Krieg in der Ukraine
Kleiderberge am Straßenrand und eiserne Hilfen
Unser Reporter Claus Hock berichtet von der Grenze zur Ukraine: Aus ganz Europa sind weiterhin Hilfstransporte in die Ukraine oder an die Grenze unterwegs. Das Vorgehen und die Erfahrungen sind dabei ganz unterschiedlich.
Medyka/Przemysl - In der Nacht von Freitag auf Samstag kam in Przemysl ein Konvoi aus dem Bereich Rhauderfehn an. Ursprünglich wollte der Bauunternehmer Kumar Kugathasan an den Grenzübergang Korczowa, aufgrund der Erfahrungen anderer Konvois wurde dann aber doch der Bereich um Medyka angesteuert. Am Samstagmorgen ging es dann, zusammen mit dem Reporterteam Jasmin Keller und Claus Hock, in Richtung Sammelstation Medyka. Vor Ort dann die erste Enttäuschung: Kleidung wurde, bis auf ganz wenige Ausnahmen, nicht angenommen.
Also wurden zunächst nur die übrigen Hilfsgüter, darunter Hygieneartikel, Babynahrung, Decken und Schlafsäcke sowie Medizin, ausgeladen. Das werde gerade akut in der Ukraine benötigt. Die Helfer vor Ort betonten erneut, dass sich Menschen informieren sollen, bevor sie Hilfsgüter auf den Weg schicken. Nach kurzer Beratung ging es dann zurück in die Auffangstation nach Przemysl. Dort, so sagten die Helfer in Medyka, nehme man noch Kleidung an.
Kleiderberge am Parkplatzrand
Ja, das tut die Station, wenn man unter „Annehmen“ Folgendes versteht: Einfach auf den großen Haufen am Eingang des Parkplatzes werfen. Denn dort landet das meiste an Kleidung, ob neu oder gebraucht. Wenigstens ist es aktuell trocken, so dass die Kleidung nicht auch noch durchnässt. Wird diese Kleidung benötigt? Eher nicht. Zwar werden die Kartons der Leeraner auch sofort durchsucht und hier und da wird sich Kleidung mitgenommen. Aber wirklich benötigt?
Experten und auch die Helfer vor Ort sagen schon länger, dass man bitte keine Kleidung mitbringen soll. Ausnahmen werden gemacht, aber vor allem dann, wenn es sich um Kleidung handelt, die von den Ukrainern im Kampfeinsatz getragen werden kann.
Lieferungen direkt an die Ukraine
Ähnliche Erfahrung, was Kleidung angeht, mussten auch Armin Hethey und Dr. Peter Krupp aus Bad Zwischenahn machen. Alles, was nicht Kleidung war, wurde von den Helfern in Medyka sofort ins Lager geräumt, teilweise auch sofort in Transporter in Richtung Ukraine. Die Kleidung verließ hingegen den Bus in aller Regel nicht. „Das bringen wir in die Kleiderkammer nach Zwischenahn“, sagte Hethey Anfang der Woche gegenüber unserer Zeitung.
Auch Erwin Koops, Geschäftsführer der Lebenshilfe Leer, will aus der Erfahrung im Grenzgebiet seine Schlüsse ziehen. Die Lebenshilfe unterstützte den Verein „Leer hilft Kindern“. Sollte es zu einem weiteren Transport kommen, dann müsse man „genauer erfragen, was fehlt konkret?“ Dennoch sind die Leeraner zufrieden. Bei den Hilfsgütern, die in Medyka abgegeben wurden, könne man „sicher sein, dass die auch wirklich in der Ukraine ankommen“, so Kugathasan. „Das war uns wichtig.“ Am Samstag war in Medyka deutlich mehr los als an den Tagen davor. Teilweise im Minutentakt kamen neue Lieferungen an Hilfsgütern. „Seit sechs Uhr geht das so“, sagt einer der Helfer. Lange im Lager würden die Güter nicht bleiben. „95 Prozent gehen in die Ukraine, manchmal noch am gleichen Tag“, sagt der Helfer. Die restlichen Hilfsgüter würden vor Ort benötigt.
Medizinisches Gerät ins Kriegsgebiet
Einen ganz anderen Weg der Hilfe hat Bogdan Shcheglov, Facharzt für Anästhesie im Klinikum Oldenburg, gewählt. Zusammen mit einigen ukrainischen und deutschen ärztlichen Kollegen aus Oldenburg und Bremerhaven liefere er seit Beginn des Krieges medizinische Geräte, Produkte und Medikamente „gezielt an die frontnahen ukrainischen Krankenhäuser“, so Shcheglov. Das Vorgehen dabei: „Wir nehmen direkten Kontakt mit der Leitung und den behandelnden Ärzten in den ukrainischen Krankenhäusern auf, erfragen konkrete medizinische Bedürfnisse vor Ort; dank Spenden hier in Deutschland sammeln und kaufen wir das Benötigte und verschicken es mit ziemlich komplizierter Logistik direkt an die Krankenhäuser“, so der Arzt. Was dabei besonders sei: „Wir kümmern uns ausschließlich um die Medizin, und dabei speziell um intensivmedizinische, chirurgische und unfallchirurgische Versorgung der Schwerverletzten und Brandverletzten“, sagt Shcheglov.
Bei der jüngsten Lieferung habe man durch Spenden eines Krankenhauses aus Bremerhaven binnen weniger Tage vier Beatmungsgeräte und „viele hochwertige Verbandsmaterialien“ sowie Medikamente für Blutdruckunterstützung oder Antibiotika an das Kiewer Notfallkrankenhaus geliefert, „wo bereits mehrere Leute nach den Luftangriffen der ersten Tage des Krieges behandelt werden“. Weitere Transporte seien nach Mykolaiv und Kirowohrad im Süd-Osten gegangen.
Die tonnenschwere „Eiserne Hilfe“
Da mehrere Straßen und Autobahnen in der Ukraine entweder gesperrt oder zerbombt sind, sei die Lieferung an die weit entfernten Krankenhäuser recht schwierig, dauere zu lange oder sei gar nicht möglich. „Unsere gestrige Hilfe geht direkt nach Kharkiv“, so Shcheglov am Samstag. „Wir konnten in der Ukraine kaum ein Transportunternehmen oder Freiwillige finden, die uns bei der Lieferung helfen konnten.“ Wie kommen dann die schweren Geräte und die Medizin in die Krankenhäuser? Die Antwort: Züge. Seit kurzem gebe es ein Hilfsprogramm der ukrainischen Bahn „Ukrzaliznytsya“ (www.uz.gov.ua) in Kooperation mit polnischer PKP Cargo namens „Zalizna dopomoga“ (zu Deutsch: „Die eiserne Hilfe“), deren Güterwagen auch in Medyka beladen werden und von dort Ziele in der Ukraine anfahren – wie auch Kharkiv.
Um alles organisieren zu können, haben Shcheglov und seine Kollegen den Verein „Christliche medizinische Hilfe direkt“ mit Sitz in Oldenburg gegründet. „Warum machen wir das alles? Können wir überhaupt anderes? Das Land, in dem wir geboren wurden und zum Teil sogar gearbeitet haben, wird gerade gebombt. Da leiden Leute. Da kann keiner einfach nur zuschauen.“
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