Kolumne Intern
Ukraine-Krieg: Was wahr ist und was nicht, wissen wir nicht
Russische Panzer vor Kiew, der Einsatz von in den meisten Ländern geächteten Streubomben, ukrainische Zivilisten, die den Invasoren entgegentreten. All das haben wir gesehen. Aber stimmt das alles?
Ich bin Jahrgang 1965, geboren 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, und habe 56 Jahre ohne Krieg erlebt. Ein Privileg, wie mir seit gut einer Woche klar ist. Seit einer Woche schaue ich so viel fern wie seit vielen Jahren nicht mehr und fresse geradezu die Berichterstattung über den Ukraine-Krieg in mich rein. Das Schicksal der ukrainischen Bürger, die Heimatliebe und der Freiheitswille der Menschen dort und die Entschlossenheit des Präsidenten, der mal TV-Komiker war, rühren mich zu Tränen.
Aber was genau passiert in der Ukraine, weiß ich nicht. Wie Sigmar Gabriel vor einer Woche in einem Radiointerview sagte: „Als erstes stirbt im Krieg die Wahrheit.“ Beide Seiten verbreiten Propaganda und Durchhalteparolen. Unabhängige Journalisten gibt es im Land viel zu wenige. Auch unsere öffentlich-rechtlichen Sender sind, wie diese Woche ein Mediendienst schrieb, „nur bedingt einsatzbereit“. Aufgrund der Gefahren haben oder hatten sie ihre Korrespondenten abgezogen.
„Bild“ hingegen hat vier Reporter ins Kriegsgebiet geschickt. Zwei von ihnen, darunter der Ostfriese Paul Ronzheimer, berichten live aus Kiew. Auch der „Spiegel“ hat fünf Reporter in die Ukraine entsandt. Rechnet man alle deutschen Medien zusammen, sind es vielleicht zwei Dutzend Journalisten, die vor Ort berichten. Viel zu wenige, um authentische Informationen aus so einem großen Land zu bekommen.
Zur Person
Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.
Nein, es geht bei meinem Bedauern nicht um Voyeurismus. Es geht darum zu wissen, was tatsächlich passiert. Es geht darum, ob Behauptungen (wie „die russischen Streitkräfte kommen nicht so gut voran, wie Putin erwartete“ oder „es werden verstärkt zivile Einrichtungen mit Raketen beschossen“) stimmen oder Propaganda sind. Es geht um eine realistische Einschätzung der Situation. Denn vieles, was Ex-Generäle oder sonstige Experten uns mitteilen, beruht lediglich auf unbestätigten Meldungen. Was wir wissen ist, dass Menschen sterben und Menschen flüchten, und dass wir ihnen helfen müssen. Das ist sehr viel - und doch sehr wenig.
Kontakt: j.braun@zgo.de