Tiere

Tierschützer regen sich über Exporteure auf

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 03.03.2022 14:43 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Tiertransporter im spanischen Hafen Algeciras warten auf die Überfahrt nach Marokko. Foto: Jo-Anne McArthur/Eyes on Animals
Tiertransporter im spanischen Hafen Algeciras warten auf die Überfahrt nach Marokko. Foto: Jo-Anne McArthur/Eyes on Animals
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Der Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter fühlt sich wegen seiner Tiertransporte in Drittländer zu Unrecht angegriffen. Tierschützer regen sich nun wiederum über Aussagen der Verantwortlichen auf.

Aurich - Im Vorfeld einer in Aurich geplanten Demo gegen Tiertransporte in Drittländer wie Marokko und Russland hatten Verantwortliche des Vereins Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST) sich kürzlich auf Anfrage unserer Redaktion gegen Kritik verteidigt. „Wir fühlen uns zu Unrecht an den Pranger gestellt“, sagte Geschäftsführer Cord-Hinnerk Thies. Aussagen der VOST-Verantwortlichen stoßen nun wiederum bei Tierschützern auf Unverständnis. Die Agrar-Ingenieurin Ina Müller-Arnke aus Celle, die als Nutztier-Expertin bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten angestellt ist, hat sich deshalb an die Redaktion gewandt. Sie hatte über die Organisatoren der Demo vom Artikel erfahren und nennt etwa die Aussage von VOST-Exportleiter Frank Tholen, dass alle Fahrzeuge zu jedem Zeitpunkt auch von Kontrollbehörden überprüfbar seien, „schlicht falsch“.

Stattdessen richtig sei: „Es gibt ab Verlassen der EU keinerlei Kontrolle einer EU-Behörde im Drittland. Ebenso wenig gibt es eine Zertifizierung von Versorgungsstationen in Ländern außerhalb der EU. Demnach gibt es auch keine Adressliste mit solchen Stationen außerhalb der EU, obwohl eine regelmäßige Abladung zum Ausruhen der Tiere nach 29 Stunden Fahrt vorgeschrieben ist, bevor es weitergeht“, so Müller-Arnke.

„Auch die Futterversorgung ist nicht sichergestellt“

Die in der Regel trächtigen Tiere würden zum Beispiel von Tanger bis Laayoune in der Westsahara über 1400 Kilometer „über rumpelige Schotterpisten und ohne Ruhestationen bis an den Zielort in der Wüste gekarrt. Dort ist es im Sommer extrem heiß und es mangelt an Wasser. Da Hochleistungsrinder an heißen Tagen über 100 Liter Wasser am Tag benötigen, ist der Aufbau von Zuchtpopulationen in diesen Ländern das nächste Märchen, was uns aufgebunden wird“, behauptet Müller-Arnke. „Auch die Futterversorgung ist nicht sichergestellt, denn wo es wenig Wasser gibt, da mangelt es an Gras und somit an Heu oder Silage, was für eine artgemäße Fütterung eines Rindes jedoch die Grundvoraussetzung ist.“ Zudem seien die Rinder gar nicht an die trockene Hitze angepasst und litten darunter.

Entsprechend würden die Tiere „eine Weile gemolken und enden dann alsbald im Verkauf auf Viehmärkten, wo sie brutal auf schrottreife Transportpritschen geprügelt werden. Die Schlachtung aller Rinder dort geschieht auf brutale Weise ohne Betäubung“, fügt sie an. All dies rede der VOST schön. „Hauptsache, das Geld fließt.“ Die VOST-Vertreter hatten hingegen nachdrücklich betont, dass ihre hochwertigen Zuchttiere in Marokko zum Aufbau von Herden in gut geführten Milchbetrieben genutzt würden.

VOST sieht sich auf der guten Seite

VOST-Geschäftsführer Cord-Hinnerk Thies bestreitet das und sagt: „Tiere, die wir dorthin liefern, sind vor allem schwarzbunte Holstein-Rinder. Hochleistungskühe. Die kommen in moderne Ställe, werden zur Milchproduktion genutzt und das für viele Jahre. Die Tiere sind ein Investitionsgut, bei dem die Kunden etwa in Marokko sehr hohe Anforderungen an die erwartbare Leistung und Abstammung stellen.“ Um als Schlachttiere geschächtet zu werden, seien die hochwertigen Zuchttiere auch zu teuer, das könne sich auf marokkanischer Seite gar nicht rechnen, argumentierte Thies. Die Kunden des VOST seien „keine Glücksritter“ und man gebe selbst alles, um den Tieren einen guten Transport zu ermöglichen. Der VOST fühle sich „zu Unrecht an den Pranger“ gestellt.

Thies hatte, um die aus seiner Sicht akribische, saubere Durchführung der Transporte zu illustrieren, auch gesagt: „Man kann genauso gut mit dem Flieger nach Marokko reisen wie mit dem Laster, mit uns.“ Agrar-Ingenieurin und Tierschützern Müller-Arnke regt dies auf: „Es ist mir unmöglich zu verstehen, wie ein Mensch eine solche Aussage treffen kann, wohl wissend, dass sie die Leiden der Tiere verhöhnt.“ Sie gibt sich überzeugt, „dass der VOST Tiere nur als Produkt und nicht als fühlende Lebewesen sieht“. Wobei sie noch viel mehr aufrege, „dass der VOST so agieren darf, weil die Politik sich immer wieder gescheut hat, dem einen Riegel vorzuschieben“.

„Aussagen machen mich fassungslos“

Zuletzt hatte Deutschland im Juni gemeinsam mit Luxemburg und den Niederlanden im Europarat ein Verbot solcher Lebendtransporte in Drittländer gefordert. Am Ende entschied man sich in Brüssel dafür, die Regeln zwar zu verschärfen und für Sperma- und Fleisch-Lieferungen statt lebender Tiere zu plädieren. Ein Verbot wurde nicht ausgesprochen.

Auch Diedrich Kleen, der in Wiesmoor für die Tierschutzpartei im Stadtrat sitzt und die Demo federführend mitorganisiert, hat auf die Aussagen reagiert: Die Aussagen der VOST-Verantwortlichen „machen mich fassungslos. Man muss diese Aussagen mehrfach lesen, um festzustellen, dass sie dort wirklich so stehen“, sagte er. Tiertransporte in einem Laster vom VOST mit einer Flugreise gleichzustellen zeige, „was für ein Respekt hier gegenüber den Tieren vorherrscht“. Die Verantwortlichen betrachteten die Tiere wie Ware und behandelten sie so. „Die Aussage ,Am besten ist, wenn der Kunde zurückkommt und nicht das Produkt‘ unterstreicht diese Einstellung. Wie sollten denn die Tiere zurückkommen?“, fragt Kleen.

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