Hamburg/Rostock
So hilfst Du Deinem Kind, wenn es gemobbt wird
Eines von sieben Kindern in Deutschland wurde schon einmal online gemobbt. Was Du tun kannst, wenn Dein Kind gemobbt wird - und was, wenn es Täter ist.
In diesem Artikel erfährst Du:
Früher war mit Mobbing oft an der Grenze des Schulhofs Schluss. Zu Hause war man in Sicherheit, zumindest in seinem Kinderzimmer hatte man seine Ruhe. Mit dem Internet sind solche Zeiten vorbei. Denn online geht es immer weiter - und ein Entrinnen scheint vielen unmöglich. 14 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahre werden gemobbt, fünf Prozent sind Mobber. Das ergab eine kürzlich veröffentlichte Studie der Barmer Krankenkasse.
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Die mobbenden Kinder beleidigen, verbreiten Gerüchte, schließen aus oder posten peinliche Bilder der Betroffenen in Sozialen Netzwerken oder WhatsApp-Gruppen. Doch was kann man tun, damit das Mobbing aufhört? Wann sollten Eltern eingreifen? Und was kann ich tun, damit es gar nicht erst so weit kommt?
Der Verein „Prävention 2.0“ will Schüler, Eltern und Lehrer für das Thema Cybermobbing sensibilisieren. Gesa Stückmann ist Rechtsanwältin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins. Die Rostockerin bietet im Rahmen des Projekts „Law4School“ die bundesweite einzige anwaltliche Aufklärung zu juristischen Themen rund um Cybermobbing an.
Mit #neo hat sie darüber gesprochen, was ihr betroffene Eltern schildern, warum Lehrer teilweise nicht helfen können und was effektiver als eine Strafanzeige seien kann.
Frage: Frau Stückmann, was ist Cybermobbing?
Antwort: Cybermobbing ist Mobbing unter Zuhilfenahme von digitalen Medien über einen längeren Zeitraum und in der Regel gegen eine Person gerichtet.
Frage: Welche Formen des Cybermobbings gibt es?
Antwort: Das fängt damit an, dass man eine WhatsApp-Gruppe gegen eine Person öffnet, in der die Person sogar Mitglied ist. Man erstellt ein Fake-Profil der Person auf Social Media und verbreitet dort Lügen und Gerüchte über sie oder teilt peinliche Bilder von ihr.
Frage: Findet Cybermobbing eher im öffentlichen Raum statt oder in privaten Nachrichten oder Gruppen?
Antwort: Es passiert viel in Gruppen, aber auch ganz öffentlich über sogenannte ,Beichtstühle‘, auf denen anonym Lügen und Gerüchte verbreitet werden. Das gab es früher schon bei Facebook und jetzt auch bei Instagram. Ob eher im Privaten oder in aller Öffentlichkeit gemobbt wird, ist von Fall zu Fall verschieden. Den Tätern ist oft nicht klar, dass Social Media der öffentliche Raum ist, weil sie die anderen nicht sehen. Deswegen passiert es schnell, dass etwas aus dem privaten Raum nach außen getragen wird.
Frage: Wie unterscheidet sich Cybermobbing vom Mobbing, dass es ja schon immer auch auf dem Schulhof gab?
Antwort: Zum einen gehen die Täter vermeintlich anonym vor, sodass die Betroffenen gar nicht wissen, wer dahintersteckt und mitmacht. Zum anderen ist das Mobbing oft extremer, weil die Täter ihre Opfer nicht sehen. Früher auf dem Schulhof hat man mitbekommen, dass es dem anderen schlecht geht; dass fällt auf Social Media komplett weg. Ich weiß in dem Moment, in dem ich die Nachricht losschicke, nicht, wie es demjenigen geht, der die Nachricht liest, ich weiß nicht, wie er reagiert. Die Täter können sich hinter ihren Geräten verstecken und müssen niemandem ins Gesicht sehen. Zuletzt unterscheidet sich das Cybermobbing vom Mobbing auf dem Schulhof durch die große Öffentlichkeit, die diese Fälle erreichen können. Das gilt auch für Mobbing gegen Lehrkräfte, von denen peinliche Bilder verbreitet werden. Wir haben früher auch über unsere Lehrer irgendwelche Dinge verbreitet, aber das fand auf dem Schulhof statt. Und heute geht es dann zu Instagram oder Youtube und tausende Menschen können sich das anschauen, teilen und glauben es.
Frage: Das Internet vergisst nicht. Was einmal da ist, ist da.
Antwort: Genau, insbesondere wenn es um Sex, Gewalt, Pornographie und Cybermobbing geht. Das sind die Dinge, die Menschen sehen wollen und teilen, wodurch es sich im Netz verankert.
Frage: Woran erkenne ich, dass mein Kind im Internet gemobbt wird?
Antwort: Es ist immer schwierig für Eltern zu erkennen, dass das eigene Kind gemobbt wird. Wenn es sich zurückzieht, nur noch zu Hause ist, sich nicht mehr mit Freunden trifft und zum Einzelgänger wird, sind das Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Zeigt ein Kind, dass sonst fröhlich war, plötzlich an nichts mehr Interesse, könnte das ein Anhaltspunkt sein.
Frage: Sollte ich das Handy meines Kinds kontrollieren, wenn ich die Befürchtung habe, dass es gemobbt wird, sich mir aber nicht anvertrauen möchte?
Antwort: Ich möchte wissen, mit wem mein Kind Kontakt hat. Kinder haben heute über die digitalen Medien zu unzähligen Menschen Kontakt und wir als Eltern haben keine Ahnung. Ich würde aber erst dann in die Chats meines Kinds reinschauen, wenn ich Anhaltspunkte dafür habe, dass es meinem Kind schlecht geht. Dann würde ich es tun. Wir haben aber das Problem, dass die Kinder das in der Regel ablehnen und das Passwort nicht sagen wollen – und wenn es sich beispielsweise um ein neues Iphone handelt, dann hat man ohne Passwort keine Chance.
Frage: Die Eltern sind in dem Moment hilflos.
Antwort: In so einer Situation rate ich Eltern immer, dass sie ihrem Kind klarmachen sollen: ,Ich bin für Dich da, egal was passiert – und wir werden dir das Handy nicht wegnehmen‘. Denn das ist ja die größte Sorge vieler Kinder– zumal sich dadurch nichts ändern würde. Besser ist es, dem Kind zu versichern, dass man für es da ist und an seiner Seite steht. Ich glaube, das ist für viele Kinder wichtig zu hören. Gleichwohl: Ab einem gewissen Alter werden Kinder ihren Eltern nichts sagen. Es gibt Seiten wie „Juuuport“ oder die „Nummer gegen Kummer“, also Anlaufstellen außerhalb der Familie. Aber die müssen die Kinder kennen, um sich dort Hilfe holen zu können.
Frage: Sollte ich als Elternteil eines gemobbten Kinds Kontakt zu den Eltern des Mobbers aufnehmen?
Antwort: Nein. In Schulen gibt es häufig Schulsozialarbeiter, an die man sich wenden kann, oder auch an den Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin, wenn es in der Klasse ein Problem gibt. Es ist aber manchmal auch so, dass die Schule sagt:,Das geht uns nichts an‘ oder ,Das ist alles gar nicht so schlimm‘. Lehrer sind nicht darauf geschult zu erkennen, wann es Mobbing ist. Sie erkennen, dass es einen Konflikt zwischen Schülern gibt, sagen dann aber: ‚Macht das unter euch aus‘. Aber zu erkennen, wann es wirklich Mobbing ist und was ich damit anrichte, wenn ich sage, dass die Schüler das unter sich ausmachen sollen, darauf sind Lehrer ja auch gar nicht ausgebildet. Es ist abzuraten, an die Eltern der Täter herauszutreten, denn das eskaliert oder die Eltern der Täter behaupten, dass ihr Kind nichts gemacht hätte. Dass bewirkt häufig genau das Gegenteil.
Frage: Angespannte Eltern, überforderte Lehrer: Wo kann ich mir Hilfe holen?
Antwort: Es gibt Opferhilfe-Institutionen, die größte und bekannteste ist der „Weiße Ring“. Es gibt ansonsten auch Opferhilfevereinigungen, an die man sich wenden kann. Die beraten, was man selbst noch machen könnte, und wann es so extrem ist, dass man einen Anwalt einschalten sollte.
Frage: Wann sollte man Cybermobbing zur Anzeige bringen und was genau kann ich anzeigen?
Antwort: Erst dann, wenn ich alles andere versucht habe, sollte ich mir überlegen, rechtlich dagegen vorzugehen. Rechtlich heißt nicht unbedingt, Strafanzeige zu stellen, denn wenn die Kinder unter 14 sind, bringt mir die Strafanzeige gar nichts; wenn die Kinder über 14 sind, wird es häufig eingestellt. Eine Strafanzeige ist also nicht unbedingt das Mittel der Wahl. Alternativ gibt es die Möglichkeit, zivilrechtlich vorzugehen. Das kann man auch schon, wenn die Täter noch nicht 14 sind, und zwar mit einer Abmahnung beziehungsweise einer strafbewehrten Unterlassungserklärung. Damit sagt man im Grunde: ,Du musst mir versprechen, dass Du es nicht nochmal machst. Und wenn Du das versprichst und das unterschreibst, dann ist es auch in Ordnung. Wenn das nicht passiert, heißt das für mich, dass Du nicht einsiehst, dass Du einen Fehler gemacht hast, und dann werde ich klagen auf Unterlassung.‘ Das ist der zivilrechtliche Weg, der relativ unbekannt ist. Alle sprechen immer von Strafanzeigen. Beleidung ist ein Straftatbestand, ja. Aber es ist ehrlichgesagt ein zahnloses Monster, denn in diesen Fällen, in denen Kinder jemanden beleidigen, passiert selten etwas.
Frage: Aber dieses zivilrechtliche Vorgehen geht auch gegen die Eltern des mobbenden Kinds.
Antwort: Das Schreiben geht an die Eltern, die stellvertretend für ihr Kind das unterschreiben müssen. Aber damit nimmt man nicht direkt Kontakt auf, wie wenn man die Eltern des Täters anrufen würde. Der Brief kommt vom Anwalt und auf dieser Ebene wird das dann geklärt.
Frage: So eine Erklärung müssten dann die Eltern selbst zahlen?
Antwort: Entweder zahlt man es selbst, die Rechtsschutzversicherung oder, wenn jemand ein geringes Einkommen hat, die Beratungshilfe vom Amtsgericht. Dann übernimmt der Staat die Kosten des Anwalts des Opfers. Diese Kosten werden dann mit der Unterlassungserklärung zusammen aber beim Täter eingefordert.
Frage: Einmal von der anderen Seite betrachtet: Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich Elternteil des mobbenden Kinds bin?
Antwort: Der Instinkt von Eltern ist, dass eigene Kind zu beschützen. Wir müssen als Eltern erkennen, wenn unser Kind einen Weg eingeschlagen hat, der nicht in Ordnung ist und bei dem wir aufzeigen müssen, dass es nicht in Ordnung ist. Aber so handeln Eltern selten. Sie werden versuchen, ihr Kind zu verteidigen und alles abwehren, statt zu akzeptieren, dass etwas passiert ist, dass sich nicht wiederholen sollte.
Frage: Kann es auch rechtliche Konsequenzen gegen die Eltern geben?
Antwort: Nein, auch dieser Satz „Eltern haften für ihre Kinder“ gilt hier nicht. Es geht darum, was das Kind getan hat, und dafür muss es dann Verantwortung übernehmen.
Frage: Auch wenn das Mobbing aufhört, sind die Inhalte trotzdem im Netz. Wie kann man diese Inhalte löschen lassen? Hat man als Elternteil eine Chance, wenn man zum Beispiel Instagram anschreibt?
Antwort: Es gibt die Möglichkeit, Profile zu melden. Bei einem Fake-Profil muss man beispielsweise nachweisen, dass man die dargestellte Person ist und dass das Gezeigte verunglimpfend ist. Aber ich weiß ja nicht, wo diese Bilder sonst schon überall aufgetaucht sind. Das ist wie gegen Windmühlen ankämpfen. Ein wirklich endgültiges Löschen wird schwierig.
Frage: Man muss sich also damit abfinden, dass solche Inhalte im Netz landen können. Kein besonders befriedigendes Ergebnis.
Antwort: Nein. Und deswegen setzen wir auf Prävention, über die rechtlichen Gegebenheiten aufzuklären und aufzuzeigen, was man anderen damit antut.
Frage: Was kann ich präventiv tun, damit mein Kind im Internet sicherer unterwegs ist?
Antwort: Wir bieten bei uns im Verein Live-Webinare für Schulen in ganz Deutschland an, in denen wir die Kinder stark machen und ihnen klar sagen: ,Ihr habt Rechte und müsst euch sowas nicht gefallen lassen und wenn anderen sowas angetan wird, dann hat das Konsequenzen‘. Das Feedback von vielen Schulen ist, dass viele Schüler das nicht bewusst war. Damit erhoffen wir uns eine Bewusstseinsänderung. Ansonsten natürlich die Klassiker: Gib keine Daten von Dir preis im Netz und bedenke, dass Du keine Kontrolle über Fotos hast, die Du über Whatsapp verschickst. Es gibt keinen Fahrplan nach dem Motto: Mein Kind wird nicht Opfer von Cybermobbing, wenn ich das uns das mache. Das kann heute jeden treffen und ist nicht auf Außenseiter begrenzt. Oft wird es durch eine Kleinigkeit ausgelöst, dann machen alle mit und schon ist man mittendrin in so einer Geschichte.