Hamburg
Ole Specht: „Aus dem Ukraine-Krieg werden viele Lieder entstehen“
Vor dem Finale der Kika-Sendung „Dein Song“ spricht der Juror über Inspiration, seine Arbeit als Lehrer und mit der Band Tonbandgerät – und einen überraschenden Angelo Kelly.
Er ist der dienstälteste Juror, als „Dieter Bohlen von Dein Song“ möchte Ole Specht deshalb noch lange nicht bezeichnet werden. Vor dem Live-Finale des Songwriter-Castings an diesem Freitag (Kika, 19.05 Uhr) spricht der Sänger der Hamburger Band Tonbandgerät über die Vorzüge des Formats, seine Co-Juroren und seinen eigenen Werdegang.
Frage: Kennst du Robert Atzorn?
Antwort: Nein, sagt mir nichts.
Frage: Er hat den Lehrer Dr. Specht in der gleichnamigen ZDF-Familienserie gespielt.
Antwort: Ach so, ja! Dr. Specht kenne ich natürlich.
Frage: Du selbst bist auch als Lehrer aktiv.
Antwort: Ja. Bevor es mit der Musik losging, habe ich Deutsch und Politik auf Lehramt studiert. Dann habe ich in Hamburg mitbekommen, dass vielen Schulen die Lehrer weggebrochen sind. Da dachte ich, „das kann doch nicht sein, dass ich jetzt hier sitze und nichts zu tun habe und denen fehlen die Leute. Ich gehe in die Schule und mache was.“ Und genau das ist auch passiert.
Frage: Bist du denn immer noch in der Schule präsent?
Antwort: Weil das so behördliche Prozesse sind, bin ich immer noch ein bisschen da. Aber nicht mehr so lange, weil sich ja jetzt abzeichnet, dass es so langsam wieder losgeht. Ich merke auch bei der Musik, dass alles wieder anzieht und losgeht.
Frage: Wie sehr Pädagoge musst du als Juror bei „Dein Song“ sein, gerade auch, wenn es darum geht, jungen Songwritern das Ausscheiden beibringen zu müssen?
Antwort: Das war am Anfang das schwierigste für mich. Ich kann mich noch an die erste Staffel erinnern, da war ich so was von nervös, den Kindern zu sagen, dass sie nicht weiterkommen können. Man möchte den Kindern ja ein positives Gefühl auf den Weg geben. Da musste ich erst meine Tonalität finden. Mir ist es einfach unheimlich wichtig, dass man die Kinder bestärkt und ihnen sagt, dass sie Songwriterinnen und Songwriter sind.
Frage: Wie wichtig ist ein Format wie „Dein Song“ gerade auch in der Corona-Krise?
Antwort: Ich finde das unglaublich wichtig, toll und schön. Ich habe auch in der aktuellen Staffel gemerkt, dass die Kinder natürlich über Dinge schreiben, die sie gerade beschäftigen. Ich saß oft in der Jury mit einem Kloß im Hals, weil ich dachte: „Ja, genau! Das ist eine sehr gute Beobachtung, die du da gerade gemacht hast und ein tolles Gefühl, das du transportierst, was ich auch so kenne.“ Ich weiß, dass es eine ganz tolle Sendung ist und ich verstehe nicht, warum es das nicht im Erwachsenenbereich gibt. Eine Sendung, in der es nicht darum geht, wie du aussiehst, wie du tanzen kannst, wie toll du tanzen kannst. Sondern um Songwriting-Handwerk und, wer die besten Geschichten erzählen kann. Das finde ich so spannend, weil das so viel über die einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten verrät, dass ich jedes Mal ganz schön berührt von so einem Dreh nach Hause fahre.
Frage: Könntest Du Dir vorstellen, auch in der Jury eines klassischen Casting-Formats zu sitzen?
Antwort: Eher nicht. Immer, wenn ich den Leuten erzähle, ich mache bei einer Kinder-Casting-Show mit, sind die Leute erstmal sehr skeptisch. Was ich auch gut verstehen kann. Casting hat immer noch den Stempel „Alles für die Quote, alles überreizen“, und am Ende profitieren immer nur die Sender und nicht die Kandidatinnen und Kandidaten. Bei „Dein Song“ ist das echt anders. Da werden die Kinder einfach sehr ernst genommen. Nicht nur vor der Kamera, sondern auch hinter der Kamera. Die werden begleitet, auch nach der Sendung. Es ist total schön, was aus den Kandidatinnen und Kandidaten geworden ist. Die machen zum Teil immer noch sehr ernst Musik, aber auf einem schönen Weg. Die versuchen, sich langfristig etwas aufzubauen. Das ist der gesunde Weg. Wenn du wirklich Musiker werden willst, ist es ein guter Weg, sein Handwerk zu lernen und sich mit ähnlichen Leuten zu vernetzen.
Frage: Ist die Jury bei „Dein Song“ in ihren Entscheidungen frei oder wird gerade für die Zusammenstellung des Finales auch eine Mischung der Musikstile vorgeschrieben?
Antwort: Nein, gar nicht. Es geht nur um die Songs. Wir streiten schon auch doll und setzen uns für unterschiedliche Songs ein. Aber am Ende achtet man nicht darauf, ob man jetzt noch einen langsamen oder schnellen Song braucht. Es geht wirklich darum, welcher der stärkere Song ist.
Frage: Bist du denn für alle Genres offen oder gibt es einen Stil, bei dem du sofort abschaltest?
Antwort: Ich bin einfach echt ein richtig großer Musikfan. Ich kann mich für ganz, ganz viel begeistern. Vor allem, wenn ich das Gefühl habe, dass es aufrichtig ist und von Herzen kommt. Da gibt es dann keine Musikrichtung, die ich ausschließe und bei der ich sage „Oh ne, da hab ich jetzt aber keinen Bock drauf.“ Das einzige, was mir nicht so gefällt: Wenn ich das Gefühl habe, die Texte kommen nicht aus der eigenen Sprache. Gerade wenn Kinder Songs schreiben, merkt man das ziemlich schnell, wenn sie Wörter benutzen, die eigentlich nichts mit ihrer Sprachwelt zu tun haben. Das macht natürlich das Gefühl, das der Song transportieren will, kaputt.
Frage: Bist du bei deutschen Songs noch einmal kritischer?
Antwort: Das kann schon sein, weil ich da den Fokus noch ein bisschen mehr auf die Texte lege. Aber eigentlich nicht. Wenn ich merke, dass das Englisch jetzt nicht so gut ist, frage ich: „Wieso benutzt du es dann?“ Das ist ein Tipp, den man mal geben kann. Aber dass man einen richtig runden englischen Song schreiben kann, auch wenn es nicht die Muttersprache ist, haben schon viele Kandidatinnen und Kandidaten bewiesen.
Frage: Komponierst du selbst nach einem klassischen Muster? Kommt erst der Text oder fliegt dir erst eine Melodie zu?
Antwort: Ganz unterschiedlich. Wenn ich spannende Dinge mitbekomme, schreibe ich es in die Notiz-App meines Handys. 90 Prozent sind am Ende richtiger Müll, für den ich mich beim Lesen dann fast auch ein bisschen schäme. Aus dem interessanten Rest baue ich dann gerne um ein Wort, eine Idee oder Zeile herum den Text. Manchmal bin ich aber auch einfach in guter Stimmung und fange an, Gitarre zu spielen und in Fantasiesprache zu singen. Dann kommt der Text später.
Frage: Schreibst du denn lieber alle oder gemeinsam mit der Band?
Antwort: Ich schreibe viel, viel, viel lieber zusammen. Am allerliebsten mit unserer Gitarristin Sophia. Alleine zu schreiben kann zwar auch schön und befreiend sein, aber zusammen bestätigt man sich einfach viel schneller. Das ist auch das Tolle an einer Band. Ich komme in den Raum und sage: „Das ist eine Zeile, die finde ich gut.“ Und sie sagt: „Finde ich überhaupt nicht gut.“ Dann sage ich „Okay“ – und die Zeile ist weg und ich grübele nicht noch einen halben Tag darauf herum. Oder ich sage einen Satz und sie sagt: „Super, das machen wir!“ Dann habe ich gleich Selbstbewusstsein und denke, „das ist wirklich eine gute Zeile“ – und dann geht’s weiter. Das Hin- und Herschmeißen von Ideen und daraus Songs bauen macht mir beim Schreiben besonders Spaß. Aber es gibt natürlich auch Songs, die sollte man nur alleine schreiben.
Frage: Den Corona-Song „Wollt mich nur kurz noch bei dir melden“ hattest du aber alleine geschrieben?
Antwort: Ja. Ich hatte in der Schule eine erste Klasse, was ich ganz aufregend fand. Gerade, als wir uns aufeinander eingestellt hatten, ging der Lockdown los. Dann mussten die Kinder, die gerade erst gelernt hatten, wie das System Schule funktioniert, auf einmal wieder nach Hause und konnte ihre neu gewonnenen Freunde nicht mehr sehen. Das hat bei ganz vielen Kindern nicht gut funktioniert. Ich hatte das Gefühl, dass sie eine Angst entwickelt haben, von ihren Freunden und Lehrern vergessen zu werden. Das hat mich so traurig gemacht. Ich habe zu Hause Online-Unterricht vorbereitet und dachte, meine Klasse braucht jetzt mal ein positives Signal. Die muss jetzt mal hören, dass sie nicht vergessen und das alles auch irgendwann mal enden wird. Es war aber auch ein Song für mich und einer, den ich sehr schnell an einem Abend geschrieben habe. Weil er einen ganz klaren Empfänger hatte. Ich wollte ein Lied für meine erste Klasse schreiben und wusste ganz genau, was ich sagen möchte und wie es ankommen soll.
Frage: Hat deine Inspiration durch den Lockdown trotzdem gelitten?
Antwort: Am Anfang total. Ich habe mir die ganze Zeit die Frage gestellt: Wofür schreibe ich denn? Wir hatten damals die Band gegründet, um live zu spielen und zu sehen, wie die Songs ankommen. Dann zu Hause zu sitzen und alles wird nur noch abgesagt, das hat extrem auf die Motivationsbremse gedrückt. Es hat echt gedauert, bis ich wieder Ideen gesammelt und Songs geschrieben habe. Der Kindersong war dabei ein richtiger Knotenlöser, der mir wieder Spaß am Texten gebracht hat. Auch das Feedback hat sich dann gut angefühlt.
Frage: Beim letztjährigen Finale wurdest du wegen der Geburt deiner Tochter nur zugeschaltet. Ist dein eigenes Kind auch eine Inspirationsquelle?
Antwort: Auf jeden Fall! Es dreht sich ja auf einmal alles nur noch um das eigene Kind. Da muss man schon aufpassen, nicht in den „Daddy-Rock“ zu kommen. Für die Band ist daraus jetzt kein Lied entstanden, aber Ideen sind aus dieser Zeit auf jeden Fall gekommen.
Frage: War deine Tochter das erste „Band-Kind“?
Antwort: Ja, aber drei Monate später ist unser Schlagzeuger auch Vater geworden.
Frage: Hattest du vor Tonbandgerät schon eine andere Band?
Antwort: Ja, die hatte sich auch schon während der Schulzeit mit einem guten Kumpel gegründet. Wir haben auf Schulfesten gespielt, sind aber nie ins Studio gegangen. Die Band hatte auch einen Namen, aber der ist sehr doof.
Frage: Und zwar?
Antwort: Wir hießen „Die Ganoven“.
Frage: Kannst du dich an deine ersten musikalischen Schritte und Zeilen erinnern?
Antwort: Ich wurde in der zweiten Klasse für den Knabenchor gecastet. Bis zum Abitur habe ich dann immer wieder in Chören gesungen, auch während des Stimmbruchs. Das könnte auch sein, warum meine Stimme auch immer noch einigermaßen hoch ist. Mit 15 habe ich angefangen, Gitarre zu lernen und dann auch erst meinen ersten Song geschrieben, ein klassischer Break-up-Song. Mein Herz war gebrochen und der Schmerz musste raus. Der hätte es niemals bis ins Casting geschafft. Bei mir ging es echt später los als bei den meisten Kandidaten von „Dein Song“.
Frage: Neben Freundschaften thematisieren die Kandidatinnen und Kandidaten auch Krisen wie den Klimawandel oder drohende Kriege.
Antwort: Das Thema ist glaube ich gerade in allen unseren Köpfen. Überall unterhält man sich über den Krieg in der Ukraine, wie schrecklich das ist und sich für einen anfühlt. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass das nächstes Jahr auch in die Songs einfließen wird. Da werden viele Lieder entstehen.
Frage: Wie kam es, dass du Juror bei „Dein Song“ wurdest?
Antwort: Wir wurden mit Tonbandgerät als Songpaten angefragt. Da kannte ich die Sendung noch nicht. Wir waren dann alle total geflasht von der Produktion, wie hinter der Kamera mit den Kindern umgegangen wurde. Nach den Dreharbeiten habe ich der Produktionsfirma geschrieben: „Ich möchte Teil dieser Sendung sein. Ich finde das Konzept und die Arbeit mit den Kindern so toll. Mir ist es egal, ob ich vor oder hinter der Kamera dabei bin.“
Frage: Eine Initiativbewerbung.
Antwort: Genau. Und dann haben sie gesagt: „Na gut, wenn du da so Bock drauf hast, dann probieren wir das mal aus mit dir in der Jury.“
Frage: Im Finale bist du diesmal auch wieder live dabei?
Antwort: Ja, es ist kein zweites Kind unterwegs (lacht).
Frage: Mit „Deine Freunde“ ist eine Hamburger Band als Songpate dabei. Kennt ihr euch eigentlich?
Antwort: Nein, leider nicht. Ich finde es aber immer richtig witzig und gut, was die so machen. Ich habe totalen Respekt vor denen.
Frage: Mit welchem Jury-Mitglied verstehst du dich besonders gut?
Antwort: Ich mag alle sehr gerne. Angelo kannte ich vorher nicht. Er hat mich wahnsinnig positiv überrascht. Dafür, dass er so eine wahnsinnige Karriere hingelegt hat, ist er einfach so offen, freundlich und lustig. Er kann über sich selber lachen, er ist einfach ein richtig guter Typ. Lotte kannte ich schon aus der Hamburger Musikwelt, das war auch immer sehr nett mit ihr. Eva kannte ich vorher nicht. Das war sehr aufregend, weil ich damals ein ziemlich großer Juli-Fan war. Die ersten Songs, die ich an der Gitarre gecovert habe, waren Juli-Songs. Ich habe mich dann extrem gefreut, dass Eva so eine tolle Frau ist, mit der man auch viel Spaß haben kann. Es war echt lustig mit ihr im Casting.
Frage: Und wenn ihr euch bei den Urteilen dann doch mal kabbelt, sind das nur Neckereien unter Kollegen?
Antwort: Ja, dann geht es ja vor allem auch um die Songs. Das finde ich dann auch immer schön, dass es wirklich emotional hin- und hergeht, weil einem die Songs wichtig sind. Da ist man dann vielleicht unterschiedlicher Meinung und steht für die Songs ein. Aber es ist echt eine sehr gute, positive Stimmung.
Frage: Du warst vor deinem ersten Jury-Auftritt sehr aufgeregt. Hast du auch als Sänger noch Lampenfieber?
Antwort: Ja, auch jeden Fall.
Frage: Hast du Tipps dagegen?
Antwort: Das erste, was man sich sagen muss, ist, dass es absolut normal ist und es eigentlich jeder hat. Es ist ein sehr schönes Zeichen. Denn wenn du merkst, dass du Lampenfieber hast, dann bedeutet das, dass du das, was du gleich machen wirst, wichtig ist. Und das ist ja eine unheimlich schöne Erkenntnis. Dir ist ein bisschen flau im Magen, weil du es unbedingt gut machen willst. Weil du gleich eine Sache machst, auf die du dich gefreut hast und die du liebst. Dann hilft Atmen. Wenn du das Atmen vergisst, führt das zu Panik. Und versuchen, sich locker zu machen und vorzustellen, was als Schlimmstes passieren könnte. Und dann kommt man darauf, dass da eigentlich nichts passieren kann, was wirklich schlimm ist.
Frage: Also ist dir selbst auch noch nichts wirklich Schlimmes passiert auf der Bühne?
Antwort: Das passiert mir ständig! Dass ich einen Text-Hänger habe, falsch auf die Bühne gehe oder runterfalle. Aber ich habe gelernt, dass das eigentlich die schönsten Sachen sind, die auch das Publikum lustig und toll findet. Das ist halt live! Nicht dieses hundert Prozent Perfekte, sondern dass man merkt, dass irgendetwas echt ist. Ich bin mittlerweile total cool mit meinen Fehlern. Aber ich versuche natürlich trotzdem, keinen Text-Hänger zu haben. Wenn es dann nicht so funktioniert, dann entsteht daraus oft auch etwas ganz Schönes.