Berlin
Ukraine-Krise: So groß ist die militärische Stärke Russlands
Der Kreml hat in den vergangenen Jahren stark in seine Streitkräfte investiert. Wladimir Putin befehligt eine Streitmacht von rund 900.000 Soldaten. Einige davon sind bereits kampferprobt.
Russland hat in den vergangenen Jahren massiv für die Modernisierung seiner Streitkräfte gesorgt. Unter Präsident Wladimir Putin hat sich die von Unterfinanzierung und Korruption geplagte ehemalige Sowjetarmee zu einer modernen, zahlenstarken und mittlerweile auch kampferprobten Truppe entwickelt.
Im Konflikt mit der Ukraine und ihren westlichen Partnern sind die Truppen bei weitem das stärkste Druckmittel des Kreml-Chefs. Die Streitkräfte haben nur noch wenig gemein mit der Truppe, die in den 1990er-Jahren Mühe hatte, die tschetschenischen Rebellen in Schach zu halten. „Die Modernisierungsbemühungen in den letzten zehn Jahren waren für das reine Überleben der russischen Armee notwendig“, sagt der Militärexperte Wassili Kaschin von der Hochschule für Wirtschaft in Moskau. Und weiter:
Auch die britische Denkfabrik für Militärkonflikte „International Institute for Strategic Studies“ (IISS) schreibt in einem Bericht Mitte Februar von umfassenden Modernisierungen in den russischen Streitkräften. Das Institut veröffentlicht jährlich Berichte über militärische Kapazitäten und Konfliktlagen in der ganzen Welt. Ein neuer politischer Wille und ein finanzieller Aufschwung hätten 2008 den Anstoß für einen „New Look“ in allen Teilstreitkräften gegeben, wie das Institut schreibt. Die strategischen Streitkräfte und die Luft- und Raumfahrtkräfte sollen den Experten zufolge am meisten modernisiert worden sein.
Auch die Führungsstruktur der russischen Streitkräfte wurde in den vergangenen Jahren angepasst: Laut Institut soll dazu ein „Nationales Zentrum für Verteidigungsmanagement“ eingerichtet worden sein. Außerdem gehöre zu der Modernisierungsagenda, eine Armee der Massenmobilisierung wie noch in Sowjetzeiten abzuschaffen. Stattdessen sollte eine Truppe entstehen, die nicht von Wehrpflichtigen und einer Mobilmachung abhängig ist.
Eine besondere Umstellung in der Teilstreitkraft des Heeres soll außerdem die Struktur der Bodentruppen im Einsatz betreffen: Dem Institut zufolge sollen 2012 sogenannte „taktischen Bataillonsgruppen“ eingeführt worden sein. Eine solche „BTG“ bestehe in der Regel aus einem Panzer- oder Infanteriebataillon, das mit Panzern oder Infanterie, Artillerie, Luftabwehr, elektronischer Kampfführung und anderen Kampfunterstützungsmitteln verstärkt werde.
Die Experten aus London weisen darauf hin, dass die russischen Streitkräfte durch die erfolgreiche militärische Intervention auf der Krim, bei verdeckten Kampagnen in der Ostukraine und im Syrienkonflikt wertvolle operative Erfahrungen gesammelt haben. Seine neue militärische Stärke habe der Kreml laut der Nachrichtenagentur AFP außerdem mit seinem massiven Eingreifen in den Syrien-Konflikt seit 2015 unter Beweis gestellt.
Wie die folgenden Grafiken veranschaulichen, ist Russland im aktuellen Konflikt der Ukraine militärisch klar überlegen: Demnach verfügt Russland über mehr als das Vierfache an aktivem Personal und weitaus mehr Reservisten, dem Fünffachen an Panzerfahrzeugen und dem Neunfachen an Kampfflugzeugen. Mehr als die doppelte Kampfkraft könne Russland auch in puncto Artilleriegeschütze auffahren: Circa 5700 Geschütze soll die russische Streitmacht zählen, die Ukraine hätte nur 2000 Haubitzen entgegensetzen.
Russland hatte 2020 einen Verteidigungsetat von 61,7 Milliarden US-Dollar. Die Ukraine hingegen gab knapp sechs Milliarden US-Dollar für ihre Streitkräfte aus.
Das russische Militär hat in den vergangenen Jahren stetig mehr Geld bekommen. Datenerhebungen des Friedensforschungsinstituts Sipri von 2020 veranschaulichen, dass Russland die vierthöchsten Militärausgaben weltweit kalkuliert. Seit 2011 hätten sich die Ausgaben um 26 Prozent erhöht. Zum Vergleich: Deutschland gab laut der Datenerhebung 2020 noch 53 Milliarden Dollar für seine Streitkräfte aus und rangierte so weltweit auf Platz sieben. Das deutsche Militärbudget hatte seit 2011 einen Zuwachs von knapp 30 Prozent, wie die folgende Grafik veranschaulicht.
Als das schlagkräftigste Militär weltweit gilt nach wie vor das US-amerikanische. Die Datenerhebung stützt diese Einschätzung: Sie lässt erkennen, dass die USA mit Ausgaben von 778 Milliarden Dollar mit Abstand am meisten in ihr Militär investieren. Und das, obwohl die Ausgaben seit 2011 um zehn Prozent gesunken sind. Als aufstrebenste Streitmacht gilt China: Dessen Budget erhöhte sich zwischen 2011 und 2020 um mehr als drei Viertel.