Tiertransporte
Tiertransporte: VOST wehrt sich gegen Kritik
Der Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter sieht sich wegen Tiertransporten, etwa nach Marokko, Kritik ausgesetzt. Doch fühlt das Unternehmen sich „zu Unrecht an den Pranger gestellt“.
Aurich - Zwischen Aurich und Marokko liegen mehrere Tausend Kilometer Autobahn und die Meerenge von Gibraltar. Je nach Route sind es etwas weniger als 3000 Kilometer von Ostfriesland bis zum spanischen Hafen Alcegiras. Es ist einer der Häfen, wo Tiertransporter auf Fähren rollen, die von dort in Richtung Nordafrika schippern, ehe die Tiere unter anderem in Marokko abgeladen werden. Dass etwa vom Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST) abgefertigte Laster mit trächtigen Kühen an Bord diese Strecke fahren, ist langjährige Praxis. Bundesweit führen neun von rund 400 deutschen Landkreisen 97 Prozent aller Rinderexporte in Drittländer durch. Dabei lag Aurich 2019 bundesweit auf Rang drei (6251 Rinder) nach dem Emsland mit 7197 Tieren sowie im brandenburgischen Teltow-Fläming.
Was und warum
Darum geht es: Der VOST verteidigt sich gegen Kritik an Tiertransporten
Vor allem interessant für: Landwirte und Tierschutzinteressierte
Deshalb berichten wir: Für April ist eine Großdemo gegen Lebendtiertransporte in Aurich geplant. Wir haben den Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter gefragt, wie er zur Kritik an der Branche und den Transporten steht. Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de
Doch in den vergangenen Jahren ist die Kritik an diesen Transporten über weite Strecken immer lauter geworden – und umso deutlicher, nachdem Tierschützer vor Ort beobachtet und belegt haben, wie Kühe in Marokko nach dem Abkalben ohne Betäubung geschächtet wurden. Marokko gilt als Tierschutz-Risikogebiet. Seitdem blickt auch die Politik genauer und kritischer hin. Rund 22.000 Kälber werden jährlich aus Niedersachsen exportiert, etwa die Hälfte davon aus Aurich. Deutlich häufiger als früher steht damit auch die Praxis des VOST in kritischem Licht. Mahnwachen formieren sich am Viehvermarktungszentrum in Aurich-Schirum, und für den 9. April haben sich prominente Tierschützer aus ganz Deutschland angekündigt, zu einer Demonstration samt Kundgebung. Was treibt die Kritiker an? Und was sagt der VOST dazu?
Ministerin will Verbot von Transporten in Drittländer
Auch in weitere Drittstaaten außerhalb der EU wie Russland, Usbekistan, Ägypten oder Algerien gehen Transporte mit Rindern. Dort gelten andere Tierschutzgesetze, der Weg dorthin ist von Deutschland aus weit. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Berichte über zu eng gepferchte Tiere, unzureichend ausgestreute Transporter, zu wenig Futter und Wasser, zu hohe Temperaturen in Richtung Süden, mitunter auch bittere Kälte in Wagen gen Russland. Zu einem Verbot der Transporte in Drittländer konnte das EU-Parlament sich Ende 2021 nicht entschließen, hat von der Kommission in Brüssel aber schärfere Regeln verlangt. Im Mai versuchte das Land Niedersachsen etwa einen Transport mit tragenden Kühen zu verhindern, die von Bayreuth aus etwa 650 Kilometer weit nach Aurich transportiert worden waren, um von dort dann noch weiter in die Westsahara nach Marokko gebracht zu werden. „Aus Niedersachsen soll kein Transport mit tragenden Kühen in unsichere Drittstaaten gehen“, sagte Agrarministerin Barbara Otte-Kinast. „Aufgrund der geografischen sowie klimatischen Verhältnisse in Marokko und der insbesondere damit einhergehenden landwirtschaftlichen Strukturen ist davon auszugehen, dass die deutschen Rinder, die auf Hochmilchleistung gezüchtet sind, dort nicht entsprechend dem nationalen Tierschutzstandard gehalten werden können“, fügte sie an.
Auch sei in überschaubarer Zukunft damit zu rechnen, dass der weit überwiegende Teil der Rinder entsprechend der dortigen Rechtslage betäubungslos geschlachtet (geschächtet) werde. Dieses sei grundsätzlich nicht mit dem nationalen Tierschutzrecht vereinbar und stelle eine konkrete Gefahr im Rechtssinne dar. Sie forderte ein Verbot der Transporte in Drittländer. Der Tierschutz ist seit 2002 als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Das Verbot wurde gerichtlich gekippt.
„Zu Unrecht an den Pranger gestellt“
VOST-Geschäftsführer Cord-Hinnerk Thies weist die publik gewordenen Vorwürfe mit Blick auf sein Unternehmen weit von sich. „Wir fühlen uns zu Unrecht an den Pranger gestellt“, sagt er. „Wir stellen uns der Sache, leben in einer Demokratie. Wir müssen aber unsere Stimme auch erheben, weil wir überzeugt sind und alles dafür tun, einen guten Job zu machen und die Tiere sogar zu schützen.“ Es gebe immer mal schwarze Schafe in der Branche, aber der VOST arbeite seriös. Frank Tholen, beim VOST für den Export und die Transporte zuständig, sagt: „Die Tiere kommen gesund, vital, gefüttert und gut gepflegt am Ziel an.“ Die Transporter seien mit Tränken und Futter bestückt, sorgsam eingestreut, hätten Temperaturfühler und alle Fahrzeuge seien zu jedem Zeitpunkt auch von Kontrollbehörden überprüfbar: ob sie sich an die Routen halten und wie warm oder kalt es etwa im Inneren sei. Strecken würden in enger Absprache mit dem Veterinäramt und Ministerium immer wieder akribisch geplant und abgestimmt, Ruhestellen gesucht.
Vier Tage dauert in der Regel ein Transport nach Marokko mit je 24-stündigen Zwischenstopps in Frankreich und Spanien. „Bei jedem Be- und Entladen, auch im Quarantänestall am Zielort, sind immer Veterinäre dabei, die die Tiere untersuchen“, versichert Tholen. Kranke oder gar auf dem Transport verendete Tiere habe man beim VOST nicht zu verzeichnen gehabt.
„Die Tiere sind ein Investitionsgut“
Aber warum ausgerechnet solch lange Transporte? Und wie genau weiß der VOST, dass seine Kühe in Marokko eben nicht kurz nach dem Abkalben geschächtet werden? Auch, weil sich dort Deutschem Tierärzteblatt die Zahl der Milchkühe seit 2010 nicht erhöht hat, obwohl allein aus Deutschland seither mehr als 70.000 solcher Rinder dorthin verkauft wurden. „Tiere, die wir dorthin liefern, sind vor allem schwarzbunte Holstein-Rinder. Hochleistungskühe. Die kommen in moderne Ställe, werden zur Milchproduktion genutzt und das für viele Jahre. Die Tiere sind ein Investitionsgut, bei dem die Kunden etwa in Marokko sehr hohe Anforderungen an die erwartbare Leistung und Abstammung stellen“, sagt VOST-Chef Thies. „Unsere Kunden sind keine Glücksritter. Und die Tiere sind viel zu hochpreisig, um sie einfach nach dem Abkalben zu schlachten. Das wäre total unwirtschaftlich.“
Der VOST stehe für deutsche Gründlichkeit und Qualität. Immer wieder sehe man sich die Ställe der Kunden auch an. „Wenn die Kunden trotz der ganzen Kritik an Transporten, weiterhin bei uns nachfragen, kann es ja nicht so schlecht gewesen sein“, sagt Exportleiter Tholen. „Die müssen ja in neuen Betrieben gut gelebt und gewirtschaftet haben.“ Und Cord-Hinnerk Thies ergänzt: „Man sagt immer: Am besten ist, wenn der Kunde zurückkommt und nicht das Produkt. Man kann genauso gut mit dem Flieger nach Marokko reisen wie mit dem Laster mit uns.“ Auch Kritik von Amtstierärzten, die 2019 entlang von Viehtransportrouten über Russland nach Kasachstan marode oder nur auf dem Papier existente Ruhestellen dokumentierten und weitere Missstände auflisteten, entgegnet der VOST. „Wir steuern ausschließlich offiziell vom Ministerium zertifizierte Ställe an, und die Betriebe dort sind modern und gut geführt“, sagt der Auricher Standortleiter Heiner Saathoff.
„Würden es gern weitermachen“
Er fügt an „wenn wir auch die Banner der Protestierenden bei Mahnwachen sehen, ,von hier direkt in die Hölle‘, dann trifft uns das tief, denn wir arbeiten sehr hart dafür, alles gut zu machen – und auch die ostfriesischen Landwirte, die sich als Züchter einsetzen“. Kann man aber nicht stärker auf kürzeren Wegen vermarkten? Tholen sagt: „Wir helfen in Ländern wie Marokko mit, weil die sich sonst nicht selbst mit Milch versorgen könnten. Und so lange es rechtlich erlaubt ist: Wenn die Nachfrage bleibt, und die Rinder verfügbar sind, würden wir es gern weitermachen. Gerade weil wir überzeugt sind, dass wir es gut machen.“