Geburtshilfe
Hebamme mit Studium: Lohnt sich das?
Natascha Wessels und Luca Uhrlau studieren Hebammenwissenschaft. Praktisch lernen sie alles von Hebamme Anne Gerdes in Papenburg. Die bemerkt Unterschiede zwischen Schülerinnen und Studentinnen.
Ostfriesland/Papenburg - Für Natascha Wessels und Luca Uhrlau ist es nicht das erste Studium. Die 26-jährige Uhrlau hat Kulturmanagement studiert, die 33-jährige Wessels machte zunächst einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre. Doch beide Frauen waren damit nicht zufrieden. Sie änderten den Kurs und werden nun Hebammen.
Was und warum
Darum geht es: Hebammen lernen ihren Beruf nicht mehr in der Schule, sondern studieren jetzt.
Vor allem interessant für: Werdende Mütter und Eltern.
Deshalb berichten wir: Hebammen sind bei Geburten unentbehrlich. Ihre Ausbildung wurde nun massiv umgekrempelt. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Die beiden absolvieren im Marien-Hospital in Papenburg den praktischen Teil zum Studium der Hebammenwissenschaften. Das Krankenhaus arbeitet mit der Jade Hochschule zusammen. Seit Beginn des Jahres 2020 steht fest, dass der Hebammenberuf akademisiert wird. Dieser Beschluss wurde vom Land Niedersachsen gefasst. Das duale Studium ist auf sieben Semester ausgelegt und sieht eine theoretische und praktische Ausbildung mit einem gleichgewichtigen Anteil vor.
Acht Hebammen-Studentinnen in Ostfriesland
Auch in Ostfriesland gibt es Hebammen-Studentinnen. Der Klinikverbund Aurich-Emden-Norden bildet derzeit zwei Hebammen aus, im Borromäus-Hospital in Leer sowie im Klinik Leer sind es jeweils drei Frauen. Alle arbeiten mit der Jade-Hochschule zusammen. Praktisch absolvieren die Studentinnen 2200 Stunden im Klinikum, 2200 Stunden Theoriestunden fallen in der Hochschule an und 2200 Stunden sind wahlweise praktisch oder theoretisch abzuleisten. Die Erfahrung ist sehr gut. „Wir sind froh, neben der dreijährigen Ausbildung zur Hebamme zusätzlich die Möglichkeit des dualen Hebammenstudiums auch in unserer Region anzubieten, um einen ,eigenen‘ Hebammennachwuchs auszubilden“, so Anna Böke-Appel, leitende Hebamme im Klinikum Leer. Auch Kea Jacobs, leitende Hebamme im Borromäus-Hospital ist zufrieden: „Aufgrund unseres Konzepts der familienorientierten Geburtshilfe können unsere Studentinnen umfangreich ausgebildet und angeleitet werden.“
Doch braucht es wirklich ein Studium für einen Job, der jahrhundertelang ohne auskam? Diese Frage kam in der Diskussion um die Akademisierung des Berufs oft auf. Die beiden Hebammen-Studentinnen sind bei dieser Frage entspannt. „Es geht ja nicht darum, dass die Arbeit der nicht-studierten Hebammen schlechter ist“, erklärt Luca Uhrlau. So bringe das Studium einen zusätzlichen wissenschaftlichen Aspekt in die Arbeit. Außerdem könnten Absolventinnen des Studiengangs später nicht nur in der Geburtshilfe arbeiten, sondern zum Beispiel auch in Forschung und Lehre an der Hochschule gehen. „Der Bachelorabschluss sichert zudem, die internationale Anerkennung des Abschlusses“, sagt Wessels, die bereits im Ausland studierte.
Mehr theoretisches Wissen
Einen Unterschied zwischen Studentinnen und Hebammen-Schülerinnen hat Anne Gerdes, leitende Hebamme in Papenburg, auch festgestellt. Jahrelang arbeitete sie mit den Schülerinnen zusammen. „Die hatten weniger theoretisches Vorwissen“, sagt Gerdes. Sie hätten oft weniger Ansprüche an die Praxis gehabt. Das theoretische Wissen sei nach und nach gewachsen. Besser sei allerdings, dass das Krankenhaus die Hebammen-Studentinnen selbst einstellen könnte, denn ohne Arbeitsvertrag mit dem Krankenhaus – das die Studentinnen auch bezahlt – kann das Studium nicht angetreten werden. So könne man die geeignetsten Kandidatinnen auswählen. „Viele haben bereits ein Praktikum oder eine Hospitanz absolviert“, sagt Gerdes. Denn Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen und Situationsmanagement könne man nicht vermitteln. „Die müssen die Hebammen mitbringen“, sagt Gerdes.
Natascha Wessels und Luca Uhrlau waren mittlerweile schon bei zahlreichen Geburten dabei. Ihre Berufswahl bereuen sie nicht. „Es macht immer noch so viel Spaß. Ich habe noch nie erlebt, dass mir auch Lernen so viel Spaß macht“, sagt Wessels. In eineinhalb Jahren werden die beiden Frauen ihr Studium abschließen. Männer gibt es übrigens im gesamten Studiengang an der Jade Hochschule keine.