Frankfurt am Main
„Jedermann“: Hugo von Hofmannsthal - das ganze Werk des Literaturgenies
Mehr als ein halbes Jahrhundert haben sie geforscht und geschuftet, die Literaturwissenschaftler im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt am Main. Jetzt ist sie fertig, die ultimative Werkausgabe Hugo von Hofmannsthals. Herausgeberin Katja Kaluga erklärt, warum das Mammutprojekt ein Meilenstein ist.
„Jeeedermann, Jeeedermann!“: In jedem Sommer schallt es über den Salzburger Domplatz, wenn der Schöpfer seine Kreatur zum Sterben ruft. „Jedermann“: Das Theaterstück von der Prasserei, der Wollust und der Endlichkeit ist die Signatur der Salzburger Festspiele und Thema in den Klatschspalten, wenn darüber diskutiert wird, wer die Hauptrollen spielt – Lars Eidinger oder Tobias Moretti als Jedermann, Veronica Ferres oder Sophie Rois als Buhlschaft, Michael Degen oder Ben Becker als Tod, um nur Beispiele aus einer langen Reihe prominenter Darsteller zu nennen. Einer bleibt dabei im Hintergrund: Hugo von Hofmannsthal, Autor des „Jedermann“ und neben dem Komponisten Richard Strauss und dem Theatermacher Max Reinhardt 1920 Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Jetzt aber fällt das Licht vollkommen auf ihn: Die große Ausgabe seiner sämtlichen Werke ist endlich fertig. Nach 55 Jahren.
40 Bände, 1100 Werke und Werkpläne auf 28500 Druckseiten: Wie fühlt sich jemand, der dieses Mammutprojekt mit gestemmt hat? „Ich habe sehr, sehr tief durchgeatmet, als der letzte Band fertiggestellt war“, sagt Katja Kaluga, Redakteurin am Freien Deutschen Hochstift und einer der Mitherausgeberinnen der Kritischen Werkausgabe. „Als 1965 die Ausgabe projektiert wurde, hatte der Autor einen völlig anderen Stellenwert, auch in der Leserschaft“, blickt die promovierte Germanistin Kaluga auf die Anfänge eines Projektes zurück, das in die Zeit vor ihrer Geburt zurückgeht. Damals fanden sich viele Partner zusammen, die Familie Hugo von Hofmannsthals, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die das Projekt bis 2008 mitfinanzierte, und der S. Fischer-Verlag. Für die 2019 verstorbene Verlegerin Monika Schoeller war die Ausgabe ein Herzensanliegen. Zuletzt unterstützten vor allem die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und mehrere Stiftungen die Arbeit an der Ausgabe.
„Die Ausgabe deckt wirklich alles ab, was es von Hofmannsthal in gedruckter Form oder als Aufzeichnung gibt, vom Jugendlichen, der mit elf Jahren seine ersten Gedichte schreibt, bis zu den letzten Texten vor dem Tod des Autors“, umreißt Katrin Kaluga den Bogen der nach Werkgruppen gegliederten Ausgabe. Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), das ist das literarische Wunderkind, das unter dem Künstlernamen Loris als Gymnasiast in die Literaturszene der österreichischen K.uK.-Monarchie eingeführt wird. Das ist der reife Autor von Gedichten, Dramen, Erzählungen und der nach heutigem Verständnis Kulturmanager, der die Vision der Salzburger Festspiele mit formt – als einem Ort der Kunst, die einer vom Ersten Weltkrieg traumatisierten Gesellschaft mit Erlebnissen der Schönheit mental wieder aufhelfen soll.
Der Sprachkünstler Hugo von Hofmannsthal steht selbst für höchste Perfektion. Sein 1911 uraufgeführtes Drama „Jedermann“, das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, wird seit 1920 ununterbrochen bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Sein 1902 publizierter „Brief des Lord Chandos“ ist bis heute als Gründungsdokument der literarischen Moderne berühmt. Hugo von Hofmannsthal macht in dem Text das Erlebnis der Sprachkrise zum Thema. Die Worte und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit, die Möglichkeit, überhaupt literarische Texte zu schreiben – kaum ein anderer Autor hat diese Fragen so gründlich durchdacht, so schonungslos formuliert wie der Literaturästhet Hofmannsthal. Der schrieb nicht nur bis heute gelesene Gedichte, Erzählungen wie „Reitergeschichte“ oder „Das Märchen der 672. Nacht“ und Theaterstücke wie „Der Tor und der Tod“. Hofmannsthal bleibt vor allem auf den Opernbühnen präsent. Ob „Der Rosenkavalier“, „Elektra“, „Arabella“ oder „Die Frau ohne Schatten“ – Hugo von Hofmannsthal verfasst die Libretti, die Texte, praktisch aller großen Opern von Richard Strauss.
Katja Kaluga jedoch blickt nicht nur zurück. Sie sieht in Hugo von Hofmannsthal vor allem den Vorläufer der zeitgenössischen Literatur. Der Vielschreiber hatte mit Schreibkrisen zu kämpfen, setzte oft an, verwarf Projekte, sagte Schreibaufträge wieder ab. Hofmannsthals Werk bietet sich aus heutiger Sicht als ausladendes Delta der Texte dar, die nun erstmals vollständig dokumentiert sind. „Sein Werk war ständig in Bewegung“, sagt Kaluga über den Schriftsteller, der selbst einmal bekannte: „Ich verließ jede Form, bevor sie erstarrte“. Die neue Ausgabe bietet nun, was einem sehr zeitgenössischen Verständnis von Literatur entspricht: keinen Kanon bloßer Werke, sondern Textgestalten in unablässiger, produktiver Bewegung. Dieser Zugang zu einem großen Werk der literarischen Moderne ist neu.
Für das Freie Deutsche Hochstift, das neben dem Goethe-Haus auch das erst unlängst eröffnete Romantik-Museum betreibt, geht ein Großprojekt zu Ende. Die Forschungseinrichtung beherbergt den überwiegenden Teil des Nachlasses von Hugo von Hofmannsthal. Mit der Edition setzt das Hochstift auch deshalb ein Zeichen, weil Editionsvorhaben von dieser Größe und Ambition selten geworden sind. Nach den Worten von Katja Kaluga soll die Ausgabe jetzt digitalisiert werden. Wann dieses Projekt angegangen werden kann, ist aber noch offen. Für 2024 steht erst einmal der 150. Geburtstag des Dichters an. Die 40 Bände der über ein halbes Jahrhundert erarbeiteten Ausgabe sind rechtzeitig fertig geworden. Im letzten Band findet sich auch Hofmannsthals Vortrag „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“. Mit der ultimativen Hofmannsthal-Ausgabe ist nichts weniger ausgemessen als genau das, was allen offensteht: ein geistiger Raum.