Kolumne: Alles Kultur
Make Love not War
An sechs Tagen pro Woche veröffentlichen wir auf unserem Online-Auftritt eine Kolumne. Montags geht es immer um Kultur.
Berlin ist nicht nur für eine Großstadt ziemlich grün, sondern vor allen Dingen auch ganz schön bunt. Kaum eine Hauswand ist bei uns clean – Graffitis überall. Wir haben unser Haus sogar einmal in einer TV-Serie am Graffiti erkannt. Es ist zugegebenermaßen kein besonders schönes, doch irgendwie haben wir es schon liebgewonnen, weil wir es immer zum Taxifahrer sagen, damit er weiß, an welchem Haus er halten muss.
Zur Person
Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.
Sobald ein Haus eingerüstet ist, fangen die ersten Sprayer an zu klettern und die Graffitis sind nicht mehr nur auf Augenhöhe. Eine Hauswand in unserem Kiez in Moabit wird besonders oft fotografiert und die Bilder mir häufig auf Social Media angezeigt, weil es so eindrücklich ist. Ein Junge trägt einen Elefanten mit zerbrochenen Stoßzähnen auf dem Arm und daneben steht in drei Sprachen; „Solange Du aufrecht stehst, unterstütze die, die Dich brauchen.“ Und wenn ich die Treppe hochlaufe, um am Westhafen zur Ringbahn zu kommen, begegnen mir sich fast überlagernde gesprayte Botschaften von „Leave no one behind“ bis „Make Love not War“.
Heute ist der 24. Februar und ich finde, das muss ich einmal schreiben. Nicht etwa, weil ich diese Kolumne tatsächlich mal nicht nach Redaktionsschluss einreiche, sondern aus einem ganz anderen Grund. Alles in mir möchte wollte heute über die heutigen Angriffe schreiben. Über die Angst, die in mir kaum zu ertragen ist, meine Sprachlosigkeit und Ohnmacht. Doch das hier ist eine Kulturkolumne. Ich hoffe, dass ich hier niemals über eine deutsche Kriegskultur schreiben muss.
Ich hoffe, dass Canan Topçu nicht über Verletzungen der Menschenwürde hier im Land, Fabian Scherschel über Cyberwar und Manuel Goldenstein darüber schreiben muss, dass sie bald ganz andere Einsätze fahren müssen und Dieter Weirich nicht darüber, ob Krieg die klarste aller Kanten aber auch die schrecklichste ist. Und ich hoffe, dass Joachim Braun nie Angst um seine Mitarbeitenden haben muss, weil sie bei uns von Kriegsschauplätzen berichten müssen. Ich bin keine Schwarzmalerin. Doch heute ist mein Herz ganz schwer. Denn es fühlt sich nicht nur nah an, der Krieg ist verdammt nah.
Kontakt: kolumne@zgo.de
Chapeau!
Die Perlen aus dem Radio
Darüber spricht man nicht
Frauen – Leben – Freiheit