Kolumne: Alles Kultur

Chapeau!

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 21.02.2022 09:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Sechsmal in der Woche veröffentlichen wir auf unserem Internet-Auftritt eine Kolumne. Montags geht es immer um Kultur.

Elbsegler, Prinz-Heinrich, Zylinder, Melone, Barett: Kopfbedeckungen aller Art – ich liebe sie. Meine Liebe geht so weit, dass ich Mütze sogar nachts trage. Sie hält mich warm, wenn meine Frau wieder meint, des Nachts trotz Minustemperaturen die Fenster aufzureißen, weil sie Hitze hat. Eine Mütze ist auch tagsüber eine Entscheidung, die weit reicht. Denn einmal aufgesetzt, erlaubt es die Frisur nicht mehr, sie wieder abzusetzen.

Zur Person

Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

Ich habe auch bei der Bundesversammlung eine Kopfbedeckung getragen, genauer gesagt ein sogenanntes Trucker-Cap. Und als ich morgens vor der Wahl im Gottesdienst saß und Pfarrer, Rabbiner und Imam in die Kirche einzogen, ebenfalls mit unterschiedlichsten Kopfbedeckungen, stellte ich mir die Frage, ob ich meine Kappe jetzt eigentlich abnehmen müsste. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gott das total egal ist, ob ich was auf dem Kopf habe oder nicht, aber die gesellschaftlichen und religiösen Konventionen geben da oft klare Anweisungen. Und gerade in diesem doch bedeutsamen Kontext, bei dem viele Augen auf mich gerichtet waren, wollte ich wirklich nichts falsch machen.

Auch wenn ich nicht respektlos jemandem gegenüber war, wollte ich aufgrund meiner Kopfbedeckung nicht trotzdem respektlos erscheinen. Was in dem einen Gotteshaus eine Geste der Ehrfurcht ist, ist in dem anderen eine der Respektlosigkeit. Ich gebe zu, ich war verunsichert. Hinter mir saß Schwester Maria Hanna, Generaloberin, natürlich mit Kopfbedeckung. Aber spätestens seit der „Kopftuchdebatte“ wissen wir in Deutschland, dass Frauen mit zweierlei Maß verurteilt werden. Was bei Nonnen okay ist, ist bei Frauen anderer Religionen nicht erwünscht.

Seit dem 13. Jahrhundert ist das Hutabnehmen zur Begrüßung ein Zeichen der Ehrerbietung. Der Rangniedere muss vor dem Ranghöheren den Hut abnehmen. Bei der Bundesversammlung waren wir aber doch alle gleich. Sogar Roland Kaiser musste wie ich zwei Stunden in der Kälte stehen, um den vorgeschriebenen Corona-Test beim Reichstag zu machen. Und nach dem ersten Kompliment für meine Kappe war klar: alles richtig gemacht. Wie ist das bei Ihnen: Hut auf? Hut ab?

Kontakt: kolumne@zgo.de

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