Kolumne Intern
Was sollen wir mit anonymen Briefen machen?
Wer Kritik übt, sollte dazu stehen. So ist es in der Demokratie üblich, in der jede Meinung gleich diskussionswürdig ist. Kritik in anonymen Schreiben zu verteilen, ist hingegen hinterhältig.
Diese Woche erreichte mich wieder mal ein anonymes Schreiben. Das ist nichts Ungewöhnliches, die meisten davon enthalten Beschimpfungen oder Weltverbesserungsvorschläge, dieser Brief aber war sachlich formuliert und setzte sich kritisch mit dem am Montag erschienenen Interview mit Kirchenpräsidentin Susanne Bei der Wieden auseinander.
Es seien die falschen Fragen gestellt worden, es habe zum Beispiel die Auseinandersetzung darüber gefehlt, wie die Kirche mit der steigenden Zahl an Austritten und mit dem Personalmangel umgeht. Stattdessen sei der Theologin die laut Kritiker unerhebliche Frage nach der Impfpflicht gestellt worden.
Kein Zweifel, diese Kritik ist berechtigt. Es gibt jeden Grund, darüber zu diskutieren, ob wir als Interviewer die falschen Themen abgefragt haben. Wir hätten uns selbstverständlich auch anderen Problemen widmen können. Darüber hätte ich mich gerne mit dem Briefschreiber auseinandergesetzt. Geht aber nicht, ich kenne weder seinen Namen, noch habe ich Kontaktdaten.
Das ist schade, weil es einen Dialog unmöglich macht. Und es ist auch hinterhältig – in diesem Fall gegenüber den Reformierten –, weil auf diese Wege bösartige Gerüchte – und nichts anderes sind die Anmerkungen, wenn sie nicht überprüft werden können – in die Welt gesetzt werden sollen. Warum in aller Welt hat der Briefeschreiber also nicht seinen Namen daruntergesetzt? Wovor hat der Mann (das schließe ich sehr voreilig aus dem Schreibstil) denn Angst?
Zur Person
Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.
Eine Antwort auf diese Frage werden wir wohl nicht bekommen, wie auch bei den vielen anderen anonymen Schreiben nicht. All diese Briefe wandern nach dem Lesen in den Papierkorb, haben also nicht die erwünschte Wirkung. Vor allem dann nicht, wenn es keinen Grund für Anonymität gibt. Selbst „Whistleblower“ mit brisanten internen Ínformationen müssen sich gegenüber uns Journalisten im Regelfall zu erkennen geben. Darum also der Tipp: Sparen Sie sich künftig Arbeit und Briefmarke. Anonyme Briefe lohnen sich nicht.
Kontakt: j.braun@zgo.de
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