Berlin

„Ich möchte, dass der Krieg aufhört. Ich möchte nach Hause“

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 03.03.2022 18:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Foto: Rena Lehmann
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Der 13-jährige Eugen kommt mit seiner Familie aus Kiew in Berlin an. Und denkt an nichts anderes als an die Rückkehr nach Hause.

Eugen hatte am meisten Angst, als er am Bahnhof im Menschengedränge kurz seine Familie aus den Augen verlor. Das war vor zwei Tagen in der Ukraine. Der 13-Jährige wartet jetzt mit seiner Mutter, seiner Oma, seiner Tante, seinen Geschwistern und seinem erst zehn Tage alten Cousin im Hauptbahnhof von Berlin. Gestrandet nach einer schwierigen Entscheidung und einer langen Reise.

Das untere Stockwerk am Hauptbahnhof ist zum zentralen Ankunftsort für Tausende Flüchtlinge aus der Ukraine geworden. Menschen sitzen auf ihren Koffern, Helfer und Flüchtlinge verständigen sich mit Händen und Füßen, Berliner halten Schilder hoch: „Biete Unterkunft für Mütter mit Kindern.“ Dazwischen Stände mit Kleidern, Stände mit Lebensmitteln, Stände mit Informationen. Die gelb-blaue ukrainische Flagge weist Flüchtlingen den Weg durch den riesigen Bahnhof. Allein am Mittwoch kamen zwischen 3000 und 4000 Ukrainer hier an, es werden täglich mehr.

Etwas abseits des Getümmels steht Eugen mit seiner Familie und wartet auf den nächsten Zug. Sie möchten gerne über alles sprechen, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Oma Irina sagt als erstes: „Ich bin sehr glücklich, wie wir hier aufgenommen werden.“ Sie ist gerührt. Viel habe sie geweint in den letzten Tagen. Jetzt wieder.

Die Familie lebt in der Nähe von Kiew und wollte eigentlich nicht fliehen. Ihr Bruder und dessen Frau, die in Büren in Nordrhein-Westfalen leben, hätten sie überredet, die Ukraine zu verlassen. Das Paar ist jetzt da, um die Familie abzuholen. Sie sollen zu ihnen nach Büren kommen, in ihre Fünf-Zimmer-Wohnung, in der sie mit ihren Kindern leben. „Das geht schon, wir rücken zusammen“, sagt Irina, die den gleichen Vornamen trägt wie ihre Schwägerin aus der Ukraine.

Zwei große Koffer und ein paar Rucksäcke, mehr haben sie nicht dabei. Die Entscheidung zu fliehen, fiel kurzfristig. „Erst am Dienstag haben wir uns dazu entschlossen, weil es zu gefährlich wurde“, sagt Oma Irina. Ihr jüngstes Enkelkind Alex ist vor zehn Tagen, zwei Tage bevor die russische Armee die Ukraine angriff, geboren worden. Die Mutter sitzt mit dem schlafenden Säugling etwas abseits auf einer Stufe und stillt ihr Kind. Es ist ein friedliches Bild mitten im Tumult. Das Baby heißt Alex wie sein Vater, der Soldat ist und es nur ein Mal sehen konnte, bevor er die Familie verlassen musste, um sein Land zu verteidigen. Er ist 21 Jahre alt. Baby Alex hat noch nicht einmal eine Geburtsurkunde.

Mit Vater Alex stehen sie seither über Whatsapp-Nachrichten in Kontakt. „Er schreibt immer nur, dass es ihm gut geht und alles in Ordnung ist“, sagt die Oma. „Er will seine Frau mit dem Baby nicht beunruhigen, weil er Angst hat, dass sie dann vielleicht nicht mehr stillen kann vor Sorge.“

Der 13-jährige Eugen erzählt, dass er nur ein paar Kleider, etwas zu essen und seine Papiere eingepackt hat. Jetzt steht er in einer Bahnhofs-Passage in Deutschland. Er spricht ein bisschen Englisch. Wie es ihm jetzt geht? „Ich möchte, dass der Krieg aufhört, und ich will so schnell wie möglich wieder nach Hause kann.“ Seit mehr als einem Tag ist er jetzt mit seiner Familie unterwegs. Von Kiew sind sie über Polen nach Berlin mit dem Zug gereist, drei Mal umgestiegen. Fünf Stunden haben sie an der polnisch-ukrainischen Grenze gewartet.

„Bis Dienstag waren wir noch sicher: Wir gehen nirgendwo hin“, sagt die Oma. Sie hätten ja nicht gewusst, was als nächstes passiert. Und eigentlich wollten sie in der Ukraine bleiben. Es muss viele tränenreiche Telefonate mit den Verwandten in Deutschland gegeben haben. „Wir hatten solche Angst um sie, immer wieder haben wir gesagt, dass sie fliehen sollen.“ Irina Mertens und ihr Mann aus Büren sehen jetzt glücklich aus, ihre Verwandten aus der Ukraine um sich zu haben. Auch jetzt kann niemand von ihnen sagen, wie es weitergehen wird. Wer könnte das gerade?

„Aber sie sind in Sicherheit“, sagt die deutsche Irina. Die Mutter mit Baby Alex ist inzwischen zur Runde dazugekommen. Sie wirkt ganz ruhig, sagt nur leise auf Ukrainisch, dass sie sich jetzt viel sicherer fühle, endlich.

Der Krieg fühlt sich für sie alle noch unwirklich an, trotz aller bitteren Realität, der er für die Familie bedeutet. Sie schauen oft auf ihre Handys, um zu erfahren, was gerade in ihrer Heimat passiert. „Viele Menschen werden sterben. Das muss enden“, sagt Oma Irina. Die deutsche Irina sagt, dass sie sich die Bilder nicht mehr ansehen kann. „Es tut einfach zu sehr weh, zu sehen, wie alles zerstört wird.“ Sie alle finden es richtig, dass die Ukraine sich verteidigt, solange sie kann.

Sie müssen los, bald fährt ihr Zug ab nach Büren, es ist noch einmal sieben Stunden Fahrt. Sie fragen sich, wie lange sie wohl bleiben müssen. Vor allem Eugen.

Viele Familien werden wie die Nußbaums von Freunden oder Verwandten in Berlin abgeholt. Das macht es für sie gerade leichter. Andere warten in einer Nebenhalle auf eine Unterkunft in Berlin. Eine Frau mit ihrer Tochter und ihrer Mutter sitzt dort. Die Mutter ist alt und trägt ein Kopftuch. Ihr Blick geht ins Leere. Die drei sprechen weder deutsch noch englisch.

Freiwillige Helfer, die sich um sie kümmern, gibt es viele. Patty und Kat zum Beispiel. Die beiden jungen Frauen aus Berlin haben eine Kinderecke mit Malsachen und Bilderbüchern eingerichtet. Beide kamen spontan am morgen her, als sie hörten, dass Helfer gebraucht werden. Kat sagt: „Zuhause zu sitzen und sich vor der Situation zu fürchten, bringt keinem etwas. Hier kann ich etwas tun.“ Sie sagt, sie sei überrascht, wie gefasst und stark die geflüchteten Kinder seien. „Sie nehmen einfach ihr Gepäck und steigen in den nächsten Zug.“ Kat und Patty wollen morgen wiederkommen.

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