Osnabrück

Angriff nach Drehbuch: Putin setzt in der Ukraine auf den Schockeffekt

Thomas Ludwig
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Von Thomas Ludwig
| 24.02.2022 17:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Rauch steigt nach einem Angriff von einer ukrainischen Luftabwehrbasis nahe Mariupol auf. Foto: picture alliance/dpa/AP
Rauch steigt nach einem Angriff von einer ukrainischen Luftabwehrbasis nahe Mariupol auf. Foto: picture alliance/dpa/AP
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Wie lange kann die ukrainische Armee dem russischen Angriff standhalten? Nicht lange, sagen Militärexperten. Putin setze auf Demoralisierung und suche eine schnelle Entscheidung.

Bereits wenige Stunden nach dem Beginn der Angriffe auf die Ukraine teilte die russische Armee mit, man habe die ukrainische Luftabwehr sowie Luftwaffenstützpunkte der Ukraine zerstört. „Die militärische Infrastruktur der Luftwaffenstützpunkte der ukrainischen Streitkräfte wurde außer Gefecht gesetzt“, zitierten russische Nachrichtenagenturen das Verteidigungsministerium.

Sollte eine ukrainische Gegenwehr gegen den Vorstoß Moskaus tatsächlich so schnell im Keim erstickt werden können?

Militärisch könne es die Ukraine mit Russland nicht aufnehmen, sagte der Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri unserer Redaktion. Militärisch sei ein Krieg für Kiew nicht zu gewinnen. Erste Vorstöße der russischen Armee scheinen ihm Recht zu geben. Sie geht mit Präzisionswaffen vor allem gegen die militärische Infrastruktur, Einrichtungen der Luftabwehr und Flugplätze vor. Parallel dazu laufen gezielte Hackerangriffe auf Computernetzwerke landesweit.

„Der gesamte Einmarsch lief nach einem Drehbuch. Man hat erst das Gefechtsfeld in der Nacht durch Cyberangriffe vorbereitet. Man hat versucht die ukrainischen Kommandostrukturen mit Hilfe von weitreichenden Raketen und Artillerie zu zerstören. Und dann kam es zu einem kombinierten Ansatz an mehreren Stellen“, sagt Oberst Markus Reisner, Forscher an der Militärakademie Wiener Neustadt. Ziel sei es, einen Schockeffekt herzustellen und so die ukrainischen Soldaten zu demoralisieren und die Handlungsfähigkeit der Armee einzuschränken. „Man sucht eine schnelle Entscheidung“, betonte der Militärexperte im Sender Puls 24.

Tatsächlich haben Waffenlieferungen aus dem Ausland die Schlagkraft der ukrainischen Armee in den vergangenen Jahren zwar deutlich erhöht; inzwischen verfügt sie unter anderem über TB2-Kampfdrohnen des türkischen Herstellers Bayraktar sowie britische und US-Panzerabwehrraketen.

Ein Großteil der Waffen besteht aber immer noch zu großen Teilen aus zwar erneuerten, aber veralteten Systemen aus sowjetischen Beständen. Militärexperten hatten schon im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Luftabwehr und die Marine die Schwachstellen der ukrainischen Armee seien.

Sollte Russland seine Kräfte in voller Stärke einsetzen, habe die Ukraine dem wenig entgegenzusetzen, sagt Oberst Reisner. Die russischen Streitkräfte würden massiv Artillerie- und Raketensysteme einsetzen, die in einer Qualität verfügbar sind, die nicht einmal westliche Armeen hätten.

Wenn die Einsatzführung der russischen Seite durch die erfolgten „Enthauptungsschläge“ derart effektiv sei, dass es zu einer Demoralisierung der ukrainischen Streitkräfte komme, dann ließen sich mit relativ wenigen Truppen relativ rasch große Geländegewinnen erzielen. Wie lange die ukrainische Seite Widerstand leisten könne, sei derzeit nicht abzusehen.

Vergleicht man die Militärstärke der Ukraine mit der von Russland, so zeigt sich eine klare Überlegenheit auf Seiten Russlands. Derzeit beträgt die Truppenstärke Russlands laut Statista Research Department mit rund 850 000 aktiven Kräften mehr als das Vierfache der Ukrainischen. Auch hinsichtlich der Ausstattung mit Militärfahrzeugen wie Panzern, Raketenwerfern oder Kampfflugzeugen gewinnt Russland den Vergleich mit seinem Nachbarn deutlich.

Daran wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Seit 2014, dem Jahr der Krim-Annektion, hat Kiew mehr als zwei Milliarden Dollar aus den USA für Rüstung erhalten. Die Militärausgaben haben sich laut den Zahlen des Friedensforschungsinstituts Sipri fast verdoppelt: 2020 gab die Ukraine demnach umgerechnet knapp sechs Milliarden Dollar aus, was gerade mal einem Zehntel der Ausgaben Russlands entspricht.

Auch der Personalbestand wurde erhöht und soll gemäß einem neuen Dekret von Präsident Wolodimir Selenski bis 2025 um 100 000 Mann anwachsen. Ob es nach dem russischen Militärschlag dazu überhaupt noch wird kommen können?

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