Semesterbeginn an den Hochschulen
Leeraner berichten vom Studieren in Zeiten der Pandemie
Vor zwei Jahren veränderte der Beginn der Corona-Pandemie das Leben der Menschen. Auch Studierende waren stark betroffen. Fünf junge Menschen aus dem Landkreis Leer erzählen ihre Erfahrungen.
Landkreis Leer - Der Start des Sommersemesters an Hochschulen und Universitäten steht kurz bevor. An den Hochschulen beginnt das Sommersemester am 1. März, an Universitäten einen Monat später am 1. April. Seit Beginn der Pandemie haben die Maßnahmen von Bund und Ländern die Studierenden auch in Ostfriesland vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Nicht nur der Wegfall von Nebenjobs war ein Problem.
Auch der Umschwung zur Online-Lehre gestaltete sich sowohl für Universitäten und Hochschulen, als auch für Studierende als schwierig. Sie klagten darüber, dass nicht überall die technische Ausstattung oder ausreichend Internet gegeben war.
Während zeitweise Diskotheken, Restaurants oder Fußballstadien wieder Gäste begrüßen durften, konnten die Studierenden noch immer nicht in die Hörsäle. Studierende aus dem Landkreis Leer berichten, wie es ihnen mit dem Studieren in Zeiten von Corona geht und welche Eindrücke sie in den vergangen zwei Jahren gesammelt haben.
Ingo Reuter, 25, Leer
Zum Wintersemester 2021 begann ich mein Studium an der Hochschule Emden/Leer, also während der Pandemie. An der Hochschule belege ich den Studiengang Maritime Technology and Shipping Management.
Durch die Pandemie und den daraus resultierenden Maßnahmen wie die Lockdowns oder gar die Ausgangssperre hatte ich natürlich weniger Kontakt zu anderen Personen, rückblickend war dies eine sehr bedrückende und auch deprimierende Zeit. Daher kann ich von Glück sprechen, dass der Start meines Studiums in Präsenz stattgefunden hat, so konnte ich viele neue Menschen kennenlernen und mit diesen in regelmäßigem persönlichem Austausch stehen. Die Präsenz-Lehre konnte bis kurz vor Weihnachten durchgezogen werden. So habe ich auch noch einige Wochen in der Online-Lehre miterlebt.
Aus diesen Erfahrungen kann ich sagen, dass für mich die Präsenzlehre deutlich besser ist. Dies liegt vor allem an dem Kontakt zu den Menschen und daran, dass man auch mal etwas anderes sieht als die eigenen vier Wände. Außerdem lasse ich mich persönlich Zuhause schneller ablenken. Ebenfalls sind Störungen wie zum Beispiel Verbindungsprobleme in der Online-Lehre nie ganz auszuschließen. Dabei kann ich der Hochschule keine Vorwürfe machen. Diese hat eine qualitativ hohe Online-Lehre angeboten und durchgeführt. Die Lehrenden haben mithilfe von Onlinetools den Inhalt der Vorlesungen gut vermitteln können. Auch das Angebot bei unsicheren Internetverbindungen, die abzulegenden Prüfungsleistungen in der Hochschule durchzuführen, habe ich als sehr positiv empfunden. Die Fortsetzung des Studiums zum Sommersemester soll nach jetzigem Stand in Präsenz stattfinden. Diese Nachricht hat mich sehr gefreut.
Sina Gerke, 24, Leer
Als die Corona-Pandemie im Jahr 2020 begann, habe ich noch im sechsten Bachelor-Semester Sozialwissenschaften in Osnabrück studiert. Nach Abgabe meiner Abschlussarbeit gab es keine Verabschiedung, keine Feier und dies wird auch in Zukunft nicht nachgeholt werden.
Seit Oktober 2020 studiere ich Sozialwissenschaften im Master in Oldenburg und beende mein Studium voraussichtlich im März 2023. Mein Master war von Anfang bis jetzt von der Pandemie gezeichnet, soziale Kontakte zu Kommiliton:innen konnten kaum bis gar nicht geknüpft werden. Von Seiten der Politik kamen keine bis wenig Informationen wie Hochschulen mit der Situation umgehen sollen. Die Hochschulen haben versucht, richtig zu handeln, was sich als Mammutaufgabe herausgestellt hat. Sie konnten es nicht allen recht machen. In der Präsenzlehre gab es die Gefahr sich anzustecken, es durfte nur mit Maske und Abstand gelehrt werden. In der Onlinelehre gab es vermehrt Schwierigkeiten mit der Technik, der Lernerfolg wurde minimiert, da Informationen auf der Strecke geblieben sind.
Im Zuge des Lockdowns habe ich zeitweise meinen Job nicht ausüben können, die finanzielle Lage spitzte sich zu, Aussicht auf Hilfe gab es erst spät. Ebenfalls gestaltete sich die Suche nach einem Praktikumsplatz als schwierig. Viele Absagen aufgrund von Corona, viele Studierende müssen ihr Studium verlängern, auch ich. Ich habe mich von der Politik vernachlässigt gefühlt und die Organisation an der Hochschule war oft intransparent und die Informationen kamen verspätet, da sie selber nicht wussten, wie sie handeln durften. So hatte ich mir meinem Master, meine letzten Jahre an einer Uni nicht vorgestellt.
Marc Heijenga, 24, Möhlenwarf
Ich bin dualer Student an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und studiere BWL mit Schwerpunkt Industrieversicherung. Aktuell befinde ich mich im sechsten Semester. Das erste Semester konnte ich glücklicherweise noch in Präsenz studieren, so dass ich meine Kommilitonen, aber auch einige Dozenten bereits kennenlernen konnte. Für die nächsten vier Semester, die alle komplett online stattgefunden haben, habe ich dies als großen Vorteil erachtet, da man sich untereinander bereits kennt. Im ersten Semester habe ich mir eine Wohnung in Berlin gesucht, welche ich die nächsten zwei Jahre fast durchgehend untervermietet habe, da ich für die Online-Lehre wieder zurück in die Heimat gezogen bin. Vor allem für den Beginn der Pandemie, im März 2020 (Ausgangssperre) war dies gut. Es macht doch einen Unterschied sich im eigenen Garten draußen bewegen zu können und bei der Familie zu sein oder alleine in einer 1-Zimmer-Wohnung in Berlin zu sitzen.
Nach der Umstellung auf Online-Vorlesungen hatten einige Dozenten große Probleme mit der Technik. Einer ist sogar kurzfristig abgesprungen, da ihm die Vorlesungen mit der Technik zu umständlich waren. Bei Online-Vorlesungen habe ich gemerkt, dass die Aufnahmebereitschaft während der Vorlesungen deutlich zurückgeht.
Diesbezüglich muss ich meine Hochschule kritisieren. Die Erstellung des Stundenplans ist bei Online-Vorlesungen sehr wichtig. Es kann nicht sein, dass einige Tage bis auf eine kurze Vorlesung komplett frei sind, dafür andere den ganzen Tag beanspruchen. Generell fand ich die Kommunikation unseres Fachbereichs gegenüber uns Studierenden schwierig. Informationen zum weiteren Verlauf kamen häufig nur auf Nachfrage oder teilweise sehr spät.
Insgesamt kann ich sagen, dass ich mir das Studium ganz anders vorgestellt und gewünscht habe und bin tatsächlich froh, dass es in diesem Sommer vorbei ist. Den Gedanken, dass Studium abzubrechen hatte ich allerdings nie.
Patricia Lührsen, 24, Neukamperfehn
Ich habe zu Beginn der Pandemie im 7. Semester Rechtswissenschaft studiert. Gerade zu Beginn dieser Zeit war die Umstellung auf eine reine Online-Lehre schwierig, da dies zum einen schwer und langsam umsetzbar war und eine zusätzliche psychische Belastung zur ohnehin bestehenden Angst vor der Pandemie darstellte. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr wurde die Online-Lehre wie auch die Pandemie zu einer Gewohnheit und stellte sich zum Teil als vorteilhaft heraus.
Insbesondere konnte man seine Zeit und auch seinen Lernort effektiver gestalten und war somit nicht mehr an die Universität ortsgebunden. Als Studierende, die bereits die Universität besucht hat, hatte ich den Vorteil, bereits die Menschen hinter den Kameras zu kennen und hatte die Möglichkeit auch außerhalb der Uni Lerngruppen zu bilden.
Nichtsdestotrotz hat sowohl die persönliche Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden, aber auch zu den Studierenden untereinander gefehlt. Der Austausch und der Vergleich mit anderen war nicht möglich und auch neue Kontakte zu knüpfen, ist in Zeiten der Pandemie so gut wie unmöglich. Durch das ständige Zuhause-Sein fehlte mir persönlich vor allem die räumliche Trennung zwischen Freizeit, Arbeit und Studium, da alles ineinander verwoben ist und ein „Abschalten“ nach dem Feierabend nicht wirklich möglich war.
Mittlerweile habe ich mein Studium beendet, das Examen wurde unter strengen Maßnahmen in Präsenz geschrieben. Eine Verabschiedung fand nicht statt, sondern das Zeugnis wurde per Post nach Hause geschickt. Dadurch fühlte sich das Studium zunächst gar nicht als abgeschlossen an und war ein ziemlich trauriger Abschied aus einer eigentlich wirklich schönen Studienzeit.
Hannah Gerke, 21, Leer
Mein Studium habe ich zum Wintersemester 2019 an der Hochschule Osnabrück begonnen. Am Campus Lingen studiere ich Kommunikationsmanagement und starte im März in mein sechstes Semester. Ich hatte ein Semester in Präsenz, bevor wir – gezwungen durch die Pandemie – in den Online-Modus wechseln mussten. Zu Beginn hieß es, dass das nur zwei Wochen andauern wurde, doch schon bald wurde die Online-Lehre auf unbestimmte Zeit verlängert.
Anfangs war das auch noch vollkommen in Ordnung, aber umso länger die Online-Lehre andauerte, umso anstrengender wurde es für mich persönlich. Immer nur die eigenen vier Wände zu sehen, Austausch mit Freunden und Kommilitonen ebenfalls nur online und teilweise keinen geregelten Tagesablauf mehr zu haben, weil die Routine fehlt, waren für mich nur einige der Herausforderungen. Gerade weil ich in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Lingen gewohnt habe, war es mir nicht wirklich möglich durch einen Raumwechsel von dem Studium abzuschalten. Zudem fiel es mir schwer, sich stundenlang auf einen kleinen Bildschirm zu konzentrieren. Technisch war ich auch nicht wirklich auf ein Online-Studium vorbereitet. Das Internet hat öfter mal in Vorlesungen versagt, sodass ich immer Angst hatte, wichtige Inhalte zu verpassen. Auch die drei Pflichtpraktika, die ich im Rahmen meines Studiums absolvieren muss, konnte ich durch die Pandemie nicht planmäßig angehen. Dadurch muss ich mein Studium verlängern, was noch einmal einen finanziellen Mehraufwand bedeutet.
Auch wenn ich im letzten Wintersemester wieder einige wenige Veranstaltungen an der Hochschule in Präsenz hatte und diese mir auch wieder durchaus mehr Spaß bereitet haben als die dauerhafte Online-Lehre, so hab ich doch das Gefühl, dass mir in den letzten zwei Jahren etwas verloren gegangen ist.