva.Gallery“ und arbeitet mit 3-D-Modellen der Klitoris.

Bis die korrekte und detailgetreue Darstellung der weiblichen Geschlechtsorgane auch in das letzte Schulbuch eingezogen ist, wird nämlich noch einige Zeit vergehen. In Deutschland werden Schulbücher zwischen acht und zehn Jahren lang verwendet, bis es zum Druck einer neuen Auflage kommt.

Trotzdem hat Krüger in ihrer Gemeinschaftsschule schon viel erreicht. Kürzlich sei ein Oberstufen-Schüler auf sie zugekommen und habe sich bedankt: „Frau Krüger, ich hab mich für einen emanzipierten schlauen Mann gehalten, aber ich hab das alles nicht gewusst.“

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