Gedenken

Soldatenfriedhöfe werden zu Lernstätten

Lambert Brand
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Von Lambert Brand
| 12.03.2022 13:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Namensziegel wurden von Jugendlichen vom Gymnasium Haren in der Gedenkstätte Oberlangen angebracht. Foto: Brand
Namensziegel wurden von Jugendlichen vom Gymnasium Haren in der Gedenkstätte Oberlangen angebracht. Foto: Brand
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Während des Zweiten Weltkriegs starben rund 20.000 Kriegsgefangene im Emsland. An sie wird auf Kriegsgräberstätten erinnert. Das sollen künftig nicht nur Orte der Trauer sein, sondern auch des Lernens und des Mahnens.

Esterwegen - Rund 20.000 Kriegsgefangene starben während des Zweiten Weltkriegs im Emsland. Sie wurden anonym beigesetzt – oft in Massengräbern. Hinzu kommen noch die Gefangenen, die in einem der 15 Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager im Emsland ums Leben kamen. An sie soll nun aktiver erinnert werden.

Diese Kriegsgräberstätten sind Orte des Gedenkens, der Trauer, aber auch des Lernens. Deshalb haben die Stiftung Gedenkstätte Esterwegen und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) Weser-Ems jetzt einen Kooperationsvertrag unterschrieben, in dem die Bildungsarbeit einen Schwerpunkt hat.

Viele osteuropäische Gefangene

Martin Koers leitet zusammen mit Dr. Sebastian Weitkamp die Gedenkstätte Esterwegen. Koers hob hervor, dass es im Emsland mit 15 Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager sowie neun separaten Begräbnisstätten eine hohe Dichte an Erinnerungsstätten gibt.

Auf den oft so bezeichneten „Russenfriedhöfen“ seien nicht nur russische Gefangene (67 Prozent), sondern auch weitere Soldaten der damals vereinten Sowjetunion wie der Ukraine (22 Prozent) und Belarus (zwei Prozent) beigesetzt worden. Dass sich jetzt diese Staaten untereinander im Kriegszustand befinden, überschatte den offiziellen Akt der Besiegelung der Kooperation, so Koers. Die Kriegsgräberstätten sollen künftig nicht nur Orte der Trauer sein, sondern auch des Lernens und des Mahnens. Jacqueline Meurisch und Johanna Knoop hatten vorgestellt, wie die künftige Zusammenarbeit aussehen soll. Meurisch ist die Leiterin der Gedenkstättenpädagogik der Stiftung, Johanna Knoop ist die Bildungsreferentin des Volksbundes.

Rundwege und Broschüren geplant

Im Rahmen eines einjährigen Projektes erhalten ehemalige Lagerfriedhöfe und heutige Kriegsgräberstätten neue Schilder, die den historischen Kontext zu der Kriegsgräberstätte umfassen und neue Forschungsinhalte wie Belegungszahlen und biografische Inhalte wiedergeben. Die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte lernen dabei die historischen Inhalte kennen. Dafür sind Projekttage, der Gedenkstättenbesuch und die Betreuung auf der Kriegsgräberstätte eingeplant. Broschüren sind ebenso geplant wie die Anlage eines Rundweges mit Informationen über die Standorte ehemaliger Lagerfriedhöfe und die heutigen Kriegsgräberstätten. Gemeinsam will man außerdem die Lehrerweiter- und -fortbildungen schwerpunktmäßig über Bedeutung der historischen Orte ausbauen.

Johanna Knoop vom Volksbund hob hervor, dass die Geschichts- und Erinnerungstafeln und Broschüren auch für „die erweiterte Öffentlichkeit und Touristen gedacht seien, um das Bewusstsein für die schlimme Vergangenheit der Stätten zu schärfen. Es sind die Friedhöfe der Emslandlager ebenso dabei wie Kriegsgräberstätten auf katholischen, evangelischen oder kommunalen Friedhöfen, die überwiegend mit deutschen Militärangehörigen und Zivilisten, aber auch mit Zwangsarbeitern bzw. Kriegsgefangenen beziehungsweise „Displaced Persons“ nach Mai 1945 belegt sind.

Die Aufgabe des Volksbundes

Wie Weser-Ems-Geschäftsführer Marco Wingert erklärte, ist der 1919 gegründete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine humanitäre Organisation, die im Auftrag der Bundesregierung verantwortlich ist für die deutschen Kriegstoten im Ausland. Dabei betreut er auf 832 Kriegsgräberstätten in 46 Ländern über 2,8 Millionen Gräber. Die Toten waren häufig Soldaten, es sind aber auch viele Zivilpersonen darunter. Im Inland hingegen ist der Volksbund nur in ganz wenigen Ausnahmen Friedhofsträger – hier sind dies hauptsächlich Kommunen sowie Kirchengemeinden. Die Lagerfriedhöfe wie in Esterwegen stehen in der Verantwortung des niedersächsischen Innenministeriums.

Im Bezirk Weser-Ems nimmt der Volksbund ein breites Spektrum an Aufgaben wahr. Dies ist zum einen die Bildungsarbeit rund um die rund 320 Kriegsgräberstätten vor Ort, auf denen über 30.000 Menschen bestattet wurden, die infolge beider Weltkriege oder der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft starben. Für die Projekte in den 17 Kreisverbänden steht die hauptamtliche Bildungsreferentin Knoop zur Verfügung, die sowohl Projekte direkt mit Schulen anbietet, sich aber auch mit Fortbildungsangeboten an Lehrkräfte wendet. Ein weiterer Schwerpunkt besteht in der Beratung von kommunalen und kirchlichen Friedhofsträgern in Fragen der Kriegsgräberfürsorge. Zudem ist der Volksbund aktiv in der Gedenk- und Erinnerungskultur. Dies bezieht sich vor allem auf den Volkstrauertag, der fast überall begangen wird.

Ehrenamtlich für den Volksbund aktiv

Eine ganz wesentliche Rolle spielt die Gewinnung und Betreuung von Ehrenamtlichen. Ohne sie wäre zum Beispiel die Haus- und Straßensammlung, durch die dringend benötigte Mittel eingenommen werden, nicht denkbar. Auch für Bildungsprojekte und Pflegeeinsätze ist das Engagement vieler engagierter Personen unverzichtbar. Die Arbeit des Volksbunds ist eingebettet in Kooperationen mit der Bundeswehr und dem Reservistenverband, zudem mit Landkreisen, Städten und Gemeinden sowie Gedenkstätten, Hochschulen und vielen weiteren Institutionen. Kreisvorsitzender des VDK ist Landrat Marc-André Burgdorf, der auch der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen vorsteht.

Das Projekt „Namensziegel – „Wir schreiben eure Namen“ wurde nach Angaben von Johanna Knoop bereits bei der Gedenkstätte Oberlangen zusammen mit dem Gymnasium Haren angestoßen und soll in weiteren Orten fortgesetzt werden.

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