Osnabrück

Imponderabilien: Das richtige Wort für alle, die beeindrucken möchten, ohne etwas zu sagen

Stefan Lüddemann
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Von Stefan Lüddemann
| 24.02.2022 11:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Foto: Stefan Lueddemann
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Alte Wörter: In der Sprachkolumne „Wortklauber“ geht es Sprachschätze, die in Gefahr sind, verloren zu gehen. Das Wort heute: Imponderabilien.

Es gibt solche und solche, nicht nur bei den Menschen, auch bei den Wörtern. Es gibt Wörter, die fallen so sehr auf wie eine Ente auf ihrem Gelege, nämlich gar nicht. Und es gibt Wörter, die schlagen ein Pfauenrad. Imponderabilien: Das ist so ein Wort. Es klingt nicht nur imposant, es wird obendrein auch nur im Plural benutzt. Dieses Wort tönt und klingt mächtig – und zugleich ein wenig hohl. Denn es bedeutet, allem Imponiergehabe zum Trotz, herzlich wenig, ja eigentlich nichts. Imponderabilien: Das sind all jene Dinge, die man schlechterdings nicht greifen kann. Das vor lauter Vokalen nur so lärmende Wort meint nichts Anderes und als das, was mit einem langweiligen Wort auch bezeichnet wäre: Unwägbarkeiten.

Wer gespreizte, gestelzte, gedrechselte Sprache mag, der kann von dem Wort Imponderabilien nicht lassen. Denn mit diesem Wort lässt sich alles und nichts sagen. Diese inzwischen recht angestaubte Vokabel klingt nicht nur pompös, sie setzt auch alle in Verlegenheit, die sich auf ihre Bedeutung nicht gleich einen Reim machen können. Wer so gewählt zu sprechen vermag, der muss schon etwas vorstellen, oder? Das Wort Imponderabilien steht in jedem Satz so sperrig wie ein klobiger Schrank. Und es imponiert, ohne einen Sinn vermitteln zu müssen. Im Gegenteil: Den Imponderabilien geht ja gerade jede fassbare Bedeutung ab. Wie praktisch für alle, die beeindrucken wollen, ohne sich festlegen zu müssen.

Die Zeit, in der Imponderabilien noch etwas vorstellten, liegt lang zurück. Im 18. Jahrhundert sprachen Wissenschaftler von Imponderabilien, wenn sie jene unfassbaren Stoffe bezeichnen wollten, aus denen sich für sie Elektrizität und Licht zusammensetzten. In der Vokabel steckt das lateinische Wort „pondus“ für Pfund. In der Folgezeit verflüchtigte sich der Sinn dieser Vokabel. Sie verflachte zum Passepartout für alles, was sich nicht fassen lässt. Imponderabilien: Das ist das Wort, das einem die Freiheit lässt, alles meinen, aber nichts begründen zu müssen. „Teubner stützt sich auf Imponderabilien und lehnt Antwort auf meine Frage ab“: Dieser Satz aus Victor Klemperers Tagebuch sagt alles. Weg also mit Sprachplunder wie den Imponderabilien.

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