Hamburg

Ist es ok, kein Trinkgeld zu geben?

Katharina Preuth
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Von Katharina Preuth
| 23.02.2022 14:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das Aufrunden gehört im Restaurant zum guten Ton. Doch sollte durch den Anstieg des Mindestlohns das Trinkgeld entfallen? Foto: imago images/Ralph Peters
Das Aufrunden gehört im Restaurant zum guten Ton. Doch sollte durch den Anstieg des Mindestlohns das Trinkgeld entfallen? Foto: imago images/Ralph Peters
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Es gibt Situationen, in denen die meisten Menschen Trinkgeld geben, etwa im Restaurant oder im Taxi. Doch ist es in Ordnung, darauf zu verzichten, schließlich gibt es den Mindestlohn?

Während des Studiums habe ich in einem Café gearbeitet, dort habe ich 6,50 Euro in der Stunde verdient. Nach einigen Monaten gab es eine Gehaltserhöhung von 15 Cent. Trotz des beinahe schon lächerlich geringen Lohns habe ich den Job nicht gekündigt. Der Grund? Es gab viel Trinkgeld. Je nach Wochentag und Schicht habe ich meinen Stundenlohn damit gut bis sehr gut aufgestockt. Das Extrageld habe ich einkalkuliert.

Seit dieser Erfahrung gebe ich viel Trinkgeld, oft mehr als die üblichen zehn Prozent. Im Corona-Lockdown bin ich dazu übergegangen, der geschundenen Gastronomie auch für To-Go-Kaffee extra Geld ins Sparschwein zu stecken. Doch wo verläuft die Grenze? Beim Kaffeestand auf dem Wochenmarkt runde ich großzügig auf, beim Obst und Gemüse nebenan nicht. Beim Frisör gebe ich Trinkgeld, im Supermarkt komme ich nicht einmal auf die Idee.

Müsste ich nicht jedem weniger gut bezahlten angestellten Dienstleister Geld zustecken? Aber ist das meine Aufgabe? Abgesehen davon, dass ich irgendwann an meine finanziellen Grenzen komme, bin ich dafür nicht verantwortlich.

Es muss sichergestellt sein, dass jeder Vollzeitbeschäftigte von seiner Arbeit leben kann und nicht auf Geld, das ihm zugesteckt wird – oder auch nicht – angewiesen ist.

Als Kellnerin war ich von der Gunst der Gäste abhängig: Waren sie spendabel, bekam ich mehr Geld für die gleiche Arbeit, als an Tagen, an denen nur knausrige Menschen ins Café kamen. Nach beiden Tagen taten mir abends die Füße weh vom vielen Laufen.

Es gibt die Diskussion, ob großzügiges Aufrunden prollig ist und Verdienstunterschiede deutlicher macht. Klar, gibt es Menschen, bei denen wirkt es gönnerhaft, wenn sie sagen: „Stimmt so“. Aber das hat mehr mit der jeweiligen Grundeinstellung zu tun, als mit dem Trinkgeld geben an sich. Wer Kellnern oder Taxifahrern auf Augenhöhe begegnet, kann für erbrachte Dienste extra Geld geben, ohne überheblich zu sein.

Es ist dennoch nicht die Aufgabe des Einzelnen für eine gerechte Lohnarbeit zu sorgen, das liegt bei der Politik. Seit dem 1. Januar 2022 beträgt der Mindestlohn in Deutschland 9,82 Euro. Nach einem Gesetzentwurf des Bundesarbeitsministeriums soll er 2022 noch auf 12 Euro steigen. Damit würden Angestellte fast doppelt so viel verdienen, wie ich als Studentin – gut so.

Reich wird damit niemand, aber sollte das Trinkgeld entfallen? Da es auch bislang eine freiwillige Zahlung war, liegt es weiterhin in der Hand des Gastes. Was aber hoffentlich entfällt, ist das schlechte Gewissen, wenn ich nur das zahle, was auf der Rechnung steht, weil ich vielleicht kein Kleingeld habe, Trinkgeld nicht über die Kartenzahlung abgerechnet werden kann - oder ich mit dem Service unzufrieden war.

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