Pye

Darum hat diese Osnabrücker Grundschule keine Angst vor Omikron

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 23.02.2022 11:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Lehrer Rolf Kindermann Foto: Stefanie Witte
Lehrer Rolf Kindermann Foto: Stefanie Witte
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Viele Lehre und Eltern sind vorsichtig bis alarmiert: Wie gefährlich ist die Pandemie für Schüler und Pädagogen? Tut die Politik genug? Der Alltag in den Schulen sieht jedoch häufig anders aus. Eine Grundschule macht es vor.

Mit der ganzen Kraft, die Grundschüler-Arme hergeben, schlagen sie auf ihre Trommeln, springen, klatschen, singen und lauschen: Eine Osnabrücker Grundschule hat Mitte Februar etwas gewagt, woran die meisten Lehrer und Eltern im Land wahrscheinlich noch nicht einmal denken. Zum Abschluss einer Projektwoche zum Thema Afrika kamen alle rund 100 Schüler in der Turnhalle zusammen, um gemeinsam zu trommeln, imaginäre Pfeile in die Luft zu schießen und Geschichten über Gleichberechtigung und Mut zu hören.

Mut, den brauchte Grundschulleiterin Heidemarianne Henß, um das Projekt im Januar zu planen. Wer heutzutage über Schulen spricht, beschäftigt sich weniger mit Massenevents als mit Hygieneplänen, Ängsten und Vorwürfen. Immer noch warnen Lehrerverbandsvertreter lautstark vor Ansteckungen im Klassenraum. Eltern schlagen in Online-Foren teils schrille Töne an. Zuletzt sah sich Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien gezwungen, ihren Twitter-Account zu deaktivieren nachdem ein Shitstorm über sie hereinbrach. Es ging um die Gefahren für Kinder in Schulen durch Omikron.

Die Lehrer an der Grundschule Pye in Osnabrück sind keine Coronaleugner. Hier tragen alle Masken, halten Abstände ein und lüften. Aber: „Wir haben einen pädagogischen Auftrag und Schule ist mehr als Deutsch und Mathe“, sagt Schulleiterin Henß und fügt mit Blick auf die Afrika-Woche hinzu: „Ich bin froh, dass wir das gemacht haben.“

Sicher – auch in Pye gibt es besorgte Eltern. Und so stellte die Schule frei, die Schüler an der Veranstaltung teilnehmen zu lassen. Am Ende entschieden sich nur zwei Familien dagegen.

Von der großen Abschlussveranstaltung, einem kindergerechten Event irgendwo zwischen Musik, Sport, Disney und Schauspiel, hat die Schule für die Schüler ein Video gedreht – eine gute Stunde lang. Die Schüler tragen die ganze Zeit über Masken. Dennoch ist es nicht schwer das Grinsen auf den Gesichtern der Erst- bis Viertklässler zu erkennen und die Energie des Gruppenevents nachzuempfinden. Schulleiterin Heidemarianne Henß sagt: „Zwischendurch hatte ich echt Gänsehaut. Die Kinder waren so konzentriert und sahen so glücklich aus.“

Einige Tage später im Klassenraum von Rolf Kindermann, Klassenlehrer von Viertklässlern: Auf den Pulten liegen Päckchen mit Corona-Tests. Die neongrünen Stühle sind hochgestellt.

Wegen des Sturms fällt die Schule heute aus. Kindermann und Henß sitzen auf Abstand und erzählen von ihrem Schulalltag. Das Trommel-Event, so wird deutlich, steht stellvertretend für den Umgang der Schule mit der Pandemie. Kindermann betont: „Ja, wir haben Masken auf und halten Abstand. Aber ansonsten machen wir Unterricht wie eh und je. Ich versuche, mir das in keiner Faser meines Lehrerherzens anmerken zu lassen, dass mich das irgendwie stört.“

Seit Anfang Januar wurden 30 Infektionen an der Schule nachgewiesen, erzählt die Schulleiterin. Ein Drittel der Schüler also. Henß betont: „Wir merken: Die Infektionen kommen nicht aus der Schule, sondern aus dem Privatbereich, zum Beispiel durch Kindergeburtstage.“ Kein einziger Kollege habe sich in der Schule infiziert. Nur eine Lehrerin habe im vergangenen Herbst Corona gehabt – allerdings in den Herbstferien, nicht während der Schulzeit. „Ich erlebe die Schule als sicheren Ort“, sagt Henß.

Rolf Kindermann fügt hinzu: „Vergangenen Montag saß ich neben einem Schüler, der am Dienstag positiv getestet wurde und ich gehe auf die 50 zu. Aber ich schütze mich mit meiner Maske, wir lüften kontinuierlich und lasse mich impfen – ich bin völlig angstfrei.“ An seinem Pult hat der Lehrer eine Glasscheibe, die Ansteckungen verhindern soll. „Die benutze ich im Alltag vielmehr dazu, um Post-Its daran zu kleben.“

Wer in Quarantäne ist, wird digital zum Unterricht zugeschaltet. „Wir haben da unfassbar geringe Reibungsverluste und es ist nur ein geringer Mehraufwand“, sagt Kindermann. „Ich bin entspannter, weil ich die Kinder, die zu Hause bleiben müssen, im Unterricht mitnehmen kann und die Kinder freuen sich, dass sie am Klassengeschehen teilnehmen dürfen.“

Die Coronazahlen hat die Trommel-Woche übrigens offenbar nicht in die Höhe getrieben. In der Woche danach wurden sieben Kinder positiv getestet - sechs von ihnen hatten den gleichen Kindergeburtstag besucht. Bei einem waren die Eltern infiziert.

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