Kolumne: Artikel 1, GG
Mit Texten sich selbst aufspüren
An sechs Tagen pro Woche veröffentlichen wir auf unserem Online-Auftritt eine Kolumne. Mittwochs geht es um Diversität.
Vergangene Woche habe ich an der Schule, deren Patin ich bin, eine Schreibwerkstatt zu biografischen Texten angeboten. Teilgenommen hat an dem Workshop eine Klasse mit rund 30 Schülerinnen und Schülern. Die Schule, in der ich immer wieder mal unterschiedliche Projekte anbiete, ist in meiner Nachbarschaft, die Schülerinnen und Schüler sind eine „bunte“ Gruppe. Fast alle sind in Hanau geboren, mehr als drei Viertel haben aber Eltern oder Großeltern, die aus einem anderen Land stammen. An dieser Integrierten Gesamtschule ist das – im Gegensatz zu dem ein paar Kilometer entfernten humanistischen Gymnasium – die Realität. Meine Idee für den Workshop war, dass die Achtklässler sich über kleine und leichte Schreibübungen aufspüren: Welches ist die erste Erinnerung, was war das Lieblingsspielzeug, was ist daraus geworden? Nach den Aufwärmübungen lenkte ich ihre Gedanken in die Zukunft: „Wer und was bin ich in zehn Jahren?“
Zur Person
Canan Topçu (56) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Ich bat die Jugendlichen, sich schreibend Gedanken zu machen. Und wer mochte, konnte anschließend seinen Text vorlesen. Etliche trauten sich und lasen laut vor – tolle Texte, die mich so sehr rührten, dass ich Tränen unterdrücken musste. Ich habe alle gelobt – auch die, die nicht vorgelesen haben – dafür, dass sie mitgemacht haben. Wenn ich solch einen Workshop anbiete, dann haben nicht nur die Teilnehmer etwas davon, sondern auch ich sehr viel! Zunächst einmal einfach nur die Freude darüber, dass es mir gelingt, die Schüler und Schülerinnen zum Mitmachen – also zum Schreiben und Vorlesen – zu motivieren; ich freue mich auch, weil ich über die Texte und die Gespräche Einblicke in die Lebenswelt junger Menschen erhalte.
Auf dem 15 Minuten langen Fußweg nach Hause überschatten diesmal aber Sorgen meine Freude über den gelungenen Workshop. Weil ich mich fragte, ob das, was ich mache, nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist.
Kontakt: kolumne@zgo.de
Vorlesetag stand unter dem Motto „Gemeinsam einzigartig“
Herzliche Weihnachtsgrüße aus Schülerfeder