Soziales

Der Stadt Leer gehen die Obdachlosen-Unterkünfte aus

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 09.03.2022 13:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Gebäude in der Eisinghausener Straße, in denen vor zwei Jahren noch Obdachlose untergebracht wurden, sind nicht mehr bewohnbar. Foto: Wolters
Die Gebäude in der Eisinghausener Straße, in denen vor zwei Jahren noch Obdachlose untergebracht wurden, sind nicht mehr bewohnbar. Foto: Wolters
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Die Stadt Leer muss Wohnungen anmieten, weil sie kaum noch eigene Obdachlosen-Unterkünfte hat. Für ein anderes Problem fühlt sie sich nicht zuständig – sehr zum Unwillen einiger Politiker.

Leer - Der Stadt gehen die Obdachlosen-Unterkünfte aus. Fünf „Schlichtwohnungen“, also Wohnungen mit minimaler Ausstattung und Größe, im Birkhahnweg hat sie im Bestand. Dort könnten bis zu zwölf Menschen untergebracht werden. Sieben Unterkünfte in der Eisinghausener Straße stehen seit 2020 allerdings nicht mehr zur Verfügung. Die Gebäude seien in einem so schlechten Zustand, dass sie nicht mehr bewohnbar seien, sagte der Erste Stadtrat Detlef Holz in der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses.

Was und warum

Darum geht es: Es gibt immer mehr obdach- und wohnungslose Menschen in Leer, aber immer weniger Unterkünfte für sie. Auch mit anderen Problemen bleiben viele von ihnen alleine.

Vor allem interessant für: alle, die sich fragen, wer sich um Menschen kümmert, die aus welchen Gründen auch immer, an den Rand der Gesellschaft gespült wurden

Deshalb berichten wir: Das Thema wurde in der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses diskutiert.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Vor anderthalb Jahren habe man in einem Zimmer einen Taubenschlag vorgefunden, Gänse und Ziegen seien ein- und ausgegangen, außerdem sei eine Wohnung „komplett zugemüllt“ gewesen. Er sei nach dem Ortstermin direkt nach Hause gefahren, um sich zu duschen so der Erste Stadtrat. Die Wohnungen wieder einigermaßen herzurichten würde rund eine Viertel Million Euro kosten, die Gebäude blieben dann trotzdem alt.

Vier Wohnungen als Notunterkünfte angemietet

„Eigentlich müsste man sie wegschieben“, sagte Holz. Aber ein Abriss würde einen schnellen Neubau unmöglich machen. Es müsste erst wieder ein langwieriges Bebauungsplanverfahren angestoßen werden. Deshalb habe er sich an die Jade-Hochschule in Oldenburg gewandt und vorgeschlagen, dass Architektur-Studenten kostengünstige Vorschläge entwerfen. „Ob der Vorschlag angenommen wird, weiß ich noch nicht.“

Nicht alle, die auf der Straße leben, wollen eine Wohung haben. Die Stadt ist nur für die zuständig, die unfreiwillig obdachlos sind. Symbolfoto: Dittrich/dpa
Nicht alle, die auf der Straße leben, wollen eine Wohung haben. Die Stadt ist nur für die zuständig, die unfreiwillig obdachlos sind. Symbolfoto: Dittrich/dpa

Die Stadt habe nun zur Überbrückung vier zusätzliche Wohnungen im Stadtgebiet als mögliche Unterkünfte für Obdachlose angemietet. Eine weitere solle in Kürze folgen. Von den nun neun Notunterkünften sind nach Auskunft der Stadt sieben mit insgesamt neun Personen besetzt.

Unterbringung gilt als Gefahrenabwehr

Wilfried Gastmann, Leiter der Ambulanten Wohnungshilfe, betonte, dass die Menschen, die zuletzt in den Unterkünften in der Eisinghausener Straße gewohnt hatten, psychisch krank seien. „Sie brauchen viel mehr Unterstützung, als sie bekommen haben. Das muss Thema sein, wenn da mal wieder Menschen wohnen.“ Anke Schlingmann (SPD) sah es ähnlich: „Die Eisinghausener Straße ist für Menschen, die Probleme haben, ziemlich weit weg von allem.“

„Das Ordnungsrecht sieht eine psychologische Begleitung nicht vor“, sagte dazu Andreas Mergelmeyer vom Sozialamt. Die Stadt müsse dafür sorgen, dass Menschen, die unfreiwillig obdachlos sind, eine Unterkunft bekämen. Dabei gehe es um die Beseitigung einer Gefahr, um mehr nicht. Das entspricht der gängigen Rechtsprechung. Unfreiwillige Obdachlosigkeit wird als eine Gefahr für die öffentliche Ordnung gesehen.

Politiker fordern Zusammenarbeit

Die Stadt sei zuständig für die Verwaltung der Obdachlosigkeit, alles andere sei Aufgabe des Landkreises, sagte Holz: „Natürlich können wir uns zusammensetzen. Wenn die Antwort des Landkreises dann aber Nein heißt, gehe ich wieder. Ich kann nicht die Probleme der Welt lösen, weil ich dafür nicht zuständig bin.“

„So redet sich jede Seite immer raus“, sagte Engeline Kramer (Grüne). „Es müssen sich mal Leute zusammensetzen. Ich als Mensch und als Ratsfrau kann diese Situation nicht akzeptieren.“ Für sie als Neuling sei es schwer zu verstehen, warum es nicht möglich ist, verschiedene Akteure für gemeinsame Projekte zusammenzubringen, sagte Katharina Birch (Grüne): „Dass der Bedarf da ist, ist ja keine Frage.“

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Es gehe nicht, dass sich niemand um die Menschen kümmere, die unter unwürdigen Bedingungen hausten, sagte auch Christina Stoye-Grunau (SPD): „Wenn die Menschen Hilfe brauchen, gebietet es der Anstand, dass jemand ins Boot geholt wird, der zuständig ist.“ Ein Beschluss oder einen Arbeitsauftrag für die Verwaltung gab es nicht.